Inhaltsverzeichnis
Tag 1: Kiel - Müritz
Tag 2: Gryfino - Schulzewerder
Tag 3: Insel Schulzewerder
Tag 4: Czarne - Brusy - Camp Lipa
Tag 5: Malbork - Olsztyn
Tag 6: Dywity - Mikołajki
Tag 7: Mikołajki - Ełk - Kloster Wigry
Tag 8: Wigry - Goldap - Seeblick
Tag 9: Jeziorany - Elblag - Camp 69
Tag 10: Weichsel - Schulzewerder
Tag 11+12: Heimreise und Fazit
Platzhalter Motorradreise Polen Masuren
Platzhalter Motorradreise Masuren Polen
Platzhalter Kassenbon
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Platzhalter Tagesabrechnung


Am Kaschubischen Meer

Heute morgen blickt die Sonne gutmütig auf die Insel herunter und schon ist die Welt wieder mein Freund. Jetzt mache ich mich schnell fertig, breche das Lager ab und dann geht es endlich tiefer nach Polen hinein. Bis jetzt habe ich ja nur Wälder und Matsch gesehen.



Die ersten Kilometer geht es noch über Feldwege, aber schon bald komme ich auf die Straße nach Zlocieniec, ehemals Falkenburg. Aha, es gibt also auch eine Straße nach Schulzewerder, man muss sich gar nicht unbedingt durch den Dschungel kämpfen.

Auf einspurigen Alleen fahre ich zwischen brachen Felder hindurch nach Zlocieniec. Auf dem Hinterhof eines Busdepots, irgendwo im Gewerbegebiet, finde ich eine Tankstelle. Ich fülle die KLX bis zum Rand und fahre weiter. Kaffee gibt es leider nicht.

Alte Tankstelle

Kurz hinter der Stadt geht es schon wieder von der Hauptstraße runter. Entlang der sandigen Wege sehe ich viele alte Frauen mit Körben und Eimern, die Pilze sammeln. Am Waldrand stehen Autos mit weit offenen Koffer­räumen, darin verschiedene Behälter voller Pilze. Das Pilzesammeln ist ein polnischer Nationalsport. Allerdings bezweifele ich, dass alle selbst gegessen werden, dazu sind es zu viele, nein, ich denke, die sollen verkauft werden. Heute abend werde ich mir auch ein paar Pilze braten.

Der Weg ist grässlich zu fahren. Früher führte hier eine Kopfsteinstraße durch den Wald, sogar mit einem Kantstein, aber jetzt sind es nur noch Trümmer einer längst vergangenen Epoche. Wer mag diese Straße gebaut haben, vor allem wann und zu welchem Zweck? Hier ist doch nichts.

Holperpiste kaputte landstraße

Feldweg Polen mit Kopfsteinpflaster

Feldweg mit Pfütze

Sogar auf der hochbeinigen Enduro mit ihren langen Federwegen sind diese Strecken an­strengend zu fahren und wann immer ich kann, weiche ich auf den Grünstreifen daneben aus.

Viele Kilometer holpere ich so dahin bis die Steine verschwinden und die Wege sandig werden. Heidekraut wächst am Rand und ich sehe Libellen. So viele und so große Libellen, dass ich es kaum glauben kann. Aus meiner Kindheit kenne ich ein paar einzelne, aber so viele auf einmal?

Heidelandschaft in Polen Kaschubien

Immer wieder gibt es lange Stellen Tiefsand, feiner, weißer Quarzsand, der den Reifen keinen Halt gibt und auf denen die Enduro mächtig ins Schwimmen gerät. Voll konzentriert durchfahre ich sie, wie Furten duch einen Fluss, manchmal ganz vorsichtig und dann wieder Gas, Gas, Gas. Trotzdem bin ich mir bewusst, dass hier vielleicht wochenlang niemand vorbeikommt und bin besonders vorsichtig.

Dorf in Polen

Das Besondere an diesen Strecken ist nicht ihre Schwierigkeit, sondern die vielen, vielen Kilometer, die es auf verlassenen Wegen durch den Wald geht. Genau wie in Schweden und doch völlig anders, oh, ich liebe das.

Kirche Drawien Polen

Kopfsteinpflaster Kaschubien

Kaschubien

Endlich erreiche ich Czarne, eine Kleinstadt am Rande der Kaschubei. Auf der Orlen Station am Stadtrand tanke ich voll und drücke mir eine Schoko­milch aus dem Automaten. Ich drücke auf die Taste, es zischt, es dampft und heiße Milch läuft in den Becher, aber kein Krümel Kakao und der Becher ist nur halbvoll. Ich drücke noch einmal und habe einen vollen Becher kochend heißer Milch. Macht nichts, ich mag heiße Milch.

Kurz darauf komme ich an einem Biedronka Supermarkt vorbei. Sein Logo sind Marienkäfer und der Laden erinnert an unsere Penny Märkte. Ich stelle das Motorrad ab und gehe ein­kaufen: Bier, eingelegte Tomaten, Käse, Brot und Entrecote. Antrykotu steht auf der Packung. Zufrieden verstaue ich meine Beute im Tankrucksack und fahre weiter in den Ort hinein.

Czarne sieht exakt so aus, wie man sich sozialistische Städte vorstellt: In der Mitte ein weit offener Platz für Aufmärsche und Paraden, viel Stein, viel Beton, und drumherum verschieden eingefärbte Plattenbauten. Alles sehr sauber, sehr aufgeräumt, sehr ordentlich, die Blumen­beete in Reih und Glied perfekt bepflanzt.

Langsam fahre ich um den Platz herum und sehe mich neugierig um, jedes Detail interessiert mich. Obwohl alles gepflegt und aufgeräumt ist, wirkt die Architektur auf mich abweisend. Ist es das, was sozialistische Bauart ausmacht? Ich weiß es nicht, davon habe ich keine Ahnung, ich kann es nur empfinden.

An einer Seite des Platzes steht ein altes, hübsch renoviertes Haus mit einem Café darin. Ciacho Café Pyszne Lody, steht auf dem Schild über der Tür. Ich lasse die Enduro auf der Straße stehen und trete durch die schmale Eingangstür in den winzigen Laden ein.

Czarne

In einer Glasvitrine liegen die leckersten Kuchen und feinsten Konditorwaren. Das Angebot sieht ganz anders aus, als bei meinem Bäcker in Kiel. Bei dem gibt es Apfelschnitte, Bienenstich und mit Glück eine Zitronenrolle, aber hier erkenne ich kein einziges der kleinen, kunstvoll verzierten Kuchenstücke. Bereits auf den ersten Blick entdecke ich mein Stück: Einen aufrecht stehender Zylinder, braun gesprenkelt, wie paniert. Das ist meiner.

"Coffee, please, Kaffee bitte", sage ich, als ich an der Reihe bin. Die junge Frau in dem weißen Kittel erwidert in schnellem Staccato etwas, das ich nicht verstehe. Ich sehe mich hilflos um und eine ältere Dame kommt mir zur Hilfe: "Kein Wasser. Nix Kaffee. Vielleicht später." Oh, wie schade, aber dann brauche ich auch keinen Kuchen. Ich verabschiede mich freundlich und trete den Rückzug an.

Hinter Czarne verlasse ich die Hauptstraße und fahre auf Sandwegen zwischen Wiesen und Feldern hindurch. In einem kleinen Wäldchen komme ich an Bäumen voller roter Mirabellen vorbei. Ich halte kurz an und schieße ein Foto.

Feldweg Pommern Kaschubien

Welch eine wunderschöne, verwunschene Strecke und die nicht enden wollenden Sandwege fahren sich auf der Enduro ganz prima.

Schon seit ein paar Kilometern bin ich in der Kaschubei unterwegs, ein polnischer Landstrich, in dem noch heute kaschubisch gesprochen wird, doch vermutlich würde ich den Unterschied nicht bemerken, weil ich beides nicht verstehe.

Sandweg Pommern

Kaschubien werde ich mir auf dem Rückweg von Masuren noch einmal genauer ansehen, denn schon jetzt bemerke ich, wie schön es hier ist.

Nach etwa 60 km erreiche ich Brusy, eine Kleinstadt von 5000 Einwohner in der Kaschubei.

Da vorne sehe ich einen Bäcker, vielleicht bekomme ich dort einen Kaffee. Ich parke vorm Schaufenster und gehe hinein, um zu fragen.

"Coffee? Kaffee?", wende ich mich mit fragendem Blick an die Bäckersfrau. Sie dreht sich um, nimmt ein Pfund Kaffeebohnen aus dem Regal und stellt es vor mich hin. Nein, ein Steh­café beim Bäcker, so wie ich das aus den Dörfern zu Hause kenne, das gibt es hier nicht.

Metzger in Polen

Bevor ich Brusy wieder verlasse, halte ich noch einmal vor einem Supermarkt, um Pilze, Zwiebeln und Bier zu kaufen. Auf dem Weg zur Kasse entdecke ich noch ein Angebot frischer Schweine­rippchen und lasse mir ein paar davon einpacken. Ich habe heute kaum etwas gegessen und glaube nicht, dass ich mit dem Entrecote auskommen werde.

An der Kasse tippt eine junge Frau die einzelnen Positionen in eine winzige Registrierkasse ein und als die Endsumme aufleuchtet, kann ich kaum glauben, wie billig der Einkauf ist. Für die Pilze, eine gute Tüte voll frischer Champignons bezahle ich 34, für die Zwiebeln 2 und für das Schweinefleisch 17 Cent. Am teuersten ist der halbe Liter Bier, er kostet 47 Cent.

Hinter Brusy biege ich ab in einen Wald hoher Nadelbäume. Wie verlassen die Gegend auch ist und wie schmal die Sandwege, die vielleicht auf keiner Karte zu finden sind, so unbeirrbar zeigt das GPS den Weg.

Mehr als einmal stehe ich an einer Gabelung mitten im Wald und studiere das Display, bevor ich mich für eine Richtung entscheide. Das Garmin Oregon 450 entpuppt sich als wahrer Glückskauf und die kostenlosen OpenStreetMap Karten sind unglaublich genau.

Sandweg Polen

Waldweg

Die letzten Kilometer zum Campingplatz sind wirklich Hardcore, breite Wege mit weichem, bodenlos tiefem Sand. Die Enduro schwimmt und ich befolge den Tipp, den ich anderen so gerne gebe: Gas, Gas, Gas!

Das funktioniert anfangs auch ganz gut, aber irgendwann ist die Enduro ausbeschleunigt und plötzlich wird es brenzlig. Ich nehme Gas weg, fange die Maschine wieder ein und fahre so gut es geht auf der Wegschulter entlang.

Dieses Stück macht mir mehr zu schaffen, als ich mir eingestehen mag, und ich merke, dass ich nicht mehr so fahren kann, wie in jungen Jahren, als ich im ADAC Ortsclub Kellinghusen Moto Cross und Trial gefahren bin.

Dafür fahre ich heute vorsichtiger und mache fehlenden Wahnsinn durch Erfahrung wett. Letztlich komme ich auch an, aber es ist nicht mehr dasselbe wie früher. Dabei ist das gerade erst 30 Jahre her.

Heute zelte ich auf der Halbinsel Lipa mitten in der Kaschubei. Camping Lipa liegt am Ostufer des Wdzydze Sees, der auch Das Kaschubische Meer genannt wird, weil er so groß ist. Ohne es zu wissen, habe ich schon einmal etwas gelesen, das genau hier spielt, in der Kaschubei und sogar am Ufer dieses Sees: Günter Grass' Roman Die Blechtrommel.

Zuerst finde ich den Platz nicht und fahre in der falschen Richtung am Seeufer entlang, aber ein Fischer weist mich auf den richtigen Weg. Kurz darauf komme ich an einem Paintball Gelände vorbei, das direkt an den Campingplatz angrenzt. Na bravo, Idioten in Tarnfleck, die Krieg spielen. Wo ist meine Wumme, wenn ich sie brauche?

Heute ist der zweite September und seit gestern sind die polnischen Sommerferien zu Ende. Jetzt sind die Campingplätze nicht mehr mit Partyvolk überfüllt, wie es einem in der Haupt­saison passieren kann.

Ich stelle das Motorrad vor der Rezeption ab und gehe hinein. Der junge Mann am Counter spricht perfekt Englisch und ist ausgesucht höflich und sehr professionell. Er besteht darauf, mir persönlich den Platz zu zeigen. Ich stiefele neben ihm her durch die Schranke und lasse mir das Restaurant, die Waschhäuser und die schönsten Stellen für mein Zelt zeigen. Meine Güte, sind die Menschen aufmerksam hier.

Camping Lipa ist eine große Ferienanlage. Von dem Paintballplatz merkt man nichts, der liegt abgeschlossen in einem Waldgelände. Langsam fahre ich auf den sandigen Wegen über den Platz. Der Junge sagte, am schönsten und einsamsten sei es oben auf dem Steilufer, dort würde ich ganz für mich allein stehen.

Campingplatz Lipa

Der Weg steigt sanft an und führt direkt am Ufer entlang. Ich tuckere langsam weiter, bis ich zu einer Stelle komme, wo ich einen wunderschönen Blick über den See habe. Hier möchte ich bleiben. Der schmale Streifen Gras zwischen Weg und Ufer ist gerade breit genug für Zelt, Motorrad und Kocher.

Ich breite das nasse Zelt im Gras aus und lasse es gründlich durchtrocknen, bevor ich mich daran mache, mein Lager aufzustellen. Das Wetter sieht ganz prima aus und es verspricht ein herrlicher Abend zu werden.

Zelt und Motorrad

Vorne auf dem Platz gibt es ein großes Restaurant und ich meine, auch eine Bar entdeckt zu haben. Pieps und ich starten zu einer Platzrunde über den Campingplatz. Wir gehen einmal um die kleine Halbinsel herum und landen schließlich in der Bar. Die Saison ist vorbei und kein einziger Gast ist zu sehen.

Ich bestelle ein Bier vom Fass und setze mich nach draußen. 4 Złoty, etwa 95 Cent, kostet das Bier und schmeckt wunderbar würzig und frisch. Oh ja, hier gefällt es mir.

26 Seiten Tagebuch habe ich auf dieser Reise erst geschrieben, das ist noch nicht viel, aber ich habe auch wenig Kaffeepausen eingelegt, in denen ich Gelegenheit zum Schreiben gehabt hätte. Am Boden des Bierglases schnappe ich mir Pieps und gehe zurück zum Zelt. Inzwischen habe ich wirklich Hunger bekommen. Habe ich überhaupt schon etwas gegessen heute?

Ich baue die Campingküche im Gras auf und decke das Geschirr auf meinem Tankrucksack mit einem Tempo Taschentuch als Tischdecke. Sowie das Entrecote im heißen Fett brutzelt, mache ich mich daran, die Zwiebeln und Champingnons zu schneiden.

Die Champignons duften so intensiv nach Wald, dass ich die ersten Beiden roh esse, bevor ich die Geduld aufbringe, welche in die Pfanne zu schneiden. Gewaschen habe ich die Pilze nicht extra, aber die paar Krümel Waldboden sind vermutlich sogar noch gesund.

braten kochen vorm Zelt

Während das Entrecote langsam brauner wird, esse ich die eingelegten Tomaten in Öl und öffne meine Dose Bier. Dosenbier, wann hatte ich das zuletzt? Und hier geht sogar noch die Lasche ab und ist nicht festgemacht, wie das bei uns seit Jahren der Fall ist. Polen ist in vielem noch wie früher und macht schon deshalb eine Menge Spaß.

Meine Güte, welch ein schönes Essen. Ich sitze allein vor meinem Zelt, den Tisch zwischen den Knien, darauf ein fettes Entrecote, ein Becher voll Bier und in der Pfanne braten bereits die Schweinerippen, während ich ab und zu von den Pilzen nasche. Viel besser kann so ein Abend nicht sein, oder?!

Später liegen Pieps und ich im offenen Zelt und bewundern den Sonnen­unter­gang über dem Kaschubischen Meer. Außer dem Wind in den Bäumen und ab und zu einem Vogel ist kein Geräusch zu hören.

Sonnenuntergang Zelt

Morgen erreichen wir Masuren. Ob das so ähnlich ist, wie Kaschubien, oder wieder ganz anders? Noch einmal schlafen, dann weiß ich das...

zum nächsten Tag...

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Das war wirklich ein klasse Tag. Soviele neue Eindrücke, so schöne Endurostrecken. Wenn ihr einen Kommentar beisteuern mögt, dann klickt bitte hier. Ich würde mich freuen, aber ein Kommentar per E-Mail ist mir natürlich auch recht.











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Svenja Svendura EndurowandernMade by Svenja Svendura on Apple iMac with Panic Coda and Photoshop Elements.