Frankreich 2015
Tag 1: Kiel - Garrel
Tag 2: Garrel - Grefrath
Tag 3: Grefrath - Eupen
Tag 4: Eupen - Chiny
Tag 5: Florenville - Lesmont
Tag 6: Lesmont - Gien
Tag 7: Gien, Tag des Sieges
Tag 8: Parc Naturel du Morvan
Tag 9: Luzy - Pont de Menat
Tag 10: Gorge de a Sioule
Tag 11: Murol - St.Genevieve
Tag 12: Espalion - Gorges du Tarn
Tag 13: Millau - La Palhere
Tag 14: Villefort
Tag 15: Ardèche - Le Cheylard
Tag 16: Cheylard - Les Eymes
Tag 17: Grenoble - Lac Annecy
Tag 18: Annecy
Tag 19: Annecy - Saint Hippolyte
Tag 20: Saint Hippolyte - Lörrach
Tag 21/22: Autozug - Kiel - Fazit
Platzhalter Motorradreise Auvergne Frankreich
Platzhalter Motorradreise Auvergne Frankreich
Platzhalter Kassenbon
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Platzhalter Pieps hat gesagt
Platzhalter


An der Loire

Der Waschraum ist nicht gerade ein Wellness Tempel, aber an diesem prächtigen Morgen ist das nicht wichtig. Die Sonne scheint liebens­würdig durch eine nicht vorhandene Tür hinein, während ich mir halbherzig ein neues Gesicht male, wohl wissend, dass es spätestens in einer halben Stunde innen an meinem Helm kleben wird.

Campingplatz Waschhaus

Das nasse Handtuch hänge ich zum Trocknen auf die Leine. Es ist eines dieser Outdoor Handtücher, die grässlich stumpf und unkuschelig sind, aber erstaunlich gut funktionieren. Mit einem kleinen Handtuch bekomme ich Körper und Haare trocken und der Lappen selbst trocknet in Rekordzeit wieder und ist viel leichter und kleiner als ein Frottee Handtuch.

Zelt Motorrad Campingplatz

Es ist beinahe 10 Uhr, als ich endlich den Motor starte und durch Lesmont zurück zur Haupt­straße fahre. Die schmale Gasse verläuft mitten durch ein hölzernes Gebäude ohne Türen. Verwundert rolle ich langsam durch die Halle und bestaune die alte Holzkonstruktion.

Rue de la Halle steht auf dem Straßenschild und später recherchiere ich, dass ich soeben durch die Markthalle von Lesmont gefahren bin. Schon seit dem Mittelalter finden hier Märkte statt, auch wenn das heutige Gebäude aus Eichen­holz erst 1855 aufgebaut wurde, nachdem das vorige bei einem Feuer vernichtet wurde.

Markthalle Lesmont Frankreich

Es ist so ein schöner Morgen, aber der Gedanke, dass ich die Tickets für den Autozug nicht habe, knechtet mich, denn ich ahne, wie schwierig es sein wird, ein Internetcafé zu finden. Ich brauche nur an Kiel zu denken, wo die winzigen Kellerbuden versteckt im Nachtjackenviertel liegen und nur Insidern bekannt sind.

Die nächste große Stadt ist Troyes, etwa 35 km entfernt. Mit 60.000 Einwohnern könnte sie groß genug für ein Internetcafé sein. Schnell rein, Tickets drucken und wieder raus, lautet mein Plan. Mit etwas Glück kostet mich die ganze Aktion weniger als zwei Stunden.

Kurz hinter Lesmont fahre ich durch Piney, das von der D960, die mitten durch den Ort führt, in zwei Hälften geteilt wird. Vor der Mediatheque, einem hübschen Gebäude mit grünen Fenster­läden, biege ich links ab nach Troyes.

Was soll das überhaupt sein, eine Mediatheque? Vermutlich gibt es da staubige Bücher, Schallplatten und Filme, die keiner sehen will, oder gibt es noch andere Medien?

Internet! Das ist doch auch so eine Art Medium. Der Gedanke durchzuckt mich wie ein Blitz. Vielleicht gibt es dort einen öffentlichen Internet­anschluss.

Meine Hoffnung bekommt einen Dämpfer, als ich vor der Glastür stehe und das Schild mit den Öffnungszeiten sehe: Die Mediatheque öffnet erst am Nachmittag. Ohne jede Hoffnung und mehr für das Gefühl, alles versucht zu haben, drücke ich die Klinke und die Tür geht auf.

Mediateheque Piney Frankreich

Zögernd trete ich ein. "Hallo...!", rufe ich laut in den leeren Raum. Überall in dem großen Saal stehen Regale mit Büchern und CDs. Eine Mediatheque ist also eine Leih­bücherei. Mein Vokabel­schatz wächst mit jedem Tag.

Unsicher, was ich tun soll, stehe ich in der leeren Bücherei, als eine sehr junge, sehr schlanke, sehr hübsche Frau aus einem Nebenraum kommt. Sie hat brünette lange Haare und sieht ein wenig erschrocken aus. Offenbar hat sie mein Rufen nicht gehört.

"Bon jour. Do you speak english?", eröffne ich das Gespräch.
"Yes, but the library is closed", antwortet sie zurückhaltend.
"I'm in big trouble and all I need to fix it is a computer and a printer. Do you have a PC?"
"Yes, but we are closed and the computer is for stuff only."

Ich bin fest entschlossen, mich nicht abweisen zu lassen. Hier gibt es einen Computer mit Internetanschluss und wer immer zwischen mir und meinen Tickets steht, muss irgendwie aus dem Weg charmiert werden.

Nun ist meine Fähigkeit, junge Frauen zu bezirzen nicht mehr ganz auf der Höhe, aber ich bin immer noch ein Alphaweibchen und so leicht lasse ich mich nicht abweisen.

Mediatheque Piney Frankreich Bücherei

Mit einer rührenden Geschichte, die nichts weniger ist als die Wahrheit, gelingt es mir, Zugang zum Computer im Büro zu bekommen, aber schnell finde ich heraus, dass franzö­sische Computer nicht einfach zu bedienen sind, denn sie sind eben französisch.

A und Q sind vertauscht, ebenso wie Z und W und auch die anderen Zeichen liegen nicht dort, wo sie hingehören. Die Ziffern erreicht man nur über die Shift-Taste und den Punkt kann ich anfangs überhaupt nicht entdecken. Wie zum Fiffi soll ich hier die Zugangsdaten für mein Googlemail Konto eingeben?

Der Punkt liegt auf Shift-+, wie ich schließlich herausfinde. Jetzt noch Enter drücken und ich bin drin. Oh nein, Google wird misstrauisch, weil jemand aus Frankreich auf mein Google Konto zugreifen will und verweigert den Zugang.

Da steht etwas, das ich nicht verstehe, aber soweit ich den Ablauf kenne, müsste das eine Sicherheitsfrage sein. Ich rate, welche es ist und tippe auf gut Glück die Antwort ein.

PC Arbeitsplatz Computer Monitor Online Buchung

Eine Sekunde später bin ich in meinem Mailpostfach und ziehe kurz darauf druckfrische Auto­zug­tickets aus dem Drucker. Ich bin so glücklich, dass ich die Welt umarmen könnte, oder mit der Bibliothekarin Flugzeug spielen und sie an Arm und Fuß im Kreis herumfliegen lasse, aber ich weiß nicht, ob sowas hier ankommt.

So bedanke ich mich nur überschwenglich, versichere ihr, dass sie "An Angel" sei und verschwinde aus der Mediatheque, denn die Bücherei ist tatsächlich geschlossen, dient aber am Vormittag als Kinder­tages­stätte. Inzwischen treffen die ersten Mütter mit ihren Kindern ein und ich werde misstrauisch beäugt, weil es ganz offensichtlich ist, dass ich hier nichts zu suchen habe.

In absoluter Hochstimmung lenke ich die KLX vom Parkplatz runter zurück in den fließenden Verkehr. Dass ich dieses Problem so einfach lösen könnte, hatte ich nicht zu hoffen gewagt. Jetzt kann ich mich ganz meiner geplanten Route und der Suche nach dem ersten Frühstück widmen.

Das Wetter ist ganz prima, auch wenn es nur 12° C sind. Unter der Motorradjacke habe ich alle meine Zwiebelschichten an, das Thermoshirt, die Fleecejacke und den Windbreaker, aber trotzdem kriecht mir die Kälte allmählich den Rücken hoch.

In Clerey fahre ich am Schaufenster einer Boulangerie, einer Bäckerei vorbei und ich bin schon 300 m weiter, bis endlich der Entschluss fällt: Wir kehren um!

Boulangerie

Der Duft nach frischem Brot ist überwältigen, als ich die Tür der Bäckerei aufstoße. Oh ja, hier werde ich etwas Leckeres zum Frühstück finden.

"Ce, s'il vous plait", dieses bitte, sage ich und zeige auf ein überbackenes Käsesandwich, das hinter Glas liegt und nichts weiter tut, als verführerisch auszusehen.

Meine Französischkenntnisse sind damit bereits erschöpft, aber ich habe keine Scheu zu sprechen und kann mich verständlich machen.

Die Menschen sind so freundlich, dass alle meine Urteile aus früheren Jahren überholt sind, wonach Franzosen überheblich und wenig hilfsbereit sind, wenn man ihre Sprache nicht spricht. Nein, die Menschen sind mega freundlich und sehr hilfsbereit.

Boulangerie

Kaffee gibt es leider nicht, aber dafür macht sie mir das Sandwich noch einmal heiß, so dass ich mir mit dem ersten Bissen prompt den Mund verbrenne, als ein Streifen heißer Käse auf meine Unterlippe lappt.

Ich esse das Sandwich draußen vorm Laden und wärme mich in der Sonne auf. Als ich schließlich weiterfahre und Clérey verlasse, hat der starke Wind nachgelassen und jeder Kilometer auf den schmalen Departement-Straßen ist reiner Fahrspaß.

Die gewöhnlichen Ortsschilder in Frankreich, geschlossene Ortschaft, 50 km/h, kenne ich längst, aber immer wieder passiere ich schmale, schwarze Schilder mit weißer Schrift, die mitunter bloß drei Häuser, oder ein einzelnes Gehöft bezeichnen.

In Deutschland sind solche Schilder grün mit gelber Schrift, Ortstafeln, die kein Tempolimit beinhalten, doch während sie in Schleswig-Holstein gerne mal Sönke-Nissen-Koog heißen, tragen sie hier so klangvolle Namen wie La Rose oder La Berthellerie.

Frankreich

Schon gestern sind mir die Bars aufgefallen, über deren Türen in rot Bar-Tabac steht und die es buchstäblich an jeder Ecke gibt. Kein Ort scheint zu winzig für eine, oder sogar mehrere dieser kleinen und für mich geheimnisvollen Etablissements.

Bis 1995 galt in Frankreich noch das staatliche Tabakmonopol und die Bar-Tabac war eine offizielle Verkaufs­stelle für Tabakwaren, was mit einer roten Raute und dem Wort TABAC auf einem Schild über der Tür ausgewiesen wurde. Das Symbol hängt noch heute über den Bars, auch wenn es die ursprüngliche Bedeutung längst verloren hat.

Die französische Bar-Tabac ist Bar, Café und Tabakladen zugleich, ein zentraler Treffpunkt, ja, beinahe eine soziale Institution, wo es neben dem Morgenkaffee auch Zeitungen, Bier, Pastis und Fahrscheine zu kaufen gibt.

Schon von weitem sehe ich die leuchtend rote Tafel des LE LION D'OR in Arces-Dilo, einem 600-Seelen-Dorf in Burgund und beschließe spontan, dort einen Kaffee zu trinken und mir solch eine Bar von innen anzusehen.

Bar Tabac Frankreich

Ich stelle das Motorrad neben dem LE LION D'OR ab und gehe hinein. In der Bar herrscht angenehmes Schummerlicht, am Tresen zwei junge Männer, die ich von Kleidung und Statur für Handwerker oder Bauarbeiter halte.

Hinter der Bar ein Mann unbestimmten Alters, der ziemlich genau meiner Vorstellung eines Bar-Tabac Wirtes entspricht. Er ist damit beschäfigt, ein Glas Bier zu zapfen und vollendet gerade die Schaumkrone.

"Bon jour, Madame", sagt er mit ruhiger Stimme und sieht nur kurz hoch, bevor er sich wieder dem Bier zuwendet.

"Bon jour, Monsieur. Un café, s'il vous plaît".

Es stehen zwei unterschiedlich Sorten Tassen auf der Maschine, ein Mikrogefäß von der Größe eines dickwandigen Eierbechers und eine normal große Kaffeetasse.

"Grand, s'il vous plait", ergänze ich meine Bestellung.

Unter lautem Zischen spuckt die Maschine pechschwarze Flüssigkeit in eine weiße Porzellan­tasse, die der Wirt ohne ein weiteres Wort auf den Tresen vor mich hinstellt. Der Kaffee ist so stark, dass ich seine Bitterkeit nur in kleinen Schlucken genießen kann.

Einer der Arbeiter schaut neugierig zu mir herüber, während er pausenlos auf den anderen einredet und abwechselnd Bier und einen blauen Schnaps trinkt. Der Andere starrt unbeteiligt nach vorn und nippt von Zeit zu Zeit schweigend an seinem Pastis.

Ich ignoriere die Beiden und trinke in winzigen Schlucken meinen Kaffee, während aus dem Hinter­grund leise ein französischer Chanson klingt.

Bar Tabac Tresen Innenansicht

Die Tür öffnet sich und eine Frau kommt herein. Sie wechselt ein paar Worte mit dem Wirt, nimmt ein Paket entgegen, das er für sie hinter dem Tresen hervorholt und geht wieder.

Die Menschen im Dorf kennen sich und die Bar-Tabac ist ein zentraler Treff, auch wenn ich nicht glaube, dass viele Frauen hierher kommen, aber das werde ich im Laufe der Reise noch weiter untersuchen.

Ich lege ein paar Münzen auf die Bar und wende mich mit einem "Au revoir" zum Gehen.

"Bonne journée" und "Au revoir, Madame" wünschen der Barmann und einer der Arbeiter, während der Andere weiter sein Glas anschweigt.

"Tschüss, Jungs. Das war nett bei euch", werfe ich beim Hinausgehen in den Raum, obwohl ich weiß, dass es niemand versteht.

Bei Kilometer 156 leuchtet die gelbe Reserveleuchte im Cockpit und auf dem Display blinkt hektisch FUEL-FUEL. Jetzt sind noch 2,2 Liter im Tank, ausreichend für etwa 70 km.

Scheinbar endlos erstrecken sich blühende Rapsfelder durch eine ansonsten eintönige Landschaft, ohne dass ich an einer Tankstelle vorbeikomme.

Endlich geht es durch ein altes Stadttor nach Villeneuve-sur-Yonne hinein und kurz darauf überquere ich die Brücke über die Yonne. Der Fluss führt Hochwasser und von oben kann ich sehen, dass die Uferstraße zum Teil überflutet ist.

Villeneuve-sur-Yonne

Zuerst kann ich den Supermarkt mit der Tankstelle nicht finden, weil ich mich von einem bunten Reklameschild mit der Aufschrift CASINO in die Irre führen lasse, bis ich schließlich merke, dass es der Name des Supermarkts ist und kein Spielcasino.

Der Parkplatz davor ist wie leergefegt. Es ist Mittagszeit und Franzosen sind eigen, was ihre Mittagspause angeht. Man nimmt sich Zeit und geht entweder zu Hause, oder in einem der vielen Restaurants essen, die ein Plat du Jour, ein Tagesgericht anbieten. In jedem Fall gibt es mittags ein komplettes Menü mit Vorspeise und Dessert.

Ich beneide sie und hoffe, dass sie ihre Tradition bewahren. Auf meiner Arbeitsstelle ist die Esskultur eine ganz andere: Ich esse am Schreibtisch, während das Telefon klingelt und mindestens einmal ein Kollege hereinkommt und etwas von mir will.

Ich hasse das, aber es gibt kaum eine andere Möglichkeit. Das Essen in der Kantine ist ok, aber man sitzt so ätzend ungemütlich mit Dutzenden Kollegen eng beisammen, dass es überhaupt keine Pause ist, weil ohnehin alle vom Dienst reden und um das Gelände zu verlassen und woanders hinzugehen, sind wir zu weit vom Schuss.

Supermarche Casino

Umso entschlossener bin ich, mir jetzt ein wirklich gutes Abendessen zu kaufen. Morgen ist der 8. Mai, Fête de la Victoire, Tag des Sieges, ein nationaler Feiertag in Frankreich und deshalb muss ich gleich für zwei Tage einkaufen, weil morgen die Läden geschlossen sind.

Hinterm Tresen der Boucherie steht ein eher kleiner Mann im weißroten Kittel und Mütze. Er hält sich aufrecht und stolz, wie ich es schon bei einigen anderen, gerade älteren Franzosen beobachtet habe und ich mag diese Haltung.

Die Jüngeren dagegen legen dieselbe tätowierte Nachlässigkeit an den Tag, wie unsere jungen Leute auch.

"Bonjour Madame", begrüßt er mich mit einem charmanten Lächeln.
"Bonjour Monsieur. Un entrecote, s'il vous plaît."
"Un entrecote", wiederholt er und spricht es Ontrekott aus mit einem hartem T am Ende.

Der Metzger nimmt das größte Stück Rindlfeisch aus dem Tresen, das ich ohne Hufe dran je gesehen habe und legt es auf ein Schneidebrett. Entre côtes bedeutet zwischen den Rippen und zum ersten Mal sehe ich, wie das Steak herausgelöst wird.

Boucherie Boucher

Mit großem Geschick löst der Metzger den Knochen ab und säbelt eine Scheibe Entrecote herunter, von der ich sofort weiß, dass sie nicht in meine Pfanne passt. Das Fleisch ist tief­rot, ein Zeichen, dass es gut abgehangen ist und die Fettaugen leuchten darauf umso heller.

Ich kaufe noch Champignons und Pilze dazu, einen besonders knorrigen Ziegenkäse und zwei halbe Flaschen Bordeaux. Für morgen kaufe ich ein wenig geräucherte Gänsebrust, eine Salami, etwas Schafskäse und zwei Stücke von einem wunderschön goldgelben Mais­hähnchen. Damit sollte ich den Feiertag morgen gut überstehen.

Am Kuchenregal entdeckt Pieps winzige gelbe Törtchen, die appetitlich in einer Klarsichtbox liegen, es sind Tarte de citron.

"Und du möchtest auch wirklich Zitrone?"
"Ja, die da", ist eine gewisse Maus sich einmal mehr ganz sicher.
"Nicht vielleicht doch etwas anderes?"
"Nein Mama, Zitrone!"

Ich lege eines der Törtchen behutsam in den Einkaufskorb und gehe weiter zu den Getränken. Drei Flaschen Wasser und ein Liter Orangensaft sind genug, um morgen gut über den ersten Jokertag der Reise zu kommen.

Morgen werde ich ausschlafen und dann nach Gien hineingehen, dort frühstücken, die Stadt besichtigen, Fotos machen, ausruhen und abends im Bett lesen bei Käse und Wein.

In der Textilabteilung kaufe ich zwei paar Strümpfe, die ich zur Leggings und den Ballerinas tragen will, denn morgen werde ich die Motorrad­sachen nicht brauchen.

Supermarkt Kasse Laufband

An der Kasse steht ein Tätowierter in Jogginghosen vor mir, um sein Handgelenk eine Cobra gestochen. Neben sich auf dem Laufband zwei Flaschen Schnaps, ein Schuppen­shampoo, Axe for Men und ein billiges Deodorant. Offensichtlich hat er ebenfalls Pläne für morgen. "Bonne chance mon ami", denke ich amüsiert, du wirst es brauchen.

Obwohl meine Sachen schon auf dem Laufband liegen, bin ich noch lange nicht dran, denn so ungeduldig der Franzose am Steuer seines Renaults ist und kein noch so gefährliches Überholmanöver auslässt, so langmütig ist er dagegen beim Einkaufen.

Wenn jemand in Kiel solch ein Gespräch mit dem Kassierer führen würde, nachdem alles bereits bezahlt ist, dann käme es zu einer offenen Feldschlacht und ich vorne weg, aber nicht hier in Frankreich. Doch wehe, du fährst mal etwas langsamer, dann über­holen sie dich, selbst wenn es ihr Leben kosten könnte. Die spinnen wirklich, die Gallier.

"Einklich wollt ich doch lieber Körsch", stellt Pieps trocken fest, als ich draußen die Schachtel mit dem Zitronentörtchen öffne und ihr rüberreiche. Ist es nicht wunderbar, mit Kindern zu reisen, sinniere ich, während ich nun selbst das säuerliche Törtchen in mich hineinmampfe.

Am frühen Nachmittag erreiche ich die Loire. Der breite Fluss scheint nicht sehr tief zu sein, denn es gibt Sandbänke und es sind keine Schiffe auf dem Fluss unterwegs.

Die Straße führt unter Platanen an der Loire entlang bis sich unvermittelt eine Lücke auftut und den Blick freigibt auf die Brücke nach Gien. Die Stadt sieht von hier wunderschön aus.

Mein Zeltplatz liegt nur ein kleines Stück weiter auf dieser Seite des Flusses, aber morgen werde ich zu Fuß über die Brücke gehen und mir alles genau ansehen.

Gien Frankreich

Einen halben Kilometer weiter stelle ich das Motorrad vor der Schranke an der Rezeption des Campingplatzes ab. Camping de Gien ist ein großer Ferienplatz direkt am Ufer der Loire und im Juli und August, wenn ganz Frankreich in den Ferien ist, vermutlich unausstehlich überfüllt, aber jetzt Anfang Mai sollte es hier noch ruhig sein.

Die Rezeption ist hochmodern und mit zwei Leuten an Computer­terminals besetzt. Der Empfang erinnert eher an den Schalter einer Fluggesellschaft und die junge Dame, die mich bedient, spricht perfekt englisch und gibt meine Daten in den Computer ein. Ich buche für zwei Nächte und bezahle 26 € mit der VISA-Karte.

Camping Gien Frankreich

Heute suche ich besonders gründlich nach dem besten Platz für mein Zelt. Er muss topfeben sein und ich möchte aus dem Bett auf die Loire gucken können. Außerdem darf es nicht zu weit zu den Toiletten sein und ich hätte gerne Schatten, denn inzwischen ist es so warm geworden, dass ich nicht glauben kann, wie sehr ich heute morgen noch gefroren habe.

Camping Gien Frankreich

Ich habe keine Lust, noch irgendeine Aktivität zu entfalten und lege mich auf die Isomatte im Schatten eines Baumes. Ich hänge meinen Gedanken nach, versuche nicht einzuschlafen und warte darauf, dass es Zeit fürs Abendessen wird.

Gegen Abend ziehen ein paar leichte Wolken auf und ich beginne damit, das Essen vorzu­bereiten. Zuerst entkorke ich den Wein. Die kleine Flasche hat tatsächlich einen Naturkorken, der mit einem satten Plop aus der Flasche kommt. Ich schenke einen halben Becher ein und probiere den ersten Schluck.

Ich habe keine Ahnung von Wein, aber dieser schmeckt mir und mit etwas Einbildung kann ich sogar das leichte Aroma von schwarzen Johannisbeeren herausschmecken, wie ich es gerade in einem Roman gelesen habe.

Das Entrecote ist tatsächlich etwas zu groß für die Pfanne, aber ich stopfe es an den Seiten hinein und durch die Hitze schrumpft es noch ein wenig. Trotzdem werden wir einen größeren Teller brauchen, denke ich besorgt.

Ich halbiere die Champignons und schneide die rote Zwiebel in Ringe. Nebenher nasche ich von dem alten Ziegenkäse und trinke etwas Bordeaux dazu.

Entrecote vom Campingkocher

Das Steak ist fertig und ich schneide das erste Stück herunter voller Spannung, was mich erwartet. Auch wenn ich noch so oft Entrecote esse, ist der Genuss immer wieder neu, denn jedes schmeckt anders.

Das Fleisch ist so mürbe, so dass ich es kaum zu schneiden brauche und es hat genau die richtige Menge Fett. Ich gebe dem Steak mit Begeisterung eine 8 auf Svenjas Entrecoteskala von 1 bis 10, wobei ich erst einmal eine 10 vergeben habe, an ein amerikanisches Beef aus Nebraska, allerdings schon mehrfach eine 9, als ich in Schottland war, wo es im Supermarkt Rib Eye Steaks vom Scottish Angus Cattle gab.

Gien bei Nacht

Am Abend sitze ich vorm Zelt und schaue hinüber auf die Lichter der Stadt. So, wirklich genau so hatte ich mir diesen Urlaub ausgemalt, als ich im Regen über den Truppen­übungsplatz in Polen geheizt bin, voller Angst entdeckt zu werden, und mir geschworen hatte, dass die nächste Tour eine Genussreise werden sollte mit viel Erholung und möglichst ohne Abenteuer.

zum nächsten Tag...

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