Frankreich 2015
Tag 1: Kiel - Garrel
Tag 2: Garrel - Grefrath
Tag 3: Grefrath - Eupen
Tag 4: Eupen - Chiny
Tag 5: Florenville - Lesmont
Tag 6: Lesmont - Gien
Tag 7: Gien, Tag des Sieges
Tag 8: Parc Naturel du Morvan
Tag 9: Luzy - Pont de Menat
Tag 10: Gorge de a Sioule
Tag 11: Murol - St.Genevieve
Tag 12: Espalion - Gorges du Tarn
Tag 13: Millau - La Palhere
Tag 14: Villefort
Tag 15: Ardèche - Le Cheylard
Tag 16: Cheylard - Les Eymes
Tag 17: Grenoble - Lac Annecy
Tag 18: Annecy
Tag 19: Annecy - Saint Hippolyte
Tag 20: Saint Hippolyte - Lörrach
Tag 21/22: Autozug - Kiel - Fazit
Platzhalter Motorradreise Auvergne Frankreich
Platzhalter Motorradreise Auvergne Frankreich
Platzhalter Hamburg Autozug
Platzhalter Pieps hat gesagt
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Im Autozug

Es muss eine ruhige Nacht gewesen sein, denn als ich aufwache und auf die Uhr sehe, sind 10 Stunden vergangen. Ob ich es hören würde, wenn nachts jemand ans Zelt kommt? Vermutlich nicht. Ich brauche nur an Schottland zu denken, als uns das Fleisch aus dem Zelt geklaut wurde, während Pieps und ich ein Nickerchen gemacht haben. Am helllichten Tag!

Heute muss ich, wo immer es geht, bummeln, trödeln, gammeln, rumhängen, nichts tun und Zeit totschlagen, bis der Autozug endlich ablegt. Noch 11 Stunden bis zur Verladung.

Schon beim Zeltabbauen schalte ich zwei Gänge zurück und lege das Denali III zusammen, wie für einen Katalog. Ich stelle mir einfach vor, es sei verkauft und ich schicke es an einen Käufer, der für negative Bewertungen bekannt ist. Sauber, trocken und perfekt auf Maß gefaltet, gleitet es mühelos in den Zeltsack.

Ich starte den Motor und fahre vom Zeltplatz in die Innenstadt. Diesem Camp weine ich keine Träne nach, da zelte ich doch lieber am Kamener Kreuz auf dem Mittelstreifen.

Zwei Minuten später bin ich in der City. Jetzt muss ich bloß noch einen Parkplatz finden, wo ich die Maschine den ganzen Tag lang mit Gepäck, Helm und Tankrucksack stehen­lassen mag. Wer Lörrach kennt weiß, dass es kein Ort ist, wo man Sachen sorglos irgendwo abstellt. Die Nacht­jacken­dichte ist unübersehbar hoch.

Der Sachbearbeiter im Rathaus sieht verblüfft durch die Scheibe, als ich die KLX im Fahrrad­ständer vor seinem Büro­fenster parke. Von seinem Schreibtisch hat er jetzt einen exzellenten Blick auf mein Motorrad. Prima! Er könnte mein wichtigster Zeuge werden.

Vom Rathaus sind es nur ein paar Schritte bis in die Fußgänger­zone. Erstaunlich, wie modern, breit und weitläufig die Einkaufsmeile in Lörrach ist. Hier sollte ich mühelos den Tag rum­bringen können.

Frühstück

Ich setze mich in ein Bistro und studiere die Speisekarte. Nach einer kurzen, aber nicht weniger heftig geführten Diskussion darüber, ob Gyrosplatte und Pizza ein ange­messenes Frühstück sind, gibt es Honig­brötchen für Pieps und Kaffee für mich. Noch 9 Stunden.

Bedächtig schlendere ich die Fuß­gänger­zone entlang. ESPRIT, Deichmann, Vero Moda, H&M. Überall dasselbe. Ich weiß noch, wie ent­täuscht ich in Tromsö war, als sogar in der Arktis nur die üblichen Verdächtigen zu sehen waren.

Lörrach Fußgängerzone

Ein zentraler Punkt ist das ehemalige Hertie Warenhaus in der Turmstraße 1, das seit 2001 zum Karstadt Konzern gehört. Ich liebe Warenhäuser und mein liebstes ist KARSTADT. Schon von weitem entdecke ich das Angebot mit meinem Lieblingsduft, Jil Sander SUN. Ich kaufe eine Flasche, sprühe mir großzügig zwei Portionen ins Dekollete. An mich wird man sich erinnern im Autozug.

Nächster Halt: Schreibwaren. Ich habe eine schreckliche Schwäche für Papiere, Tinten, Füller, Filzer und Schreibgeräte aller Art. Allein der Duft einer Schreib­waren­abteilung geht schon ganz tief rein und weckt Kindheits­erinnerungen.

Mein Reisetagebuch ist nach Masuren und Frankreich beinahe voll. 174 eng beschriebene Seiten. Es ist ein Leuchtturm 1917, aber das nächste könnte wieder ein Moleskine sein.

Ich brauche nicht lange zu suchen, bis ich den Ständer mit den Moleskines entdeckt habe. Langsam drehe ich das Karussel, bis mein Blick auf ein Grünes fällt. Das sieht edel aus und diese Farbe hatte ich noch nicht. Das wird mein nächstes Reisetagebuch.

Am Zeitschriftenstand hole ich mir ein Motorrad Abenteuer Magazin und fahre mit der Roll­treppe hoch ins Le Buffet, das KARSTADT Restaurant. Hier werden Pieps und ich unser Haupt­quartier aufschlagen, bis es Zeit für den Autozug ist. Ich habe keine Lust mehr, weiter herumzu­latschen. Noch 6 Stunden...

Auf der Tageskarte steht paniertes Schnitzel mit Spargel, Kartoffeln und Sauce Hollandaise. Natürlich mag Pieps keinen Spargel und ebenso natürlich mampft am Ende doch wieder eine gewisse Maus alles fröhlich in sich hinein, während ich mich ran­halten muss, über­haupt noch etwas abzu­bekommen. Mäuse...!

Lörrach Karstadt Le Buffet

Inzwischen habe ich jede Seite des Motorrad­hefts gelesen, sogar das Impressum, und ich weiß allmählich nicht mehr, wie ich mir die Zeit vertreiben soll. Noch drei Stunden. Die Minuten ziehen sich wie Kaugummi.

Nein! Das halte ich nicht länger aus. Ich fahre jetzt zum Autozug Terminal und warte dort. Vielleicht sind schon andere Biker da und wir können ein wenig Benzin reden.

Es ist gerade 16 Uhr, als ich mit der Kawa auf den Güter­bahnhof in Lörrach rolle. Auf dem Gleis steht bereits ein kompletter Zug Auto­waggons bereit. Die Lok mit den Personen­wagen wird erst kurz vor der Abfahrt dazukommen.

Autozug Lörrach

Ich habe kaum den Helm abgenommen, als ich ein Motorrad höre. Eine BMW GS mit Kenn­zeichen aus Norwegen. Die Buchstaben RT stehen für Stavanger. Es ist Glen, der auf einer Ölbohrinsel in der Nordsee arbeitet und jetzt auf der Rückreise von Marokko ist.

Er war schon bis Stuttgart gefahren, als eine SMS der Bahn kam, dass der Autozug heute doch fährt. Nach einer Nacht im Hotel, ist er zurück nach Lörrach gedüst. Ich bin nicht die Einzige, die Schwierigkeiten durch den Lokführer­streik der GDL hatte. Möge die Entwicklung vollauto­matischer Züge rasch voran­schreiten.

Autozug Lörrach

Nach einer Weile tauchen die ersten Bahnarbeiter auf und bereiten den Zug vor. Ein ruhiger, älterer Herr ungefähr in meinem Alter, kommt zu uns herüber und schaut sich mit Interesse die Motorräder an.

Er berichtet, dass 2016 das letzte Jahr in Lörrach sein wird. Dann werden hier alle Anlagen für den Autozug abgebaut. Lörrachs Bürgermeister will, dass der Autozug aus der Stadt verschwindet. Auf dem Gelände sollen Wohnungen gebaut werden.

Der Arbeiter erzählt, dass er hier schon 20 Jahre lang die Autozüge abfertigt. Im nächstes Jahr wird er arbeitslos. Die Rente liegt noch in weiter Ferne und in seinem Alter einen neuen Job zu finden, wird schwierig sein.

Ich frage ihn, ob ich das Gepäck während der Fahrt auf dem Motorrad lassen kann. Er sieht sich die Konstruktion prüfend an, checkt die Spannung der Rockstraps und sagt auf seine ruhige Art: "Das würde schon halten, aber ich würds trotzdem runter nehmen und mit ins Abteil. Es wäre doch schade, wenn Sie in Hamburg ankommen und ihr schönes Zelt ist weg und die ganze Ausrüstung. In letzter Zeit haben wir unterwegs mehrfach Diebstähle gehabt. Nachts halten wir ein paarmal auf offener Strecke, damit schnellere Züge vorbei können. Da springen die auf und klauen."

Autozug Lörrach

Zum Glück habe ich nur drei Gepäckstücke: Den Tankruck­sack, das Zelt und die Ortlieb Tasche. Ich lege alles auf den Bahnsteig. Das trage ich später ins Abteil, die Personen­wagen sind noch nicht da. Den praktischen 1,5 l Fuel Friend lasse ich drauf.

Allmählich kommt Bewegung auf den Güterbahnhof. Die Warte­reihen der Autos haben sich gefüllt und inwischen wartet ein gutes Dutzend Motorräder auf die Verladung.

Endlich signalisiert ein Bahner den Beginn der Verladung und damit löst sich die Spannung, die ich jedesmal vorher empfinde. So müssen sich Rennpferde im Start­gatter fühlen. In einer fließenden Bewegung setze ich den Helm auf, starte den Motor, trete den 1. Gang rein und heize energisch auf die Rampe zu.

Das Deck erscheint mir aberwitzig niedrig und die KLX ist sehr hochbeinig. Ich beuge mich nach vorn, bis der Helm auf den Lenker stößt und ich mit dem Bauch auf dem Tank liege. Die Beine strecke ich waagerecht nach hinten raus.

Liegend fahre ich im 1. Gang den ganzen Zug entlang, vom letzten bis zum ersten Waggon. Auf den Übergängen liegen Metall­platten, die jedesmal laut knallen, wenn ich darüber rolle.

Motorrad Autozug Höhe

Am Zugende steht der Lademeister und deutet mit der Hand, wo ich die Maschine abstellen soll. Ganz nach rechts, Gang rein, Seitenständer raus. Er beginnt sofort mit sicheren Hand­griffen, die Maschine zu verzurren. Das macht er nicht zum ersten Mal. 20 Jahre Erfahrung sind eine Menge wert.

Motorrad Autozug Waggon Enduro

Erst auf dem Bahnsteig traue ich mich, den Helm abzunehmen. Man kann sich in den Wagen übel den Kopf anschlagen. In der Ferne ist der Dreispitz einer Lokomotive zu sehen. Das müssen unsere Schlafwagen sein.

Es ist ein weiter Weg mit dem Gepäck bis zu meinem Waggon. Glen ist ein Gentleman und trägt den Zeltsack für mich, aber trotzdem ist es eine üble Schlepperei. Wagen 18, das ist meiner. Nun muss ich nur noch das Bett 111 finden.

109, 110, 111. Das ist meines. Verblüfft schaue ich in die lächerlich schmale Kabine hinein. Hier sollen sechs Menschen schlafen? Das ist grotesk. Und wenn alle Biker sind, jeder mit Klapphelm, Bierbauch und Gepäck?

Vorerst sitzt nur eine zierliche, ältere Dame auf dem unteren Bett. Zierlich ist gut, denke ich, und lebensälter auch: Nimmt wenig Platz weg, hat was erlebt und weiß, wie man sich benimmt.

"Hallo, ich bin Svenja." Damit setze ich mich auf das andere Bett.
"Hallo. Ich heiße Mariann", erwidert sie ernst.

In dieser Enge bleibt kein Platz für ein förmliches Sie. Als erstes schiebe ich meine Sachen unters Bett und ziehe meine geliebte Motorradhose aus. Darunter trage ich eine Leggings. Das perfekte Outfit fürs Abteil: Raumsparend, bewegungsfrei und nicht zu warm.

Autozug Liegewagen Innenansicht

Der alten Dame geht es nicht gut, das ist kaum zu übersehen. Ihr leises Stöhnen bei jeder Bewegung spricht Bände. Sie hat Schmerzen und ihre Medikamente liegen uner­reich­bar im Hand­schuh­fach ihres Wagens.

Rücken­schmerzen, wie sie mit geplagter Miene verrät. Ich biete ihr Voltaren Tabletten an, das sind meine Spezialisten dagegen. Ich habe immer einen kleinen Vorrat Schmerz­tabletten dabei, nichts wäre schlimmer, als nach einer Verletzung nicht mehr fahren zu können.

Mariann nimmt das Angebot dankend an. Sie schluckt eine der winzigen Pillen und legt sich sofort schlafen. In diesem Moment setzt sich der Zug in Bewegung. 21 Uhr, wir sind pünktlich.

Inzwischen sind zwei dänische Biker ins Abteil gekommen, Ann und Peter. Sie sind auf ihrer Honda VFR 800 auf der Rückreise aus der Toskana. Ich sitze im Schneidersitz auf dem Bett und beobachte neugierig, wie die Beiden ihre Sachen verstauen. Es wird enger.

Die schmale Konsole unter dem Fenster beanspruche ich für Pieps und mich. Aus Frankreich habe ich eine Auswahl exzellenter Ziegen­käse mitgebracht, dazu eine gute Wurst und eine Flasche Bordeaux.

Ich schenke den kleinen Metall­becher voll, der sonst mit einem Karabiner­haken außen an meinem Gepäck hängt, und lade Ann zu Wein, Wurst und Käse ein. Peter ist nirgends zu sehen und Mariann scheint fest zu schlafen.

Autozug Liegewagen Innenansicht

Ann sitzt neben mir auf dem Bett und erzählt von ihrer Reise durch die Toskana. Was sie beschreibt, klingt nach malerischen Landschaften und gutem Essen unter südlicher Sonne. Ob ich auch einmal nach Italien fahren soll? Solange es den Autozug noch gibt, wäre das problemlos möglich. Danach sieht mich der Süden ohnehin nicht wieder.

Die Unterhaltung ist versiegt und es ist still geworden im Abteil. Alle liegen müde in den Betten. Die Bewegung des Wagens und das Rattern der Räder haben etwas Beruhigendes. Es dauert nur wenig länger als sonst und ich bin einge­schlafen.

Mitten in der Nacht wache ich auf, weil die Geräusche und Bewegungen verschwunden sind. Der Zug steht regungslos auf der Strecke. Plötzlich rast ein ICE vorbei und schüttelt den Wagen kräftig durch. Das geschieht sicher ein Dutzend Male in der Nacht und jedesmal liege ich kurz wach.

"Guten Morgen, meine Damen und Herren. Wir werden fahrplanmäig gegen 9:30 Uhr Hamburg erreichen. Das Frühstück servieren wir Ihnen gegen 8 Uhr. Sie finden einen Klapptisch zum Einhängen auf dem Boden unter dem rechten Bett."

Ich gähne ein letztes Mal, strecke mich und ziehe die Vorhänge auf. Draußen rauscht die Welt am Fenster vorbei und Pieps sieht fasziniert zu. Wir sind irgendwo in der Lüneburger Heide, die Landschaft so flach, so langweilig, nichts, woran das Auge Halt findet.

Zug Blick aus dem Fenster

Unten im Gang höre ich den Schaffner, der sich mit Kaffee und Brötchen den Wagen entlang arbeitet.Kurz darauf kommt er zu unserem Abteil: "Guten Morgen. Ich hoffe, Sie haben gut geschlafen. Wer hatte Kaffee, Tee oder Kakao?"

Die Freundlichkeit der Eisenbahner verblüfft mich. Ich bin nie Bahn gefahren und weiß daher nicht, was zu erwarten war, aber keinesfalls solche offene Freundlichkeit. Die Bericht­erstat­tung der Medien hat mir ein völlig falsches Bild vermittelt.

Ob der Bahn­arbeiter am Autozug, der sich um mein Gepäck gesorgt hat, oder der Schaffner, der uns allen das Frühstück bringt: Jeder Einzelne vermittelt mir das Gefühl, als läge ihm unser Wohl wirklich am Herzen und als würde ihn die Zugehörigkeit zur Deutschen Bahn persönlich mit Stolz erfüllen. Sind Bahner so eine Familie?

Das Frühstück sieht prima aus, auf jeden Fall zwei Klicks besser, als ich erwartet hatte: Der Kaffee ist von Mövenpick, die Marmelade von Schwartau und die Brötchen sind knackfrisch. Dazu gibt es Hohes C. Ich habe schon schlechter gefrühstückt.

Autozug Frühstück

Nachdem Pieps überall Marmelade "perbiert" hat, sich einmal das Fell am Kaffee verbrannt hat, eine Tüte Hohes C umgestürzt ist und alle sich gerade wieder beruhigt haben, knackt es im Lautsprecher an der Decke:

"Meine Damen und Herren, wir erreichen demnächst Hamburg-Hauptbahnhof. An die Passagiere des Autozugs: Steigen Sie bitte nicht aus, wir fahren weiter bis Hamburg-Altona, wo die Entladung stattfindet. Der Ausstieg befindet sich in Fahrtrichtung links."

Vor dem Fenster erstreckt sich ein Gewirr aus Oberleitungen, Gleisanlagen und Signalen. Im Sekundentakt rauschen Züge aller Art an uns vorbei und eben überholen wir eine der vielen Hamburger S-Bahnen.

Hamburg aus dem Zug

"Platz da!", denke ich, "Hier kommt der Autozug 1498 aus Lörrach mit Greeny, Pieps und Svenja an Bord und wir haben mächtig was zu erzählen."

Als der Zug in Altona ausrollt, stehe ich mit meinem Gepäck längst an der Tür. Es ist mein erster Trip mit dem Autozug und ich habe keine Ahnung, wie ich jetzt an mein Motorrad komme. Greeny steht auf dem 1. Waggon hinterm Schlafwagen und nur durch einen toll­kühnen Stunt könnte ich die Enduro auf den Bahnsteig jumpen.

"Meine Damen und Herren. Der Autozug 1498 von Lörrach endet hier. Ihr Fahrzeug wird ihnen in Kürze an Gleis 8 bereit­gestellt. Vielen Dank, dass Sie mit der Deutschen Bahn gereist sind. Wir wünschen Ihnen noch einen schönen Tag."

Zusammen mit allen anderen schleppe ich mein Gerödel hinüber zu Bahnsteig 8 und warte. Es dauert eine Weile, aber dann taucht in der Ferne unser Autozug an. Greenys giftgrünes Schutzblech ist schon von weitem zu erkennen.

Autozug Hamburg Altona

Sowie der Zug steht, entere ich seitlich auf und löse die Gurte, mit denen die Enduro verzurrt ist. Jetzt nur noch das Gepäck befestigen und ich bin startbereit. Ungeduldig hocke ich neben meiner Maschine und warte auf das Startzeichen.

Autozug Hamburg Altona Bahnhofshalle Entladung

Wie soll man eigentlich hier wegkommen? Ich kann doch nicht mit dem Motorrad über den Bahnsteig und quer durch den Altonaer Bahnhof fahren? Einen anderen Weg sehe ich nicht. Das Ganze ist mir nicht geheuer.

Endlich dürfen wir losfahren und tatsächlich: Autos und Motorräder fahren zwischen den Fußgängern hindurch mitten durch die Bahnhofs­passage: Vorbei an McDonalds, dem Blumen­laden, Handy­shop und einem Reisebüro. Eine Frau mit Kinderwagen sieht mich irritiert an, als ich an ihr vorbei­fahre, ein Paar mit Rollkoffern hastet zur Seite.

Ein Anachronismus, diese Form der Autozug Verladung, völlig aus der Zeit gefallen, so wie der Paternoster im Kieler Rathaus, aber sehr sympathisch in unserer sonst eher über­regu­lier­ten, modernen Zeit.

Leider wird das nicht mehr lange so sein. Die Verlegung des Altonaer Bahnhofs ist beschlossene Sache und den Autozug soll es bald nicht mehr geben. Narbonne, Alexandria, Lörrach, Altona und all die Anderen: der Autozug wird geschleift. Es lohnt sich nicht mehr. Weshalb werden dann Millionen in die Autozugstrecke nach Sylt gesteckt? Sogar die Amerikaner sind an der Strecke interessiert.

Wenn es den Autozug nicht mehr gibt, werden meine Ziele wieder im Norden liegen, in Schweden und Norwegen, oder im Osten, im Baltikum, in Polen und Tschechien. Ob ich die Einzige bin, deren Urlaubs­pläne direkt von einer Entscheidung der Bahn beeinflusst werden?

Ich verstehe nicht, weshalb die Politik die Bahn einfach gewähren lässt. Die Bahn hat einen Grundauftrag und darf einzelne Bausteine ihres Angebots nicht nach Belieben aus dem Programm nehmen, bloß weil der Gewinn nicht den Erwartungen der Aktionäre entspricht. Im Klartext: Auch Klein-Kleckersdorf ist zu bedienen, so wie es dort auch eine Versorgung mit Strom, Wasser und Mobilfunk gibt. Das nennt sich öffentliche Daseinsvorsorge. Schließlich wurden die Anlagen mit Steuergeld finanziert.

Als ich endlich den Hamburger Stadtverkehr hinter mir lasse und auf der B4 Richtung Kiel fahre, denke ich, wie egal mir das alles sein kann. Nur 800 m vor meinem Balkon legen täglich die schönsten Fähren ab, direkt nach Oslo, Göteborg und Klaipeda. Wer braucht da schon den Süden? Zuviel Sonne ist ohnehin schlecht für die Haut.

Eine Stunde, nachdem ich in Altona aus dem Zug gestiegen bin, rolle ich mit Greeny auf den Hinterhof vor meinem Balkon. Oben steht Claudia und winkt strahlend zu mir herunter. Welch eine Reise das war. Ich habe viel zu erzählen.



Frankreich 2015 - Fazit

Nach 22 Nächten und 3.871 km bin ich zurück in Kiel. Keine Pannen, keine Ausfälle und nur wenig Regen. Frankreich ist unglaublich vielseitig, ein tolles Reiseziel. Soviele Campingplätze, so nette Menschen, so gutes Essen.

Meine Vorurteile musste ich allerdings über Bord werfen, denn obwohl ich kaum ein Wort Französisch spreche, waren die Menschen hilfsbereit und freundlich. Meine Erfahrung aus den 80er Jahren, als ich noch auf große Arroganz gestoßen bin, sind überholt. Die Franzosen sind nicht mehr so und viele der Jüngeren sprechen Englisch und sind auch bereit, es zu tun.

Camping
Es gibt ungewöhnlich viele Campingplätze. Sehr empfehlens­wert sind die Camping Municipal, die Camping­plätze der Gemeinden. Einfache, oft sehr hübsch gelegene, von öffentlicher Hand gepflegte Plätze zu günstigen Preisen. Das Duschen ist im Preis inbegriffen, Toiletten­papier hingegen nicht. Mein Tipp: Tempo Taschentücher. Die sind für Nase, Dubs und Küche gleicher­maßen geeignet.

Reisezeit
Der Mai ist eine gute Reisezeit. Die Camps haben gerade geöffnet und es ist nur wenig los, allerdings sind die zugehörigen Bars und Restaurants oft noch geschlossen. Der Juni wäre vielleicht günstiger. Die Hauptsaison beginnt am 1. Juli, dann fährt ganz Frankreich gleichzeitig in den Urlaub. Dann sollte man dort schon weg sein.

Tankstellen
Mit der Benzin­versorgung habe ich ein paar Probleme gehabt. Der Grund: Es gibt überwiegend Automaten­tankstellen. Man bezahlt mit Kreditkarte, manchmal geht auch die EC-Karte, aber nur selten kann man bar zahlen. Das kann ein Problem sein. Ich habe immer zwei Kreditkarten, eine VISA und eine MASTER bei mir. Wichtig: Einen PIN-Code für die Kreditkarte beantragen.

Foto
Zum ersten Mal hatte ich eine zweite Kamera dabei. Eine Lumix LX100, im Grunde eine kleine Leica mit einem Spitzen­objektiv. Leider bleibt von der überlegenen Bildqualität nur wenig übrig, nachdem ich die Fotos fürs Internet auf 660 px herunter­gerechnet habe.

Mein Tipp ist noch immer die wasserdichte, stoßfeste und extrem robuste Lumix FT5. Sie hat ebenfalls ein Leica Objektiv und macht sehr gute Fotos. Seht euch nur diesen Ausschnitt an, die Kamera lag in einer schlammigen Pfütze.

Zusammen mit dem zweiten Akku passt die komplette Foto­aus­rüstung in die Brusttasche meiner Endurojacke.

Sonstiges
Sehr bewährt haben sich die Jokertage. Man kann sie als reisefreie Tage zur Erholung und zum Besichtigen nutzen, aber sie können auch wertvolle Puffertage sein, falls man eine Panne hat. So erreicht man seinen Zug, die Fähre, oder den Arbeitsplatz dennoch rechtzeitig. Ich rechne etwa einen Jokertag pro Woche ein.

Wenn ich Pieps frage, was ihr am besten gefallen hat, dann schwärmt sie von den Märkten, wo es die leckersten Würste und Käse gibt und wo man alles probieren darf. Die kleine Maus war vom Essen ganz hingerissen. Entrecote Frites hat in Frankreich eine ähnliche Bedeutung, wie hier Schnitzel Pommes, ein Gericht, das auf jeder Karte zu finden ist, und sogar der Preis ist mit etwa 10 € ganz ähnlich.

Würde ich wieder nach Frankreich fahren? Ja. Wenn es den Autozug noch gibt, dazu gibt es diese hoch informative Seite, schlafe ich im Herbst 2016 von Hamburg nach Lörrach und fahre von dort in zwei, drei Tagen in die Provence. Das ist zwar noch kein Plan, aber schon eine sehr gute Idee. Pieps, was sagst du dazu?

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So, nun ist die Frankreichreise zu Ende erzählt. Ich freu mich, dass ihr solange geduldig mitgelesen habt. Vielleicht mögt ihr noch einen Kommentar abgeben? Dann klickt bitte hier. Ich würde mich freuen, aber natürlich ebenso über eine E-Mail. Achtung: Es gibt inzwischen mehrere Seiten mit Kommentaren: Neuere und Neueste.








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