Sommerreise Baltikum 2016
Litauen
Tag 1: Fähre Kiel - Klaipeda
Tag 2: Am Kurischen Haff
Tag 3: Silute - Jurbarkas
Tag 4: Raudone - Druskininkai
Tag 5: Grutas Park - Trakai - Moletai
Tag 6: Moletai - Kurtuvenai
Tag 7: Berg der Kreuze
Tag 8: Kurtuvenai - Pukarags
Lettland
Tag 9: Liepaja - Ventspils
Tag 10: Kurland
Tag 11: Riga - Gauja Nationalpark
Tag 12: Burg Cesis
Estland
Tag 13: Cesis - Peipussee
Tag 14: Kallaste - Mustvee - Vaikla
Tag 15: Narva - Silamäe - Saka
Tag 16: Kohtla-Nömme - Paunküla
Tag 17: Rapla - Lihula
Tag 18: Lihula - Saaremaa
Tag 19: Burg Kuressaare
Tag 20: Halbinsel Sõrve
Tag 21: Kuressaare - Saue
Tag 22: Tallinn - Helsinki
Tag 23: Heimkehr und Fazit
Platzhalter Motorradreise Baltikum
Platzhalter Motorradtour Litauen
Platzhalter Grutas Park Litauen
Platzhalter Grutas Park Litauen
Platzhalter Grutas Park Litauen Lenin Mosaik
Platzhalter Parkschein
Platzhalter Ritterspiele
Platzhalter Quittung
Platzhalter Quittung
Platzhalter Quittung
Platzhalter


Friedhof der Sowjetskulpturen

Am nächsten Morgen stehe ich schon früh im Waschhaus vorm Spiegel und schminke mich. Nach dem Sinn fragt man besser nicht, weil das Meiste davon in ein paar Minuten innen an meinem Helm kleben wird, trotzdem starte ich nie ohne Make-up, so wie ich auch nicht in Jeans ins Theater gehen würde. Wir wären allerdings schneller fertig, wenn Pieps nicht ausgerechnet heute auch ihre Wimpern "bööhsden" wollte.

Spiegelbild

Mein erster Stopp heute Morgen ist die STATOIL Station am Ortsrand von Druskininkai. Ich kenne STATOIL aus Norwegen und bin gespannt, ob es den guten Kaffee und die HotDogs mit der Bratwurst im Speckmantel auch hier in Litauen gibt.

Tanken muss ich nicht, ich will nur frühstücken. An der Kasse bestelle ich Hotdogs und Kaffee. Die Bedienung kommt ungefragt hinter dem Tresen hervor und drückt für mich Kaffee mit Milch aus dem Automaten, weil ich die Beschriftung auf dem Display nicht lesen kann. Die sind wirklich sehr hilfsbereit, die Litauer.

STATOIL hat es tatsächlich geschafft, ihr Prinzip eins zu eins nach Litauen zu verfrachten: Der Kaffee ist erstklassig, jede Tasse frisch gemahlen und gebrüht. Die Maschinen müssen ein Vermögen kosten. Allein die Bratwürste sind weniger gut, als ich sie in Erinnerung hatte. Dafür kosten sie nur ein Viertel dessen, was ich in in Setermoen bezahlt habe, als ich mich auf dem Weg zum Nordkap völlig erledigt in eine STATOIL Station gerettet habe.

Statoil Tankstelle

Neu ist allerdings der kostenlose Strom zur Wurst: Auf den Tischen gibt es freie Steckdosen zum Laden. Ich bin nicht die Einzige, die STATOIL nur als Café nutzt. Drei Schülerinnen verschwinden fröhlich plappernd im Waschraum. Kurz darauf kommen sie mit dramatisch geschminkten Wimpern wieder zum Vorschein, stöpseln ihre Smartphones an den Strom und ziehen sich drei Becher Latte Macchiato aus dem Automaten.

Statoil Tankstelle

Während ich die HotDogs esse, sehe ich mir den Tagesplan an. Heute liegen zwei Highlights auf der Strecke, der Grutas Park hier in der Nähe und später die Wasserburg in Trakai.

Auf den Grutas Park bin ich besonders gespannt. Er wird auch Friedhof der Sowjetskulpturen genannt und das erklärt schon ziemlich genau die Idee dahinter. Nach dem Zerfall der UdSSR wurden sämtliche Denkmäler aus der Zeit der sowjetischen Besatzung abgerissen und entsorgt. Viele pompöse Statuen von geradezu grotesker Größe, die auf den besten Plätzen der Innenstädte standen.

Der litauische Pilzekönig Viliumas Malinauskas hat später sämtliche Lenins, Stalins, Marxe und Chruschtschows ausfindig gemacht und sie in einem Kiefernwald in der Nähe von Druskininkai wieder aufgestellt. Dort stehen sie nun in dem originalgetreuen Nachbau eines Gulags, eines sowjetischen Strafgefangenenlagers, komplett mit Wachtürmen, Stacheldraht und Such­schein­werfern. Und damit sie nicht allein sind, leisten ihnen die Skulpturen unzähliger Jungkommunisten, Oktoberrevolutionäre, und Helden der Arbeit Gesellschaft.

Grutas Skulpturenpark Litauen

Man könnte die Geschichte der ehemaligen Sowjetgrößen im Gulag auf ironische Weise heiter finden, wenn der wahre Hintergrund nicht so schrecklich wäre. Nach der Annexion durch die Sowjetunion wurden im Juni 1941 etwa 50.000 Menschen der baltischen Länder in Güterwaggons nach Sibirien deportiert. Viele haben das erste Jahr im ewigen Eis nicht überlebt. Die Geschichte ist in ihrer Grausamkeit nicht zu ertragen.

Platzhalter

Einer dieser Züge, mit denen die Gefangenen nach Sibirien transportiert wurden, ist das Erste, was ich sehe, als ich das Motorrad auf dem Parkplatz des Grutas Parks abstelle. Eine schwarze Lok mit Güterwaggons, darin nichts als zwei hölzerne Plattformen übereinander, um so mehr Menschen auf engstem Raum zusammen­pferchen zu können.

Wachturm Gulag im Grutas Skulpturenpark Litauen

Ein Riesenreich wie die Sowjetunion hat im Lauf ihrer Geschichte naturgemäß eine Menge Schurken, Helden und Revolutionäre hervorgebracht und so ist dieser abgelegene Wald tief im Nirgendwo reich bestückt mit Hunderten von Skulpturen aller Größen.

Skulpturen im Grutas Park Litauen

Die Gigantomanie mancher Denkmäler wirkt auf mich grotesk. Besonders Lenin reckt sein Bärtchen auf jeder Statue noch höher und noch energischer in den Himmel und die Statue eines unbekannten Marxisten ist so grotesk überzeichnet, dass ich lachen muss: Der Künstler hat sich eindeutig von der Figur des Nosferatu inspirieren lassen.

Lenin Skulptur Grutas Park Litauen

Ein makellos gefegter Rundweg führt an den Skulpturen entlang, die links und rechts im Wald stehen. Ich nehme mir viel Zeit und mache unzählige Fotos, doch mit den Stalins im Grutas Park ist es wie mit den Wasserfällen in Norwegen: Nach dem Dreißigsten schaut man nicht mehr so genau hin.

Lenin Skulptur Grutas Park Litauen

Lenins gibt es tatsächlich so viele, dass am Ende kein Platz mehr blieb und die Köpfe schließlich wahllos ins Gras gestellt wurden.

Zum Ausgang hin gibt es mehrere Ausstellungsräume voller interessanter Dinge, doch leider gibt es die erläuternden Texte nur auf Litauisch und auf Russisch. Ganz selten sind englische Texte eingestreut.

CCCP Orden Grutas Park Litauen

Fast zwei Stunden sind vergangen, als ich nach dem Rundgang durch den Park wieder am Motorrad stehe. Soviel Geduld für eine einzelne Sehenswürdigkeit bringe ich sonst nicht auf, das ist absoluter Svenja Besichtigungsrekord.

Auf dem Parkplatz treffen gerade die ersten Reisebusse ein. Wie gut, dass ich schon früh hier war, denn ab jetzt kriegt man kein Foto mehr hin, auf dem nicht ein halbes Dutzend fröhlicher Chinesen mit Selfie Sticks zu sehen sind.

Die Straße von Druskininkai nach Trakai verläuft wie gewohnt schnurgerade auf perfektem Asphalt. Langweilig, aber bequem zu fahren. Ich halte die KLX bei 100 im 6. Gang und hänge meinen Gedanken nach. Was ist bis jetzt mein Eindruck von Litauen? Es ist ein sicheres und kultiviertes Reiseland mit vielen Sehenswürdigkeiten, aber sogar Wikipedia bezeichnet das Baltikum als eine waldreiche, von Dünen und Moränen geprägte Öd-Landschaft.

Landstraße Litauen

Eine Stunde hinter Druskininkai endet der Asphalt. Eine Schotterpiste führt in einer breiten Schneise durch den Wald. Es ist kein Feldweg, sondern die offizielle Durchgangsstraße, komplett mit Verkehrsschildern und Wegweisern.

Eben noch gleite ich auf dem tiefschwarzem Flüsterasphalt dahin und tue nicht mehr, als den Lenker zu halten und nun sitze ich auf einer waschechten Enduro und heize hoch konzentriert über die staubige Piste.

Enduro Wellblechpiste

Die ersten 10 km vergehen wie im Flug: Links und rechts Birken und Kiefern, vor mir der Schotter, hinter mir eine Staubwolke. Aber plötzlich, in Höhe des Dorfes Tiltai, wieder das gefürchtete Wellblech. Obwohl kein einziges Schlagloch zu sehen ist, habe ich das Gefühl, Greeny schüttelt sich unter mir kaputt.

Ich gebe Gas bis ich ein Tempo erwische, das erträglich ist und halte die Maschine dann bei etwa 80 km/h. Fortwährend scanne ich die Piste nach dem besten Track, aber den gibt es nicht: In der Mitte ist es kaum besser und ganz am Rand, mit der Felge am Gras, ist der Sand gefährlich weich.

Enduro Wellblechpiste

Trotzdem macht es Spaß, durch die litauischen Wälder zu heizen und die Enduro so richtig fliegen zu lassen, aber ich bin nicht enttäuscht, als die Piste nach 25 km wieder in Asphalt übergeht und endlich Ruhe einkehrt. Heute Abend muss ich das Motorrad checken, besonders Speichen und Schraubverbindungen.

Endlich erreiche ich Trakai. Die Stadt liegt 28 km westlich von Litauens Hauptstadt Vilnius. Der Ort ist berühmt für seine alte Wasserburg, die auf einer Insel zwischen drei Seen liegt. Wohl jede Litauenreise, ob mit dem Motorrad, oder im klimatisierten Bus mit Reiseleiter, führt auch zur Burg Trakai. Ich bin gespannt, ob sich das lohnt.

Trakai Litauen Holzhäuser

Die Gassen, die hinunter zum See führen, werden bei jedem Abbiegen schmaler. Die bunten Holzhäuser der Altstadt wirken wie aus einem Pippi Langstrumpf Film. Man sieht sie in jedem Dorf und jeder Stadt Litauens, aber kaum irgendwo sind sie so malerisch wie in Trakai. Ein Anblick aus einer vergangenen Zeit, wären da nicht die Satellitenschüsseln.

Am See ist jeder Meter zugeparkt und die Reisebusse stehen Stoßstange an Stoßstange, wie ein bunt zusammen­gewürfelter ICE. Ich stelle die Enduro auf einem schraffierten Sperrstreifen ab, wo bereits eine Harley Davidson Road King geparkt ist.

Der Parkautomat lässt sich auf Deutsch umstellen. Ich werfe 2 € ein und soll Greenys Kennzeichen eintippen. Kurz darauf erscheint es gedruckt auf dem Parkschein. Wenn ich schon im Parkverbot stehe, möchte ich wenigstens ein korrektes Ticket vorweisen können.

Wasserburg Trakai Litauen

Burg Trakai erhebt sich majestätisch auf einer Insel im See. Sie erinnert sehr an die Marienburg in Polen, die ich auf der Reise durch Masuren gesehen habe. Beide Burgen sehen gar nicht mittelalterlich aus, sondern fast, als wären sie erst letzten Donnerstag fertig geworden. Die Ziegelmauern könnten auch die der Toni-Jensen-Schule in Kiel sein.

Wasserburg Trakai Litauen

Eine hözerne Brücke führt hinüber auf die Insel. Am Durchgang zum äußeren Burghof löse ich für 6,25 € eine Eintrittskarte. Eigentlich kostet das Billet genau 6 €, aber für die Visa Karte nimmt der Burgherr 25 Cent Aufschlag.

Der Hof ist voller Reisegruppen, die in verschiedenen Sprachen beschallt werden. Eine junge Litauerin spricht in ruhigen Worten, zeigt hierhin und dorthin. Daneben eine Gruppe aus Italien. Die Reiseleiterin pflastert ihre Leute in stakkatoartigem Italienisch gnadenlos zu. Ich wette, sie schafft die Tour in der halben Zeit.

Wasserburg Trakai Litauen

Eine Zugbrücke führt über den Burggraben in den inneren Hof und hier, hinter meterdicken Mauern, entfaltet die mittelalterliche Burg ihre ganze Schönheit. Hölzerne Laufgänge, schwere Tore und schmale Türen führen ins Innerste der Anlage.

Wasserburg Trakai Litauen Ausstellungsvitrine

In geschickt beleuchteten Vitrinen sind fremdartige Artefakte zu bestaunen, die in den tiefen Gewölben der Burg noch geheimnisvoller wirken. Es sind nur die äußeren Mauern, die perfekt restauriert wurden, dass sie wie neu wirken. Im Kern ist die Burg 600 Jahre alt.

Wasserburg Trakai Litauen Gewölbe Vierung Laterne

So interessant Burgen auch sind, lange kann ich mich damit nicht beschäftigen. Ich habe genug gesehen und auch Pieps wird langsam ungeduldig. Wir haben Hunger. Am Seeufer gegenüber stehen die Lokale dicht an dicht. Ich suche mir das mit dem schönsten Garten aus und setze mich mit Pieps an einen Tisch. Ich bestelle Bier und Hamburger.

Wasserburg Trakai Lokal

Der Hamburger sieht nach nichts aus, aber er schmeckt klasse. Sie haben alles Überflüssige weggelassen, er besteht nur aus einer Frikadelle im Brötchen mit viel fettem Schmelzkäse. Keine Tomate und kein Salatblatt trüben den guten Burgergeschmack. Allein das alkoholfreie Bier ist ein Stilbruch, aber den heile ich heute Abend im Zelt.

Als ich zurück zum Motorrad komme, sind die Reisebusse und mit ihnen die Touristen verschwunden. Greeny steht einsam auf ihrem Sperrstreifen und wirkt deplaziert. Zwei Polizisten fahren vorüber, ohne uns eines Blickes zu würdigen.

Ich setze den Helm auf und mache mich auf den Weg. Heute zelte ich auf dem Campingplatz Obuolių sala, zu Deutsch: Apfelinsel. Der Platz liegt auf einer Insel im See und gilt als der schönste Campingplatz Litauens. Für morgen habe ich deshalb einen Jokertag eingeplant.

Die Dörfer wirken umso ärmer, je weiter ich ins Hinterland komme. Und doch ist jedes der bunten Häuser, die für westliche Augen zuerst armselig wirken, bei näherem Hinsehen liebevoll gepflegt und sauber, keines sieht verkommen aus.

Allmählich wird es Zeit, noch etwas fürs Abendessen zu besorgen. Ich möchte zwar in dem Restaurant auf der Apfelinsel essen, aber trotzdem will ich eine Kleinigkeit für den Abend im Zelt kaufen, wenn Pieps und ich im Schlafsack liegen.

Dorf in Litauen

Die Gegend ist inzwischen so ländlich, dass ich schon ewig keinen Supermarkt mehr gesehen habe, aber in dem Dorf Giedraičiai fahre ich an einem Haus vorbei, in dem ein Laden sein könnte. Die Fenster sind zwar verrammelt, aber der Seiteneingang steht offen.

Es ist Freitagabend und an der Bushaltestelle stehen Männer mit Plastiktüten voller Flaschen. Sie sehen aus wie Landarbeiter und haben mehr Schwielen an den Händen, als Zähne im Mund. Vermutlich ist es das Einzige, was der Freitagabend in einem so abgelegenen Dorf wie Giedraičiai bietet: Mit seinen Kumpels an der Bushaltestelle stehen und sich betrinken.

Die Männer sehen mich mit ausdruckslosen Gesichtern an, als ich das Motorrad dicht, ganz dicht, am Eingang abstelle. Niemand spricht mich an, aber ein wenig unheimlich ist es schon.

Ein Schild an der Tür weist darauf hin, dass Schusswaffen draußen bleiben müssen, man nicht fotografieren darf, kein Eis essen soll, kein Hund sein darf und nicht auf Rollschuhen, oder mit Zigarette und nur ohne Korb rein darf.

Supermarkt in Litauen

In einem Geschäft wie diesem auf einem Dorf wie Giedraičiai ist jedes Gesicht bekannt. Bloß meines nicht. Ich hätte auch mit einem Raumschiff neben den Kohlköpfen landen können und wäre nicht mehr bestaunt worden. In einem unbeobachteten Moment knipse ich schnell ein Foto. Damit habe ich 7 von 8 Verboten beachtet, das liegt eindeutig über meinem Schnitt.

Ich kaufe zwei fette Würste und eine große Dose Švyturio BALTIJOS, ein Starkbier mit dem Namen Leuchtturm des Baltikums. Als ich meinen Einkauf an der Kasse auf den Tresen lege, mustere ich verstohlen die anderen Kunden, die ihrerseits mich mustern.

Supermarkt in Litauen

Vor mir eine blondierte, hager gerauchte Frau, die sicher jünger ist, als ihr verhärmtes Gesicht vermuten lässt. Sie legt zwei Flaschen Wodka und eine Stange Zigaretten auf den Tresen und trägt einen Jogginganzug mit Glitzersteinchen. Hinter mir einer der Männer von der Bushaltestelle. Er holt Nachschub und hält ein paar Dosen Leuchtturm des Baltikums in der Hand.

Die Stimmung im Laden ist merkwürdig gedrückt. Die Kassiererin, eine ältere Frau im blau gestreiften Kittel, nimmt für jeden Kunden einen anderen Zettel aus der Kasse und macht darauf eine Eintragung. Darüber viele durchgestrichene Zeilen und ein paar offene. Geld fließt nicht. Ich bin die Einzige, die ihren Einkauf bar bezahlt und 2,39 EUR abgezählt auf den Tresen legt. Selten ist mir so bewusst geworden, wie gut es mir geht.

Ich packe meinen Kram zusammen und verstaue ihn draußen im Tankrucksack. Die Männer an der Bushaltestelle sehen mich dumpf an, als ich an ihnen vorbeifahre.

Der Weg zur Apfelinsel führt auf Sandwegen durch eine Moränenlandschaft und zum ersten Mal finde ich Litauen schön. Die Landschaft erinnert ganz stark an Masuren und dort hat es mir sehr gut gefallen.

Sandweg in Litauen

Eine hölzerne Brücke führt hinüber auf den Campingplatz. Der Weg windet sich zwischen den alten Obstbäumen hinauf zur Rezeption. Eine junge Frau steht hinter dem Tresen am Empfang. Sie grüßt freundlich, als ich hereinkomme.

"I would like to stay for two nights. Just me, a small tent and a motorbike." Pieps erwähne ich mit keinem Wort.

"That's not possible. Sorry, but we are fully booked for the weekend."

Camping Apfelinsel Litauen

Wie sich herausstellt, hat eine Firma die komplette Insel für einen Betriebsausflug gebucht. Sie kommen mit 1000 Mann und es ist kein Platz mehr frei.

Ich bin enttäuscht, weil ich mich so auf Camp Apfelinsel gefreut habe, aber die Frau empfielt mir ein anderes Camp. Ungefragt nimmt sie das Telefon und reserviert einen Platz für mich. Kurz darauf düse ich mit Power zurück über die Holzbrücke und weiter nach Osten.

Orthodoxe Kirche in Litauen

Es sieht nach Regen aus. Bis nach Moletai, dem letzten Ort vorm Camp, sind es 11 km. Auf dem Parkplatz eines Maxima XX an der Durchgangsstraße drängen sich Autos um die letzten freien Parkplätze. Junge Paare kaufen für das Wochenende ein, hart aussehende Männer mit hübschen Frauen.

Im Schnelldurchgang eile ich durch den Laden und kaufe einen fertigen Schweinebraten, ein Stück Käse und eine Flasche Wein. Ich habe es eilig, denn es ist spät und wird außerdem bald regnen.

Auf der Apfelinsel habe ich eine Karte mit den Koordinaten des Campingplatzes bekommen. Ich tippe die Daten sorgfältig in mein GPS-Gerät und drücke auf Go!

Vier Kilometer hinter Moletai biege ich auf einen Forstweg ab. Die Bäume stehen dicht am Weg und das Laubdach lässt nur wenig Licht bis zum Boden durch. Im zweiten Gang fahre ich auf dem Sandweg durch den düsteren Wald. Und hier soll ein Campingplatz sein?

Motorrad auf dem Waldweg

Ich habe vergessen, dass mein GPS noch mit dem Profil der Gotlandreise arbeitet. Damit routet es immer den direkten Weg, selbst wenn der etwas unkonventionell sein sollte: Mad Driver on stolen MotoCross Bike giving a Shit for any Rules. Ich bevorzuge sprechende Dateinamen.

Endlich ein Hinweis auf den Campingplatz: Ein weißes Zelt auf blauem Grund. Ein Pfeil zeigt den Weg. Der Wald rückt noch enger an die Fahrspur und kleine Zweige klatschen gegen die Ärmel der Endurojacke. Für Wohnmobile dürfte es eng werden, aber für die Enduro ist der Forstweg kein Problem.

Ich bin beinahe überrascht, als ich schließlich doch vor dem schmucken, rotweißen Empfangsgebäude des Campingplatzes stehe. Wenn ich ehrlich bin, hatte ich nicht mehr damit gerechnet. Erleichtert steige ich vom Motorrad und gehe hinein.

Mindūnai Camping Litauen

Eine junge Frau im gelben T-Shirt des Camps stellt sich als die Managerin vor. Sie ist sehr freundlich, sehr professionell und spricht passabel Englisch. Sie lässt sich meinen Ausweis zeigen und füllt ein Formular aus. Ich unterschreibe, bezahle 9 € und darf mir einen Platz aussuchen.

Mindūnai Camping liegt in einem Pinienwald am Ufer des Lakajai Sees. Das Gelände ist erstaunlich weitläufig und es ist schwer zu erkennen, wo das Camp endet. Der Wald fällt zum See hin ab und es dauert lange, bis ich eine halbwegs ebene Stelle für mein Zelt gefunden habe.

Zeltplatz am See mit Motorrad

Jetzt muss ich mich beeilen, die Wolken hängen bedrohlich schwer im Himmel. Mit dem ersten Regentropfen mache ich den Reißverschluss von innen zu. Während der Schauer aufs Zelt prasselt, richte ich mich gemütlich ein.

Der Regen lässt bald nach und ich gehe hinauf zu dem Holzhaus, wo auch die Camper Kitchen untergebracht ist, ein großer Raum mit Tischen, Stühlen und einer nagelneuen Einbauküche, die dem, was ich zuhause habe, um Jahrzehnte voraus ist.

Die junge Frau im gelben Shirt sitzt vor einer Tasse Kaffee und tippt auf ihrem iPhone. Sie lädt mich auf einen Kaffee ein und stellt Gebäck auf den Tisch. Ein merkwürdiger Kuchen, der an einen zu groß geratenen, zerbrochenen Keks erinnert. Es ist ein Šakotis, eine litauische Spezialität. Auf ein Kilo Mehl werden bis zu 50 Eier verwendet.

Wir kommen ins Gespräch und Elena berichtet, dass sie Management Business an der Universität in Vilnius studiert. Das Camp gehört ihrem Vater und den Platz zu leiten ist nicht bloß ein Sommerjob, sondern ein gutes Praktikum für ihr Studium.

Ich erzähle, dass ich Polizistin bin und erfahre, dass ihr Freund ebenfalls bei der Polizei ist. Er ist gerade mit dem zweijährigen Studium fertig geworden und verdient nun 420 €.

"In der Woche?"
"Nein, im Monat", erwidert Elena.

Der Beruf des Polizisten ist kein begehrter und angesehener Job in Litauen, weil er schlecht bezahlt wird und gefährlich ist. Jetzt erscheinen mir die Preise hier nicht mehr so paradiesisch günstig, wie zuvor. Vieles kostet dasselbe wie in Deutschland.

Wir unterhalten uns, trinken Kaffee und essen Šakotis. Im Hintergrund läuft ein Fernseher. Elenas Vater kommt herein und setzt sich zu uns, ein schweigsamer, alter Mann, obwohl er vielleicht nicht älter ist als ich. Heute wird die Fußball Europameisterschaft in Frankreich eröffnet und ich weiß, dass Männer sich für sowas interessieren. Ich lenke das Gespräch darauf, aber ihr Vater hat nie von dieser EM gehört und auch Elena zuckt verständnislos mit den Schultern. Was soll das sein?

Innerlich muss ich lächeln, denn es rückt den Wertehorizont wieder gerade. Mir persönlich ist diese Europameisterschaft piepenhagen, allein die Medien machen einen Riesenhype darum, doch hier im Osten Litauens, tief im Wald, ist die EM weit weg.

Später im Zelt decke ich das Abendbrot für Pieps und mich. Claudie hat mir zu Weihnachten eine Tischdecke genäht, die mit ihren rotweißen Karos so hübsch nach Picknick aussieht, dass man schon Appetit bekommt, wenn man sie nur sieht.

Abends im Zelt beim Abendessen

Der Schweinebraten ist zart und saftig, die Kruste würzig und krosch. Wenn es diese Qualität in Kiel an der heißen Theke gäbe, würde ich jedes zweite Entrecote auslassen und dafür einen Schweinebraten essen. Meine Güte, ist der lecker.

Zum Abschluss gibt es Käse und Rotwein. Ich liege im Schlafsack und überdenke meine Planung. Morgen hatte ich einen Jokertag eingeplant, aber das galt für die Apfelinsel. Hier ist es zu öde, um einen weiteren Tag zu verbringen. Morgen früh fahren wir weiter. Ich trinke den letzten Schluck Wein und lege mich aufs Kissen. Gute Nacht, Welt.

zum nächsten Tag...

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Der Grutas Park bei Druskininkai und die Wasserburg Trakai sind zwei der wirklich lohnenden Reiseziele in Litauen. Mir haben beide sehr gut gefallen, es gab eine Menge zu bestaunen und zu fotografieren.

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Ich würde mich freuen.








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Svenja Svendura EndurowandernMade by Svenja Svendura on Apple iMac with Panic Coda and Photoshop Elements.