Reise in die Bretagne
Tag 1: Kiel - Lörrach
Tag 2: Lörrach - Langres
Tag 3: Langres - Gien
Tag 4: Gien - Saumur
Tag 5: Saumur - Pontorson
Tag 6: Mont Saint Michel
Tag 7: Cancale - Trébeurden
Tag 8: Lannion - Brest - Chateaulin
Tag 9: Chateaulin - Concarneau
Tag 10: Pont Aven - Südbretagne
Tag 11: Salzgärten von Guérande
Tag 12: Saint-Nazaire - Surgères
Tag 13: Cognac - Jumilhac-le-Grand
Tag 14: Jumilhac-le-Grand
Tag 15: Jumilhac-le-Grand - Murol
Tag 16: Château de Murol
Tag 17: Murol - Camp Le Gouffre
Tag 18: Vercors - Chartreuse
Tag 19: St.Claude - Camp Cibourg
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Ins Vercors

Die Morgensonne scheint durch das dünne Moskitonetz direkt auf mein Gesicht. Es ist kurz vor sechs. Ich schnappe mir das Handtuch und lege einen Blitzstart hin: Zähne putzen, Sachen packen, Zelt abbauen, verschlafene Maus antreiben, die Gepäckrolle festschnallen und alles in weniger als vierzig Minuten. Heute bin ich gut in Form.

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Das Restaurant auf dem Campingplatz öffnet erst in zwei Stunden. Schade, denke ich, lege den Gang ein und lasse die Kupplung kommen. Der erste Ort heute Morgen heißt Champeix. Ich halte auf dem Marktplatz vor einer Boulangerie. Eine Tüte Pain au Chocolat ist genau das Richtige. Wikipedia behauptet, diese Schokobrötchen seien bei Kindern beliebt und würden in Frankreich als Symbol des Pausenbrots für Schüler gelten. Pieps ist verrückt danach.

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Neben der Bäckerei steckt eine Sportsbar ihre Markise in den Weg. Ich bestelle Kaffee und setze mich nach draußen. Die Gestalten in der Bar sind eine merkwürdige Mischung aus Morgenmenschen und Übriggebliebenen. Die Handwerker trinken rasch einen Kaffee, bevor sie in den Tag starten, aber die tätowierte Frau mit dem Nasenpiercing wohnt hier. Gierig zieht sie an einer Zigarette. Das hohlwangige Gesicht, die ausgezehrte Gestalt, das alles kommt mir bekannt vor. Schwarzer Kaffee und Gauloises werden ihr nicht lange genügen.

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Mit dem letzten Schokokrümel mache ich mich wieder auf den Weg. Kurz hinter Champeix wird die Straße schmaler und die Markierungen verschwinden. Kein Mittelstreifen und keine weißen Linien am Rand. Ich sehe auf den Tacho und ertappe mich dabei, wie ich im vierten Gang mit 45 bis 60 Stundenkilometern dahin tuckere.

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Auf Strecken wie dieser ist die KLX mit ihren 22 PS beinahe übermotorisiert. Der Spaß wäre auf einer 125er derselbe. Das habe ich schon in Norwegen so empfunden, wo das typische Reisetempo oft nur 70 bis 90 ist.

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Hier in der Auvergne, abseits von Nationalstraßen und Autobahnen, stellt sich beinahe das Gefühl ein, das ich sonst in Skandinavien suche: Auf schmalen Straßen ganz allein durch eine wunderschöne Landschaft zu gleiten. Schweden, Norwegen und Finnland sind noch tausendmal weitläufiger und verlassener, aber dafür bleibe ich hier länger trocken.

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Auf dem Motorrad vergeht die Zeit wie im Kino. Andauernd neue Bilder und Eindrücke. Ich merke kaum, wie die Stunden vergehen. Erst in Échandelys, einem winzigen Dorf weitab von jeder Zivilisation, halte ich vor einem Café. Der Ort hat kaum 250 Einwohner, aber immerhin gibt es eine Kirche, einen Brunnen und ein Café.

Ich stelle das Motorrad neben dem Brunnen mit den Löwenmäulern ab und gehe ins Café. Der Raum ist völlig verlassen. Eine dieser blöden Situationen, in denen man nicht weiß, ob der Laden überhaupt auf hat. Vielleicht haben sie nur vergessen, abzuschließen? Still wieder rausgehen, oder stehenbleiben und rufen?

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"Hallo...?!", rufe ich in den leeren Raum hinein. Meine Stimme kommt mir viel zu laut vor und ich fühle mich ein wenig wie ein Eindringling. Gerade als ich schon wieder gehen will, öffnet sich eine Tür, die ich vorher nicht bemerkt habe und eine junge Frau kommt herein. Sie geht lächelnd auf mich zu und trocknet dabei ihre Hände an einem Geschirrtuch.

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Ich bestelle Kaffee und frage nach etwas zum Knabbern für Pieps, aber sie haben nichts. "Not even some biscuits?", frage ich ungläubig, weil ich kaum glauben kann, dass ein Café überhaupt nichts zu Essen da hat, auch wenn ich das in Frankreich andauernd erlebe. Sie verschwindet erneut und kommt kurz darauf mit einer Prinzenrolle zurück.

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Während die Frau den Kaffee zubereitet, kommt ein Arbeiter in die Bar. Sein Lieferwagen steht draußen neben meinem Motorrad. Er fragt nach meiner Reise, dem Woher und Wohin. Er spricht gut Englisch und wir kommen ins Gespräch. Die Beiden können kaum glauben, dass ich heute noch bis nach Grenoble fahren will, aber das muss ich, wenn ich in zwei Tagen den Autozug in Lörrach erreichen will.

Bevor er wieder geht, gibt er mir einen Tipp:"Five kilometers from here there is a Bienvenue with a nice view." Ein Aussichtspunkt? Den Weg dorthin lasse ich mir genau beschreiben. Inzwischen ist meine Tasse leer und Pieps hat sich tief genug in die Prinzenrolle gefräst: "Merci et au revoir."

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Wir brechen auf und ich fahre die kleine Seitenstraße hinauf zu dem Aussichtspunkt. Unten im Tal liegt das Dorf und im Dunst der Ferne sieht man die Vulkanhügel der Auvergne.

Hinter Échandelys schlängelt sich die Straße weiter durch eine malerische Landschaft mit vereinzelten Dörfern. Ich bin ganz überrascht, als ich auf einer Brücke wieder die Loire überquere, die ich vor zwölf Tagen hinter mir gelassen habe.

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In Annonay wird es Zeit zum Tanken und für unseren täglichen Einkauf. Ich halte auf einer TOTAL Tankstelle. Es ist ein glühend heißer Tag. Ich fülle den Tank mit Super 98 und schiebe die Maschine hinüber zum Luftprüfer. Der Vorderreifen kommt mir etwas weich vor. Es fehlt tatsächlich ein atü. Ich pumpe den Reifen auf 2,2 atü und drehe die Ventilkappe wieder fest.

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Der Supermarche neben der Tanktstelle ist klimatisiert. Drinnen sind es erträgliche 25°C, draußen 33. Ich lasse mir betont viel Zeit mit dem Einkaufen und suche in aller Ruhe einen Rotwein aus. Danach besorge ich Baguette und Käse und nur zur Sicherheit ein paar Bratwürste dazu, denn heute ist die Konservendose dran.

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Beim Fischhändler liegen zwei silbrig glänzende Thunfische auf Eis. Ich sehe mich verstohlen um, bevor ich rasch ein Foto knipse. Auf meiner letzten Frankreich­reise habe ich einmal totalen Ärger bekommen, nur weil ich im Supermarkt irgendwelche blöden Krebse fotografiert habe. Aus Gründen, die ich nicht kenne, ist in vielen Supermärkten Fotografierverbot. Warum eigentlich?

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Ein gutes Stück hinter Annonay komme ich an ein großes Wasser. Es ist die Rhone, die hier so breit durch die Landschaft fließt. Am gegenüberliegenden Ufer liegt die Stadt Saint-Vallier. Das türkise Wasser, die malerischen Häuser, diese Farben, dieses Licht: Ich habe das Gefühl am Mittelmeer zu sein, obwohl es noch 240 km sind bis nach Marseille.

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Es gibt einige erstaunlich lange Ortsnamen in dieser Gegend. Saint-Nazaire-en-Royans lautet einer. Hier mündet der Fluss Bourne in die Isère. Ein riesiges Aquädukt überquert den Fluss. Früher diente es der Bewässerung, heute sind Fußgänger und Radfahrer darauf unterwegs. Das Stańczyki-Viadukt tief im Osten Masurens kommt mir in den Sinn. Der Schlüsselmeister hatte mir erlaubt, mit Greeny darüber zu fahren. Welch eine coole Aktion das damals war und wie ich mich darüber gefreut habe.

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Hinter Saint-Nazaire-en-Royans folge ich dem Lauf der Bourne. Mein Campingplatz für heute liegt direkt am Ufer dieses Flusses. Ich brauche ihrem Lauf nur etwa fünfzehn Kilometer zu folgen, dann müsste ich genau auf dem Zeltplatz landen.

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Kurz vorm Campingplatz tauchen am Horizont schroffe Felsen auf. Das müssen bereits Ausläufer der Westalpen sein und das Gebirge direkt vor mir nennt sich Chartreuse. Ich war schon einmal hier. Eine tolle Gegend zum Motorradfahren!

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Minuten später biege ich in den staubigen Kiesweg zum Campingplatz ein. Der Kies knirscht unter den groben Enduroreifen, als ich vor der Rezeption zum Stehen komme. Ich stelle die Maschine auf dem Seitenständer ab.

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Camping Le Gouffre de la Croix wird von einem jungen Ehepaar geführt. Er ist draußen damit beschäftigt, die Bewässerung der Blumenbeete in Ordnung zu bringen und schickt mich zu seiner Frau in die Rezeption. Sie sitzt an einem Tisch über einen Stapel Papiere gebeugt.

Als ich eintrete sieht sie auf und begrüßt mich freundlich: "Bonjour madame". "Bonjour madame", erwidere ich. Es wäre unhöflich, nur Bonjour zu sagen ohne die Anrede. Soviel habe ich inzwischen gelernt.

"Un moto un tent un madame, s'il vous plait", sage ich meinen Standardsatz auf. Während Madame de la Camping einen Meldezettel ausfüllt, sehe ich mich um. Das hier ist nicht nur die Rezeption, sondern auch eine Bar Restaurant. Mein Blick fällt auf eine Tafel, auf der mit Kreide geschrieben das Gericht des Tages steht: "Entrecôte frites 11,00 €"

"Adieux vier Bratwürste, adieux billige Konservendose, bienvenue Entrecôte", denke ich mit Entzücken. Mein Zelt darf ich aufstellen wo ich möchte. Ich finde einen guten Platz neben dem Spielplatz im Schatten einer Baumgruppe. So behalte ich eine gewisse Maus besser im Auge, denn ich weiß nicht, ob unsere private Haftpflicht auch im Ausland gilt.

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Bevor ich daran denken kann, das Lager zu errichten, muss ich die dicken Motorradsachen loswerden. Ich ziehe die Hose aus, zwänge mich in die Leggings und ziehe den Jeansmini an. Vor einem Wohnwagen sitzt ein holländischer Herr auf einem Klappstuhl und schaut mit Interesse zu.

"Bevor ich hier irgendwas anderes mach', brauch ich erstmal 'n Bier", sage ich in glasklarem Deutsch mit leichtem Wernerslang.

"Genau! Un' Körschsaft, näh?!", pflichtet Pieps lebhaft bei. Der Holländer sieht uns verdutzt nach, als wir schnurstracks in Richtung Bar verschwinden.

In der Bar bestelle ich ein eiskaltes Bier für mich und Kirschsaft für Pieps. In drei langen Zügen lenze ich das Glas, bis nur noch der Schaum an meiner Nasenspitze übrig ist. Ich bezahle die Getränke und wandere zurück. Jetzt kann ich in Ruhe aufbauen.

Sowie das Zelt steht und ich unser kleines Ferienhaus gemütlich eingerichtet habe, mache ich mich mit Handtuch, Shampoo und Haarspülung auf ins Waschhaus. Pieps ist alles andere als begeistert, aber etwas Körperpflege haben wir beide dringend nötig.

Wenig später sitze ich mit frisch gewaschenen Haaren und in Begleitung einer strahlend sauberen Maus auf der Terrasse vor dem Restaurant. Wer würde eine Konservenbüchse öffnen, wenn nebenan Entrecôte auf der Karte steht?

Der verführerische Duft von gegrilltem Fleisch weht aus der Küche herüber und dann wird auch schon das Essen serviert. Ich mag die schmucklose Art der Dekoration. Keine Alibi Tomate weicht die Pommes ein, kein gemischter Salat stört den Blick. Bloß Pommes Frites und Fleisch. Die Mayonnaise habe ich extra bestellt. Da ist Ei drin und Eier haben etwa eine Zentillion Vitamine.

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Soweit es seine Stellung als Standardgericht der Gastronomie angeht, entspricht Frankreichs Entrecôte frites unserem Schnitzel Pommes: Gibts fast überall und kostet um die zehn Euro oder knapp darüber. Damit funktioniert Svenjas Schnitzelindex auch hier.

Leider weiß ich nicht, was "Ein verdammt zäher alter Knabe" auf Französisch heißt, aber das hier ist eindeutig kein Entrecôte. Vermutlich ist es Faux Filet. Statt eines teuren Stücks aus der Zwischenrippe wird das billigere Falsche Filet serviert. Diese kleine Gaunerei greift mehr und mehr um sich. So hält der Wirt den günstigen Preis und fällt nicht aus dem Schnitzelindex.

Trotzdem bin ich nicht unzufrieden. Die Mayo ist fett, die Pommes knusprig und das Bier kühl. Auf einer anderen Kreidetafel steht: "Assiette de fromages de la region 4,00 €".  Eine Käse­platte der Region? Als die Kellnerin kommt, zeige ich mit dem Finger auf die Tafel und bestelle ein Glas Wein dazu.

Der Käseteller wird nicht bloß einfach vor mich hingestellt, sondern jede Käsesorte wird einzeln am Tisch vorgestellt und besprochen. Natürlich verstehe ich nicht alles, aber ich höre die Worte bleu, camembert und localement heraus. Ein Blauschimmel, ein Camembert und ein Käse von nebenan. Dazu frisches Baguette und ein Glas Weißwein.

Es ist nicht überliefert, wie genau es im siebten Himmel zugeht, aber ungefähr so sollte ich mich dort fühlen: Rundherum ausgeglichen, glücklich und zufrieden.

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Inzwischen ist es Abend geworden. Der Hausberg strahlt golden im Licht der untergehenden Sonne und mehr und mehr Gäste strömen in das hübsch gelegene Lokal am Flussufer. Die Bourne fließt direkt am Camp vorbei.

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Heute Nacht mache ich nur das Moskitonetz zu. Die Eingänge bleiben offen und den Schlafsack lege ich nur als Decke über. Alles in der Hoffnung auf etwas Abkühlung.

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Gute Nacht, Welt. Hoffentlich können wir bei dieser Wärme gut schlafen. Manchmal dreht man sich ... unruhig ... hin und ... bzzZzzz ... chrrRrrr ... hapüüÜüü...

zum nächsten Tag...

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Das war ein unglaublich schöner, unglaublich langer und unglaublich heißer Fahrtag. Ich habe jeden Kilometer davon genossen. Ich liebe Frankreich. Morgen gehts ins Chartreuse...

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