Reise nach Italien
Tag 1+2: Kiel - Verona - Gajole
Tag 3: Am Lago di Corlo
Tag 4: Arsiè - Camp Valle Verde
Tag 5: Bozen - Meran
Tag 6: Meran - Stelvio - Gaviapass
Tag 7: Edolo - Zambla Alta
Tag 8: Zambla - Lago di Lugano
Tag 9: Lago Maggiore
Tag 10: Markt in Cannobio
Tag 11: L. Maggiore, Lugano, Como
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Am Lago di Corlo

Kurz vor acht. Draußen herrscht eine geradezu unirdische Stille. Das ist das Letzte, was ich auf einem Campingplatz in Italien erwartet hatte. Ich schnappe mein Beautycase und wandere zum Waschhaus. Zwölf Stunden Schlaf und ich sehe aus wie die Zweitbesetzung vom Dschungelcamp. "Gebt mir Zeit, MakeUp und genügend Concealer und ich krieg das wieder hin", knurre ich mein Spiegelbild an. Pieps grinst, ist aber klug genug, den Mund zu halten.

Svenja im Waschhaus

Nach dem üblichen Drama um die Frage, ob auch Mäuse ihre Zähne putzen müssen: "Wegen die wax'n 'wieso wieder nach" - Pieps Kühnke muss - "menno!" gehen wir runter an den See. Nur ein Zaun trennt den Campingplatz vom Lago Corlo. Gestern bin ich so schnell im Zelt verschwunden, dass ich mich noch nicht einmal richtig umgesehen habe.

Lago Corlo Italien

Der Stausee wird zum Winter abgelassen und tatsächlich steht bloß noch eine große Pfütze auf dem Boden des Beckens. Ein Wanderweg führt am Seeufer entlang nach Arsiè, aber das ist mir zu weit. Ein Frühstück gibt es auch im Camp und Pieps brauche ich ohnehin nicht zu fragen, was ihr lieber ist: Latschen oder essen?

In Italien bedeutet "Frühstück" das Gleiche, wie in Frankreich: Croissants und Kaffee. Als ich in den zarten Blätterteig beiße, quillt Aprikosenmarmelade heraus. Während ich den starken Kaffee in mich hineinschlürfe, beginnt es zu regnen. Dann wird heute nichts aus meiner geplanten 100 Kilometer Rundtour mit Schotteranteil, aber wenn der Regen nachlässt, will ich wenigstens die nähere Umgebung erkunden.

Die Signora Campeggio empfiehlt mir einen Ausflug nach Enego. Das Dorf sei noch sehr ursprünglich und erst ganz wenig touristisch. "Das lässt sich ändern", denke ich und mache das Motorrad startklar. Wie auf Kommando bricht die Sonne durch die dunklen Wolken.

Schuppen am See

Die Straße am Ufer des Lago di Corlo ist stellenweise so schmal, dass man nicht genau weiß, ob sie ein- oder zweispurig sein soll. Neugierig folge ich ihr.

Die Straße endet am Wasserkraftwerk. Ein rotweißes Schild spricht sich entschieden gegen die Weiterfahrt über die Staumauer aus, aber auf der anderen Seite ist ganz deutlich eine Tunnelöffnung zu sehen. So ein Tunnel, der muss doch irgendwo hinführen?

Lago Corlo Italien Staumauer am Kraftwerk

Es ist einfach zu verlockend und ein kleiner Teil der Reisekasse ist ohnehin für Strafmandate eingeplant. Im zweiten Gang fahre ich mit wenig Gas möglichst unauffällig auf die Staumauer. So unauffällig eine grüne Crossenduro eben ist, die einsam und in freier Sicht über eine dreißig Meter hohe Mauer bollert.

Schlucht am Stausee

In der Mitte halte ich an. Von hier hat man einen dramatischen Ausblick auf die andere Seite der Schlucht. Kleine Wasserfälle sorgen für viel Getöse. Ich schieße ein Foto und fahre weiter, bis ich durch das Portal im Berg verschwinde und außer Sicht bin.

Tunnel am Lago Corlo

Der Tunnel ist kaum breiter als ein Auto und nicht sehr hoch. Auf dem Boden trockenes Herbstlaub, das der Wind hineinge­weht hat. Im zweiten Gang tuckere ich durch das Gewölbe. Der Weg führt steil bergan. Hinter dem Tunnel ein Schild CORLO.

Italien

Höher und höher schraubt sich die Straße nach oben bis ich ein winziges Dorf erreiche. Eine Handvoll Häuser, mehr oder weniger baufällig, die verwegen am Hang kleben, Corlo. Mein Ausflug endet plötzlich vor einer Leine voll frisch gewaschener Wäsche im Apfelgarten des letzten Hauses.

Im letzten Moment bevor mir ein feuchtes Bettlaken am Helm klebt, bringe ich die Enduro zum Stehen. Ich schlage den Lenker ein, rolle etwas nach hinten, wende und trete den Rückzug an. Es ist niemand zu sehen, aber ich ahne die misstrauischen Blicke hinter den Gardinen. Das Motorrad ist in dieser Stille nicht zu überhören. Ich sollte hier verschwinden.

Auf dem Rückweg zum Tunnel entdecke ich ein anderes Bergdorf. Es liegt malerisch von der Sonne beschienen auf der anderen Seite der Schlucht. Auf meiner Karte ist der Ort nicht verzeichnet, dafür ist der Maßstab zu groß, aber ich kann sehen, dass dort eine Kirche steht.

Italien

Ich fahre zurück durch den Tunnel, über die Staumauer und auf der anderen Seite der Schlucht wieder hoch bis nach Incino. Der Ort ist kaum größer als Corlo, aber sie haben wenigstens schon eine Kirche.

Genau in Höhe der Kirchentreppe steht das gefürchtete weiße Schild mit dem roten Rand, Verkehrszeichen 250: Durchfahrt verboten. Es ist das meistgehasste Schild beim Enduro­wandern. Und das meistignorierte. Ohne links oder rechts zu gucken, fahre ich im zweiten Gang daran vorbei, so als hätte ich es nicht gesehen. Ich sag einfach, ich will meine Oma besuchen in dem kleinen Haus am Ende der Straße.

Der Asphalt endet hinter dem Haus meiner – mutmaßlichen – Großmutter und geht über in einen Trampelpfad. Links der Berg und rechts ein Geländer aus Blumendraht, das den Weg vom Abgrund trennt. Ich bin noch keine zwanzig Meter hineingefahren, als mir klar wird, wie blöd das war. Selbst für eine Standwende ist der Weg zu schmal, ich kann ja kaum den Fuß absetzen. Außerdem geht es steil bergab. Wenn der Weg endet, kriege ich das Motorrad hier nicht mehr raus.

Ich steige vorsichtig ab, lasse die Maschine stehen und wandere den Pfad hinunter, um zu sehen, wie es weitergeht. Nach einer Weile verschwindet auch das Geländer und der Weg verliert sich im Berg. Keine Wendemöglichkeit. Jetzt heißt es schieben.

Italien

Ich lasse den ersten Gang eingelegt und presse das Motorrad mit gezogener Kupplung rückwärts die Steigung hoch. So kann ich jederzeit die Kupplung loslassen und die Maschine steht im Hang. Meine Güte, welch eine Plackerei. Dabei wiegt Greeny nur 138 Kilo.

Die kleine Steinplatte, die ich so schwung­voll runtergefahren bin, ist ein echtes Hindernis. Erst im dritten Anlauf kriege ich das Hinterrad mit Kraft die kleine Kante hoch. So ein Shice!

Ich stoße zum Wenden rückwärts in Omas Gartentor. Ein alter Mann – Opa? – steht mit einer Gieskanne in der Hand am Zaun und sieht mir ausdruckslos zu. Ich nicke ihm kurz zu, starte den Motor, kloppe den Gang rein und sehe zu, dass ich wegkomme. Vermutlich lachen sie in Incino heute noch über die dämliche Else aus Deutschland, die mit ihrem Motorrad zum Klettersteig fahren wollte.

Jetzt möchte ich mir Enego ansehen, den kleinen, noch nicht touristischen Ort, den die Wirtin empfohlen hatte. Eine Serpentinen­strecke führt in sechzehn Kehren rauf ins Dorf. Biker aus Holland, Deutschland und Italien heizen mit brüllenden Akrapovicen den Berg hoch und nehmen die Kehren im Hanging-off-Style. Ich fahre langsam hinterher: Granny-Style.

"Jeder wie er mag", denke ich."Wir leben und wir sterben mit unseren Entscheidungen." Trotzdem ertappe ich mich bei dem Gedanken, was ich tun soll, wenn es einen der Kamikaze Piloten vor mir zerlegt. Hält man an? Hilft man? Oder macht man bloß ein witziges Selfie vor rauchenden Trümmern und fährt behutsam weiter?

Italien

Enego ist an diesem Sonntagmittag wie ausgestorben. Außer der Kirche ist nur die Tankstelle erwähnenswert. Der Laden hat sonntags zu, aber es gibt einen Tankautomaten. Meine VISA-Karte spuckt er wieder aus, vermutlich stört ihn der Sicherheitschip, aber den Zehneuroschein reißt er mir fast aus der Hand und saugt ihn gierig in die Maschine.

Bei EUR 7,18 macht es klack und die Pumpe stoppt. Der Tank ist voll. Wechselgeld? Gibt es nicht. Genau wie im Restaurant wird auch beim Tanken ein Zuschlag für Coperto erhoben. Wie hatte Mauro, der kleine Italiener mich im Autozug gewarnt: "Italiener siende schlaauu."

Auf dem Tacho stehen 62 km, als ich ausrolle und neben unserem Zelt zum Stehen komme. Das hat Spaß gemacht heute. Italien ist schön, auch wenn ich es mir völlig anders vorgestellt hatte, ohne dass ich genau sagen kann, wie anders. Das Wetter? Das Licht? Ich hatte es mir südländischer vorgestellt, mediterraner. Die ersten beiden Tage hätten wir ebenso gut in Österreich drehen können, da war es genau so schön. Bloß die Portionen waren größer.

Es beginnt zu regnen. Ich lege mich ins Zelt und lese. Der Regen wird stärker. Blitz, Donner, Starkregen. Plötzlich prasseln kleine Eiskügelchen aufs Zelt. Es hagelt. Das Auswärtige Amt sollte eine Reisewarnung vor Svenja Kühnke herausgeben: "Bringt schlechtes Wetter und kann ganze Weinernten ruinieren. Nicht durch Austrinken – das wohl auch – sondern durch ihre bloße Anwesenheit."

Den Kopf zwischen die Schultern gezogen renne ich durch den Regen hinüber in die Bar. Ich bestelle ein Glas Pinot Grigio und setze mich damit auf die überdachte Terrasse. Es ist kühl, aber in der Motorradhose, der Fleecejacke und dem Windbreaker friere ich nicht. Dieselben Sachen haben sich schon im Juni 2013 bewährt, am Polarkreis.

Am Boden des Weißweins hört der Regen auf. Es wird Zeit für unser Abendessen. Ich gehe zurück zum Zelt und werfe die Küche an. Das T-Bone Steak, das ich gestern aus Rovereto mitgebracht habe, ist zu groß für den Teller. Erst als ich das Filet abschneide, passt es halbwegs drauf, aber dabei ruiniere ich die schöne saubere Tischdecke mit Flecken.

Italien

Für ein solches Steak ist es erstaunlich zart. Pieps stimmt mit vollem Mund eifrig nickend zu, aber das bedeutet überhaupt nichts. Für Pieps Zähne ist nämlich alles "totaahl zaaht, näh?!"

zum nächsten Tag...

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Svenja Svendura EndurowandernMade by Svenja Svendura on Apple iMac with Panic Coda and Photoshop Elements.