Reise mit Hurtigruten
Tag 1: Kiel - Oslo
Tag 2: Ein Tag in Oslo
Tag 3: Oslo - Bergen - Florø
Tag 4: Maløy - Kristiansund
Tag 5: Trondheim - Nesna
Tag 6: Brønnøysund - Svolvaer
Tag 7: Stokmarknes - Tromsø
Tag 8: Hammerfest - Vardø
Tag 9: Kirkenes - Honningsvåg
Tag 10: Havøysund - Finnsnes
Tag 11: Lofoten - Bodø
Tag 12: Ørnes - Trondheim
Tag 13: Trondheim - Oslo - Kiel
Platzhalter Hurtigruten
Platzhalter MS Lofoten Fahrkarte
Platzhalter MS Lofoten Fahrkarte



Wir gehen an Bord MS Lofoten

Color Fantasy Kiel TerminalIch bin schon kurz nach sechs hellwach und ziehe mich in Win­des­­eile an. Schwarze Leggings, brau­ner Long­pulli und die pas­sen­den Over­knee­­stiefel dazu. Nein, das sieht noch zu brav aus. Erst mit dem frechen Haar­band im Leo-Look ist das Outfit komplett. Mit dem Fahrstuhl fahre ich hin­unter ins Atrium zum Früh­stück, während Claudia und Pieps noch an der Matratze horchen.

Das Clarion ist ein beein­druck­en­der Bau. In seiner Mitte öffnet sich das 15 stöckige Gebäude zu einem großen, überdachten Innenhof, dem Atrium, wo mehr als 500 Gäste gleichzeitig frühstücken können. Beleuchtete Außen­fahr­stühle gleiten wie goldene Raum­kapseln in den Saal und Früh­stücks­gäste aus allen 15 Stock­­werken strömen heraus und machen sich auf die Suche nach einem freien Tisch.

Das Buffet ist so unglaublich groß, vielfältig und so appetitlich angerichtet, wie man es sich nur wünschen kann. Es gibt einen extra Tisch für Brot und Brötchen mit einer unglaublichen Sortenvielfalt, ein Obstbuffet, ein süßes Buffet mit Kuchen, Keksen und auch frischem Teig neben einem Waffeleisen. Ein Meeresbuffet mit Fisch und Salaten und natürlich ein großes Milch-, Joghurt- und Müslibuffet.

Das Herzstück aber ist die heiße Küche, in der ein Hochmützenkoch auf mehreren Platten zugleich Eier, Speck und Gemüse brät. Dazu mehrere kupferne Wannen in denen bereits fertiges Rührei, Bratwürste, Frikadellen und gebratenes Gemüse und Pilze liegen. Ich möchte zuerst nur Kaffee trinken, aber um nicht unhöflich zu erscheinen, stelle ich mir einen kleinen bunten Teller aus Rührei, Spiegelei und Bratkartoffeln zusammen.

Auf den Bewertungsportalen im Internet habe ich wenig Positives über das Clarion Hotel Royal Christiania gelesen, aber ich persönlich finde es klasse. Es ist keine familiär geführte Frühstückspension, sondern eine Bettenmaschine auf gehobenem Niveau, die morgens mühelos 500 Personen auf erstklassige Weise satt bekommt. Auch Claudia, Pieps und mich. Im Foyer gibt es eine Internetstation, wo mehrere Apple iMacs auf ihre kostenlose Nutzung warten und daneben einen Kaffeeautomaten und weltweite Tageszeitungen. Beides ebenfalls kostenlos. Wow, ich könnte hier einziehen.

Vom Hotel aus rollen wir unsere Koffer einmal quer über die Straße, die Biskop Gunnerus Gate, und sind schon im Hauptbahnhof von Oslo. Die Bergenbahn startet um 10:37 Uhr von Gleis 3 und wir haben Zeit genug, um auf dem Bahnsteig noch ein bisschen durchzufrieren.

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Gerade als ich mich selbst so richtig toll finde, weil ich trotz des Winters und meines Alters so jugendlich modern angezogen bin, kommt eine junge Norwegerin mit ihrem Koffer angerollt und setzt sich neben uns. Sie trägt eine schwarze Daunenjacke, unter deren Rand knappe 2 Fingerbreit eines knallroten Minis herausgucken. Dazu schwarze Strumpfhosen und passende Keilstiefel. Mit meinem Oma Outfit stinke ich dagegen mächtig ab und ich tue so, als hätte ich die Arschkuh gar nicht gesehen. Trotzdem ärgere ich mich, dass ich nicht den Mikro­mini und die schwarzen Overknees angezogen habe.

Gerade überlege ich, mich auf dem Bahnhofsklo umzuziehen und so zumindest Gleichstand herzustellen, da läuft unser Zug schon ein. Die Lok hat einen mächtigen Schneepflug vorne dran, aber ich sehe hier nirgendwo Schnee. Echte Poser, diese Norweger...

Beschreibung Mit meinem Koffer rolle ich zu Waggon 4 und die Norwegerin hinter mir her. "Schlampe!", denke ich. Wie kann man sich tags­über so anziehen? Muss es wohl nötig haben, schamloses Ding.

Wir stehen vor der geschlossenen Waggontür und es geht nicht weiter. Die Tür bleibt zu. Ratlosigkeit macht sich breit. Bis ich den großen grünen Knopf neben der Tür entdecke. "Åpne - Open" steht drauf. Mit aller Kraft drücke ich den Knopf hinein und breche mir fast den Daumen, denn es ist nur eine Sensor­fläche. Die Tür gleitet mit leisem Zischen zur Seite. Das Mädchen im Mini bedankt sich und lächelt mich freundlich an. Süß sieht sie aus. Ich mochte sie auf Anhieb.

Wir sitzen in einem modernen Großraumwaggon, der eher an ein Flugzeug erinnert. "Erster Fensterplatz. Ohne Streit...!", brülle ich und werfe mich mit Schwung auf den Platz am Fenster. Einige Fahrgäste sehen mich verwundert an. Dabei dachte ich immer, das sei international, wenn man schnell genug "Ohne Streit." brüllt. Auf die Minute pünktlich fährt der Zug sanft an und wir sind unterwegs nach Bergen.

Beschreibung Hinter uns sitzen mehrere Schweizer, die sich in einem rachitischen SingSang unter­halten. Ich verstehe kein Wort, aber als ich die Hurtigruten Anhänger an ihren Koffern entdecke, klappe ich die an unseren Koffern unauffällig nach hinten. Ich kann nicht ahnen, wie nett wir uns später an Bord unter­halten werden, sowie sie die Sprach­­ver­schlüsselung ausge­schaltet haben.

Auf dem Platz vor uns sitzt eine Gruppe däni­scher Männer um die 40, die sich so richtig cool vor­kommen. Typische Ruck­sack­touristen. Sie breiten sich zu viert auf acht Plätzen aus, legen ihre nackten Füße auf die Sitze und sind irgendwie durch und durch unappetitlich anzu­se­hen. Sie geben die erfahrenen Helden der Arktis und haben für uns nur ein belustigtes Lächeln.

Wenn diese Landeier wüssten, dass Claudia jahrelang auf Spitzbergen war, dort auch als Guide gearbeitet und wochenlang im Eis verbracht hat nur mit Zelt und Schlafsack bei bis zu -40°. Claudia ist es auch, die mich darauf aufmerksam macht, dass die Ausrüstung der Typen absolut unmöglich ist. Zwei von ihnen packen nagelneue Bergschuhe aus, an denen noch die Preisschilder hängen, ebenso wie an der angeberischen, roten Schneeschaufel. Außerdem haben sie allen möglichen unnützen Kram mit, was ich als Endurogirl sofort erkenne. Jeans­hosen und rahmengenähte Lederschuhe, die alleine schon den Rucksack füllen. Die halten uns vielleicht für schräge Gestalten, aber wir würden denen jederzeit noch etwas vormachen.

Nach einer Weile hören die Typen auf zu glotzen und vertiefen sich in ihre Bücher. Sie haben mehrere Romane im Rucksack. Nicht etwa Taschenbücher, sondern die dicken gebundenen Ausgaben mit Schutzumschlag. Die Titel sind auf dänisch gedruckt und das verblüfft mich. Ich wusste gar nicht, dass es sogar Bücher gibt, die extra auf dänisch gedruckt werden. Lohnt sich das denn?

Die Zugfahrt dauert fast acht Stunden, aber schon kurz hinter Oslo wird mir klar, weshalb die Lok einen Schneepflug hat. Wir fahren durch eine atemberaubend schöne Winterlandschaft und hohe Schneewälle reichen bis unmittelbar an die Gleise heran.

Rallarvegen

Unterwegs fahren wir ein Stück am Rallarvegen entlang, der unter einer haushohen Decke aus Schnee und Eis begraben liegt. Ungefähr hier habe ich mich auf meiner KTM sogar noch im Hochsommer im Schnee festgefahren, obwohl ich grobstollige MotoCross Reifen aufgezogen hatte.

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In Finse steigen die dänischen Rucksäcke aus. Ein Guide mit Schneescouter und Hänger wartet bereits am Bahnsteig auf sie. Finse liegt in 1.222 m Höhe und ist eine regelrechte Eiswüste. Erinnert ihr euch an den Film Das Imperium schlägt zurück? Die Szenen auf dem Eisplaneten Hoth? Das ist in Finse gedreht worden. "Viel Spaß in den neuen Schuhe, ihr Senfnasen.", denke ich. Das wäre ja gerade so, als wenn ich in nagelneuen Buffalo Pumps zum Tanzen ginge.

Kurz vor Bergen fährt der Zug in einen fast 8 km langen Tunnel ein und kommt erst unmittelbar vor dem Bahnhof wieder zum Vorschein. Der Eindruck ist überwältigend. Hier endet der Zug und alle Passagiere steigen aus. Ein Bus bringt uns zum Hurtigrutenterminal.

Die Stadt empfängt uns, wie sie seit jeher ihre Gäste empfängt, mit Regen. Claudia allerdings schwört Stein und Bein, dass sie hier schon im Sonnenschein spaziert ist und es nicht geregnet hat. Pieps ist es egal, weil sie in meiner warmen Manteltasche schläft und vermutlich von Piraten träumt.

Zu Fuß geht es von der Abfertigungshalle zum Schiff. Die MS Lofoten ist das zweitälteste Schiff auf der Hurtigruten. Am Ende der Reise wird sie das dienstälteste Postschiff des Coastal Express sein, aber das kann ich jetzt noch gar nicht wissen.

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Die MS Lofoten ist 1963 vom Stapel gelaufen und hat die Größe eines kleinen Butter­damp­fers. Maximal 400 Passagiere passen an Bord und mit 87 m Länge und 13 m Breite ist sie kaum mehr als eine Nussschale. Damit sollen wir im Winter durchs Nordmeer und die Barents­see fahren? Auf der MS Color Fantasy passten schon in jedes der Rettungsboote 150 Passagiere.

Wir gehen an Bord des alten Postschiffes und sind voller Vorfreude auf die beginnende Seereise. Als wir aber zum ersten Mal die Tür zu unserer Kabine #221 öffnen, sind wir etwas erschrocken. Wir wussten zwar, dass sie eher klein sein würde, aber wie winzig, davon hatten wir keine Vorstellung. Die Kabine ist etwa 4,5 m² groß, dagegen ist das Bad mit 1,5 m² beinahe riesig.

Wir hängen den Inhalt unserer Reisekoffer in den Schrank, werden aber die Hartschalenkoffer nicht los. Notgedrungen stehen sie vor den Betten im Weg herum.

Am ersten Abend an Bord gibt es ein großes Buffet. Für die Dauer dieser Reise sind wir auf Tisch 13 in der 18 Uhr Sitzung gebucht. Die Passagiere der zweiten Sitzung essen um 20 Uhr. Am ersten Abend gibt es noch freie Platzwahl und der Speisesaal ist so overcrowded, dass wir Mühe haben, einen freien Platz zu ergattern. Wir setzen uns zu einem alleinreisenden Herrn an den Tisch. Er trägt eine Tarnjacke und spricht weder deutsch noch norwegisch und nur wenige Brocken englisch. Das muss ein Franzose sein und richtig, so ist es auch. Ein sehr höflicher und wirklich netter Mensch, auch wenn wir uns nur mit Mimik und Gestik unterhalten können.

Das Buffet ist passend zum Speisesaal eher klein, aber doch von opulenter Vielfalt und ich weiß zuerst gar nicht, was ich nehmen soll, bin aber schon rundherum auf Fisch eingestellt. Als ich eine Wanne voller Entrecotes entdecke, suche ich nicht mehr weiter. Vier Entrecotes und zwei Löffel geschmorte Pilze machen mich glücklich. Claudia probiert auch verschiedene andere Gerichte und Pieps probiert alles, solange es Vanilleeis mit "heiße Körschen" ist.

Während des Essens werden wir von jungen Kellnerinnen nach unseren Getränkewünschen gefragt. Sie sind nett anzusehen in ihren schicken Uniformen aus schwarzem Rock, weißer Bluse und roter Weste. Sie tragen Karaffen mit Leitungswasser in den Händen und nach einem Blick in die Getränkekarte weiß ich, dass Leitungswasser das Getränk meiner Reise sein wird. Ein Glas Bier kostet 52 NOK (ca. 6,80 €) und die günstigste Flasche Weißwein 330 NOK (ca. 43 €). Außerdem mag ich Wasser, es lenkt nicht so vom Essen ab.

Beschreibung Nach dem Abendessen findet in der Bar in drei Schichten (norwegisch, englisch, deutsch) die Sicherheitsunterweisung statt. Der Sicherheits­offizier zeigt uns, wie man den Rettungsanzug Kaltwasser anlegt. Ein wirklich durchdachtes Teil, aber sollte ich den jemals anziehenen müssen, würde ich danach aus Kiel wegziehen, so blöd sieht man darin aus. Und welche Schuhe trägt man überhaupt dazu?

Während ich noch beschließe, im Fall der Fälle lieber mein weißes Strickkleid anzuziehen, versorgt uns Harald, Reiseleiter, Gäste­betreuer und Mädchen für alles, mit viel Hamburger Charme mit weiteren Informationen.

Ein großes Thema an Bord ist die Seekrankheit. Wir werden tausende Kilometer die Küste entlangfahren und uns dabei überwiegend in Küstennähe bewegen. Es wird aber auch einige Strecken geben, auf denen wir die offene See überqueren werden.

"Wir sind noch ein echtes Schiff. Das bedeutet, wir haben keine Stabilisatoren, aber dafür sind wir absolut seetüchtig. Es ist Winter und wir fahren durchs Nordmeer. Wenn Sturm aufkommt, tanzen wir Rock'n Roll ohne Musik und ich werde über Lautsprecher durchsagen, wenn Sie besser in Ihre Kabine gehen und sich in die Koje legen sollten. Bitte fassen Sie das nicht als Bevormundung auf, aber dort sind Sie bei Sturm wirklich am besten aufgehoben.", erklärt Harald uns.

Wir sind alle drei ziemlich beeindruckt. Claudia, weil sie es bereits erlebt hat, Pieps weil sie endlich einen Sturm erleben will und ich, weil ich nicht weiß, ob ich dann seekrank werde und deshalb vielleicht eine Mahlzeit verpasse.

Es ist 22.30 Uhr, als die Lofoten auf dieser Reise zum ersten Mal ausläuft und Kurs nach Norden nimmt. Wir gehen schlafen. Es sind 34 Häfen bis Kirkenes und die, die man nachts verschläft, erlebt man auf der Rückreise bei Tag. Die Kojen sind wirklich bequem und im Nu bin ich fest eingeschlafen, ohne mich von den Geräuschen an Bord stören zu lassen.

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Svenja Svendura EndurowandernMade by Svenja Svendura on Apple iMac with Panic Coda and Photoshop Elements.