Inhaltsverzeichnis
Frankreich 2023
Tag 1 Kiel - Bad Pyrmont
Tag 2 Bad Pyrmont - Dausenau
Tag 3 Dausenau - Wingen-s/Moder
Tag 4 Wingen - Camp Hautoreille
Tag 5 Jokertag im Camp Hautoreille
Tag 6 Parc Morvan, Camp Le Paroy
Tage 7/8 Jokertage im Camp
Tag 9 In die Auvergne
Tage 10/11 Auvergne-Tarnschlucht
Tag 12 Zur Quelle des Tarn
Tag 13 Gorges du Tarn bis Ambialet
Tag 14 Tarn bis Moissac
Tag 15 Moissac - Périgord
Tag 16 Jumilhac-le-Grand
Tag 17 Am Canal de Berry
Tag 18 Nevers - Accolay
Tag 19 Tonnerre - Froncles
Tag 20-23 Heimreise
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Die Reise beginnt

Sonntagfrüh auf der Autobahn von Kiel nach Hamburg. Pieps und ich sind auf dem Weg nach Frankreich. Unser Ziel liegt in den Cevennen, genauer gesagt in Okzitanien. Wir wollen durch die Felsschlucht Gorges du Tarn fahren und am Ufer des Flusses zelten.

Motorradtour nach Frankreich

Die A215 liegt völlig verlassen, erst kurz vor Bordesholm steht ein Reh im Rapsfeld und sieht neugierig zu uns herüber, wie wir auf der rechten Spur mit 110 km/h einsam unsere Bahn ziehen.

Zum ersten Mal reisen wir nicht im Autozug, sondern fahren wieder selbst. Der Ärger bei der Verladung im letzten Jahr hat den Ausschlag gegeben. Ich will testen, wie quälend die Fahrt mit der Honda Africa Single von Kiel nach Frankreich tatsächlich ist. Werden wir danach reumütig zum Autozug zurückkehren, oder sehen die uns nie wieder?

Der Autoreisezug ab Hamburg fährt bis Lörrach kurz vor der französischen Grenze. Das sind etwa 920 km, doch soweit müssen wir gar nicht. Unser Frankreich liegt bloß 800 km entfernt, aufgeteilt in drei Tage auf der Straße und zwei Nächte im Zelt. Heute wollen wir bis nach Bad Pyrmont.

Motorradtour nach Frankreich

Autobahnfahrten auf dem Motorrad sind selten ein Vergnügen, noch viel weniger auf einer 250er Enduro mit Stollenreifen, aber wenn schon, dann am Sonntagmorgen. Durch das LKW Fahrverbot ist kaum Verkehr und wir hoppeln auf unseren grobstolligen Anakee Wild Enduroreifen gut gelaunt unserem Urlaubsziel entgegen. Drei Tage bis Frankreich.

Nach 120 km Autobahn sind wir unter der Elbe durch und auch die Kräne des Hamburger Hafens sind aus den Rückspiegeln verschwunden. Das war genug Autobahn für heute. Ich setze den Blinker und fahre runter auf die B3.

Motorradtour nach Frankreich

Die Strecke über Schneverdingen, Soltau und Schwarmstedt ist so öde, wie sie klingt, aber dafür kommen wir gut voran. Es geht meist stur geradeaus und die nichtssagende Landschaft verleitet nicht dazu, anzuhalten und den Fotoapparat auszupacken.

Motorradtour nach Frankreich

Schon bei der Planung habe ich mich darauf gefreut, dass die Strecke am Ende der Norddeutschen Tiefebene endlich schöner wird, wenn das Weserbergland beginnt mit seinen tollen Motorradstrecken.

Motorradtour nach Frankreich

Während die Landschaft an mir vorübergezogen wird und ich kaum mehr tun muss, als den Lenker zu halten, geht mir eine andere Sache nicht aus dem Kopf, die mich doch sehr beschäftigt. Seit einigen Wochen bin ich im Ruhestand, in Pension, bin Zivilistin und trage hauptamtlich Beige. Das ist die erste Reise ohne Urlaubstage und Überstunden einzulösen und ohne am letzten Tag meinen traditionellen Marmor­kuchen auszugeben. Marmor ist mein absoluter Lieblingskuchen. Jeder im Dienst weiß das.

Und jetzt? Ist es überhaupt eine gültige Urlaubsreise, wenn man am Montag danach nicht wieder zum Dienst muss, im Sinne von: Nie wieder? Keine Ahnung, dies ist mein erster Ruhestand.

Vor uns taucht die Weserbrücke Hessisch Oldendorf auf. Jetzt sind es nur noch etwa 30 km bis Bad Pyrmont. Unser Camp für die erste Nacht ist der Campingpark Schellental.

Motorradtour nach Frankreich

Hoffentlich bekommen wir da ohne Reservierung einen Platz, immerhin hat das Camp allerbeste Bewertungen und Pyrmont ist das Premiumziel für Kururlauber auf der Suche nach etwas Wassertreten und einem gepflegten Barfuß-Parcours mit Waschkies und Kiefernrindenmulch.

Schon in der Zufahrt zum Camp warten zwei Wohnwagengespanne und ein Wohnmobil mit einem übergroßen Elch-Aufkleber am Heck. Ich tuckere elegant an der weißen Schrankwand vorbei und halte vor der Rezeption. Geschlossen, die öffnet erst wieder um 17 Uhr.

Ein Camper erklärt mir hilfsbereit, wie die Platzwahl im Camp funktioniert: „Die Plätze, wo kein Schild RESERVIERT hängt, da darf man sich einfach hinstellen und muss dann später einchecken.“

„Und der große Platz da vorne, wo das Schild so halb abgerissen ist?“, frage ich und zeige auf die Parzelle C12.

„Da war vorhin einer, der hatte den extra reserviert, aber der ist gleich wieder weggefahren. Durch die Bäume ist da kein Fernsehempfang.“

Fernsehempfang ist uns egal. Wir haben überall besten Bücherempfang. Ich mit dem Kindle und Pieps mit einem neuen Pixi-Buch, das sie von ihrer Tante Silvia zum Geburtstag bekommen hat, „Jim Knopf hat Geburtstag".

Zehn Minuten später steht unser Zelt auf C12. Die Parzelle ist nicht sonderlich schön, aber sie ist nahe am Waschhaus und nahe an der Ausfahrt. Wir wollen hier nur kurz schlafen und morgen früh gleich weiterfahren.

Motorradtour nach Frankreich

An der Rezeption kann man mit abgezähltem Geld selbst einchecken. Ich fülle bloß einen Zettel aus und werfe ihn mit 15 Euro im Umschlag in den Briefkasten an der Rezeption. Als ich durch den Briefschlitz gucke, ob der Umschlag auch ordnungsgemäß runtergefallen ist, kommt ein junges Paar mit Kindern rein.

„Moin, moin“, sagt er.

Das Doppelmoin sagen wir nur in der Fremde, wenn wir Angst haben, dass unser gebelltes einfaches Moin! als unhöflich empfunden werden könnte.

„Moin!“, belle ich zurück. Jetzt weiß er, dass ich auch aus dem Norden bin.

Das Abendessen für heute hab ich von zuhause mitgebracht. Pieps hat sich Bratwurst gewünscht. Ich atomisiere die Würste bis zu dem Punkt, an dem Claudia stets missbilligend sagt: „Kratz wenigstens das Schwarze ab.“ Mach ich aber nicht.

Motorradtour nach Frankreich

Nach einer kurzen, doch nicht minder heftig geführten Auseinandersetzung darüber, wie man sechs Bratwürste gerecht durch zwei teilt, wenn eine von beiden Pieps heißt, essen wir endlich zu Abend.

Meine beiden Würste schmecken, wie Wurst aus der SB-Verpackung eben schmeckt, aber morgen ist Montag, da besorg ich uns was Richtiges, dann gibts wieder Schneidefleisch.

Mit dem Sonnenuntergang endet der Tag. Das ist auch eines der Dinge, die ich am Zelten so mag. Wir wandern hinüber ins Waschhaus, putzen unsere Zähne und verschwinden kurz darauf im Zelt.

Motorradtour nach Frankreich

Pieps vertieft sich in ihren Jim Knopf und ich schalte das Kindle ein und lese weiter Dunkles Arles mit Capitaine Roger Blanc. Sein Verhältnis zu der Untersuchungsrichterin Aveline Vialaron-Allègre erscheint mir immer mysteriöser. Was will sie von ihm? Und wer ist der Riese im schwarzen Hoody, der den Archäologen so brutal in den Tod gestoßen hat?

Wir wollen lesen und ihr müsst jetzt leider nach Hause gehen.
„Gute Nacht, Welt. Bis morgen früh.“


zum nächsten Tag...

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Svenja Svendura EndurowandernMade by Svenja Svendura on Apple iMac with Panic Coda and Photoshop Elements.