Wochenende in Dänemark
Tag 1: Kiel - Mandø
Tag 2: Ausflug nach Ribe
Tag 3: Mandø - Kiel
Platzhalter Rømø Inselkarte
Platzhalter Gezeitenschild
Platzhalter Gezeitentabelle Ribe
Platzhalter Erlaubnis
Platzhalter


Mit der Enduro übers Watt

Ein gellender Pfiff schallt hinter mir her, als ich mit der KLX als Erste von der Fähre an Land jumpe. Ich hasse solche Lob­hudeleien, bloß weil ich ein Mädchen bin. Der Fährmann will natürlich nur seine Aner­ken­nung zeigen, aber dieser Stunt ist echt baby­eier­leicht. Man braucht nur bei Rot tief über den Lenker gebeugt unter der halb offenen Schranke durch an Land zu hopsen.

Fähre Sehestedt Nord-Ostsee-Kanal

Trotzdem bin ich heute morgen total aufgeregt, weil ich etwas ganz Besonderes vorhabe: Es gibt diese winzig kleine Insel weit draußen im dänischen Wattenmeer, zu der es keine Fähre und keine Brücke gibt. Man kommt nur übers Watt dorthin. Die Insel heißt Mandø und dort will ich an diesem Wochenende zelten. Gegen 13 Uhr erreicht die Ebbe ihren Tiefstand, dann kann ich mit Greeny gefahrlos übers Watt fahren.

An der dänischen Grenze halte ich es vor Kälte kaum noch aus und ich mache immer häufiger kurze Pausen, um wieder warm zu werden. Dabei sind es noch 7° und ich habe alles an, was ich mithabe: Die dicke Unterwäsche aus Merinowolle, die Fleecejacke, den Windbreaker und die Endurojacke mit Thermofutter. Trotzdem hab ich das Gefühl, ich kratz gleich ab.

Süderlügum Grenze Dänemark

Als ich kurz hinter der Grenze auf die Uhr sehe, bekomme ich einen Schreck. Es ist schon 14:30 Uhr und seit einer Stunde ist wieder auflaufendes Wasser. Wenn ich heute noch auf die Insel will, dann muss ich mich jetzt aber beeilen.

40 Minuten später stehe ich am Deich. Schnurgerade führt eine Piste aus grobem Schotter ins Watt hinaus und verschwindet am Horizont. Von der Nordsee ist weit und breit noch nichts zu sehen, von Mandø allerdings auch nicht. Die Insel liegt ziemlich weit draußen.

Mandø Traktor Bus

Ein Schild warnt davor, ohne genaue Kenntnis der Gezeiten ins Watt hinaus zu fahren, ein anderes vor der starken Tidenströmung, wenn das Wasser kommt. Mir macht das keine Angst, denn schon in "Kentniss" sind zwei Schreibfehler. Das sagt wohl alles über die Glaub­würdig­keit solcher Schilder und außerdem hab ich mir eine Gezeiten­tabelle ausgedruckt.

Gezeitentabelle Mandø Überfahrt

Zuerst muss ich noch den Mandø Traktorbus durchlassen, einen großen Allradschlepper mit Hänger, der wie ein Bus ausgebaut ist. Damit werden die Touristen gefahren, die entweder keine Enduro haben, oder ihren schönen Ford Mondeo nicht dreckig machen wollen. Aber auch die wenigen Schulkinder der Insel werden damit gefahren und deshalb haben sie bei Sturmflut auch automatisch schulfrei.

Sowie der Bus durch ist, lege ich den ersten Gang ein und heize los. Ein bisschen nervös bin ich schon, weil um 13:30 Uhr Tidenwechsel war und ich keine Ahnung habe, wie schnell so eine Nordsee ist. Sicher nicht schneller als Greeny, beruhige ich mich.

Mandø Ebbevej

Als Vorbereitung auf meine Norwegenreise habe ich mir ein umfangreiches Testprogramm geschrieben. Ich will nicht nur verschiedene neue und umgebaute Teile der Ausrüstung testen, sondern vor allem neue Aufnahmesituationen mit der Kamera üben. Zuerst will ich ein Video machen, um die Qualität der Standbilder zu testen. Wenn sie für die Website ausreicht, dann gibt es endlich mal Fotos von mir auf dem Motorrad und nicht immer nur, wie ich dümmlich grinsend daneben stehe.

Nach drei Kilometern halte ich an und baue die Kamera auf. Den Motor der Kawasaki lasse ich laufen, während ich das Stativ neben die Piste ins Watt stelle. Ich wähle den Ausschnitt, starte die Aufnahme und trabe eilig zurück zum Motorrad. Zweimal düse ich durchs Bild und bin gespannt, ob sich daraus ein brauchbares Standbild heraus­schneiden lässt.

Nordsee Pril

In Windeseile baue ich die Kamera wieder ab, klemme das Stativ unter das oberste Gepäck­gummi und düse weiter ins Watt hinaus. Allmählich wird mir ein bisschen mulmig, denn von der blöden Insel ist noch immer nichts zu sehen. Dafür laufen die Priele allmählich voll Wasser. Nach meiner Tabelle müsste ich bis spätestens 15:45 Uhr hier weg sein. Dann kriege ich nasse Füße, weil über 30 cm Wasser auf der Piste stehen und man den Weg nicht mehr erkennen kann.

Mandø Låningsvejen Ebbevej Motorrad Enduro

Mit 90 Sachen fliege ich über den Schotter und frage mich, ob man sich im Watt verfahren kann. Gab es vielleicht eine Abzweigung, die ich übersehen haben könnte?

Kurz darauf kommt endlich Land in Sicht und erleichtert rolle ich zuerst über zwei Kuhgitter und dann die Teerstraße zum Deich hinauf. Sieben Kilometer kamen mir noch nie so lang vor, aber dafür ist mir jetzt auch nicht mehr kalt.

Auf Mandø gibt es einen kleinen Campingplatz, der, wie überhaupt alles auf dieser Insel, nicht schwer zu finden ist, weil es nämlich nur die eine Straße gibt.

Der Platz liegt noch im tiefsten Winterschlaf und die Zeltwiese und Wohn­mobil­stell­plätze sind verlassen. Nur zwei Dauercamper legen einen neuen Holzboden für ihr Vorzelt. Eine Anmeldung gibt es nicht, aber das Schild am Eingang sagt, dass man sich im Brugsen melden soll. Brugsen, das sind die kleinen Krämer­läden, die so typisch sind für Dänemark, und wo es von der Ansichtskarte über Grillfleisch bis zum Zelthering einfach alles gibt.

Ich lasse Greeny auf dem Campingplatz stehen und stiefele rüber zum Brugsen. Der Laden ist geschlossen und im Fenster hängt die Tafel mit den Öffnungszeiten: Dienstag, Donnerstag und Samstag von 9-11. Der macht also erst in drei Tagen wieder auf, aber wer soll hier auch groß einkaufen? Auf der Insel leben nur 60 Menschen, die Touristen kommen erst im Mai und die Baumstreichler haben ihre Rucksäcke vermutlich bis obenhin voll Dinkelkekse gestopft.

Baumstreichler vorm Mandø Café Vogelbeobachter

Der kleine Kaufladen ist zugleich das Zentrum der Insel. Dort gibt es nicht nur ein kleines Schullandheim, sowie eine Ausstellung zum Wattenmeer, sondern auch ein Café. Da werde ich mal fragen. Vielleicht wissen die, wo Greeny, Pieps und ich fürs Camping einchecken können.

Ich öffne die Tür zum Mandø Café und betrete den verlassenen Raum. "Hallo?", rufe ich in die Stille. Von hinten aus der Küche kommt ein Mann, der sich die Hände mit einem Küchen­hand­tuch trocknet. "Guten Tag, verstehen Sie deutsch?", frage ich schüchtern, weil ich es noch immer nicht geschafft habe, Dänisch zu lernen, während die meisten Dänen perfekt unsere Sprache sprechen.

Mandø Café

John spricht nicht nur ausgezeichnet deutsch, sondern ist auch total nett und hilfs­bereit. "Ich ruf mal Ellen an", sagt er und tippt eine Nummer in sein Telefon. Ellen, so erfahre ich später, ist die Frau, die auf Mandø wichtig ist. Ihr gehören der Brugsen und der Campingplatz und wohl noch einiges mehr. Das Mandø Café hat sie erst vor kurzem aus Altersgründen an John übergeben.

Als Ellen sich nicht meldet, nimmt John einen Block, schreibt mit Kugelschreiber ein paar dänische Worte aufs Papier "Jeg har givet lov til at slå telt op måske 2 natter", und fügt mit seinem niedlichen Akzent erklärend hinzu: "Ich geb dir ein Zeddel, dann kriegst du kein Ärger wenn einer dich auf den Camping sieht".

Beruhigt falte ich den Passierschein zusammen und stecke ihn hinten in mein Moleskine. Zuhause werde ich mir die Worte von Google übersetzen lassen mit: "Ich habe Erlaubnis gegeben, um ein Zelt aufschlagen vielleicht 2 Nächte."

"Willst du morgen ein Frühstück haben?", möchte John noch wissen. "Oh ja, gerne, am liebsten so gegen neun", stimme ich begeistert zu. "Gut, dann mach ich der fertig für um neun Uhr." Ich sage tschüss und gehe zurück zum Campingplatz.

Auf der Zeltwiese steht hinten am Zaun eine Picknickbank und daneben werde ich mein Lager aufschlagen. Vor zehn Monaten habe ich das Zelt zuletzt aufgebaut und heute stelle ich mich gleich so dusselig an, als wenn ich noch nie gezeltet hätte. Ich hoffe nur, dass mich keiner beobachtet.

Zuerst mache ich den Boden verkehrt rum fest, dann vergesse ich das Gestänge einzu­klipsen und am Ende stelle ich das Außenzelt mit der Innenseite nach oben. Ich muss über mich selber lachen, denn irgendwie kenne ich das schon: Erst beim dritten Mal geht alles wieder ganz geschmeidig, aber das wird dann schon am Geiranger Fjord sein.

Anleitung Zeltaufbau

Zum ersten Mal stelle ich das Zelt mit den neuen Snowflaps auf, die Claudia mir ans Zelt genäht hat. Diese Schneelappen decken den handbreiten Spalt ab, der zwischen Außenzelt und Wiese klafft und sollen dafür sorgen, dass mein Schlafsack trocken bleibt, wenn ich mit dem Fußende gegen das Zelt stoße. Ich bin gespannt, wie sie sich bewähren. Lüftung und Kondenswasser dürften kein Problem sein, da nur Pieps und ich ins Zelt atmen.

Allmählich bekomme ich Hunger und es wird Zeit für mein Küchenexperiment: Statt Entrecote gibt es heute Bratwurst. Damit will ich schon für Norwegen üben, wo Entrecote bestimmt schwer zu kriegen, oder unerschwinglich teuer ist. Vermutlich beides.

Draußen ist es mir zu kalt, denn auch wenn die Sonne schön scheint, sind es trotzdem nur 7°. Mit dem Dubs setze ich mich ins Zelt auf die Isomatte und stelle den Kocher in der Apsis ins Gras. Es zischt, als ich die Bratwürte ins heiße Fett lege. Damit es appetitlicher aussieht und die Würste eine kleine Kruste kriegen, habe ich sie leicht eingeschnitten.

Kochen im Zelt

Ich mampfe alle fünf Wiesenhof Brutzler in mich hinein und spare damit gute 10 € pro Essen, aber leider auch den ganzen Genuss. Das Beste sind noch die Brötchenstücke, die ich im Wurst­fett knusprig brate. Erst jetzt bemerke ich, dass ich aus Versehen Geflügel­würste erwischt habe. Bäh, die mag ich nicht.

Die ganze Aktion erinnert fatal an eine Party, die ich mal gegeben habe und wo wir komplett ohne Alkohol feiern wollten. Später ist ein Kumpel zur Tanke gefahren und hat zwei Kisten Bier besorgt. Morgen fahre ich jedenfalls nach Ribe und besorge Oksekød, wie Rindfleisch auf Dänisch heißt. Die wichtigsten dänischen Vokablen kann ich natürlich.

Gaskocher im Zelt

Nach dem Essen trage ich das Geschirr in die Campingküche, wo zwei verrostete Elektro­herde und zwei Spülbecken warten. Ich bin erstaunt, als aus dem Wasserhahn schön heißes Wasser ins Becken läuft. Das ist außerhalb der Saison nicht gerade selbstverständlich und deshalb habe ich immer Fairy Ultra als Spülmittel dabei, weil das auch mit kaltem Wasser funktioniert und außerdem total ergiebig ist.

Es ist Zeit für die Nacht und so mache ich mich mit Waschbeutel und Handtuch auf den Weg zum Waschhaus. Es gibt drei Kabinen mit Dusche, Toilette und Waschbecken, aber ich verstehe einfach nicht, wie man die Tür von innen verriegeln kann. Da ist zwar eine Skizze am Schloss, aber die kapiere ich nicht. So bleibt die Tür unverschlossen und die ganze Hygiene­aktion ziemlich nervös und an der Oberfläche.

Endlich mache ich das Zelt hinter mir zu und ziehe mich aus für die Nacht. Ich liebe dieses Gefühl, wenn ich mich zum ersten Mal in den Schlafsack lege. Der ist zuerst noch eiskalt, aber ich weiß genau, dass er in wenigen Minuten mollig warm sein wird. Das ist so gemütlich, weil es im Zelt nämlich schweinekalt ist. 5° zeigt das kleine Thermometer, das ich extra mitge­nom­men habe, um ein Gefühl für die Temperatur zu bekommen, weil ich ausprobieren will, ob meine Sachen für die Tour zum Nordkap auch warm genug sind.

Schlafsack im Zelt

Ich möchte noch ein wenig lesen und habe diesmal keine Bücher, sondern mein Kindle mit­ge­nommen. Gerade lese ich einen megaspannenden historischen Roman aus der Zeit direkt nach dem 30-jährigen Krieg. Die Henkerstochter erzählt aus der Sicht des Henkers von Schongau und das Buch ist so fesselnd, dass ich gleich alle drei Bände gekauft habe.

Nach einer Viertelstunde ist der Arm eiskalt, mit dem ich das Kindle halte und ich werde erst morgen erfahren, ob die Hebamme Stechlin unter der Folter gesteht, eine Hexe zu sein. Das Zerquetschen ihrer Hände mit den Daumenschrauben hat sie tapfer ertragen, aber ob sie morgen die glühenden Zangen aushält? Ich halte zu ihr, weil ich nämlich glaube, dass sie unschuldig ist.

Sorgfältig verschließe ich das Kindle in einer wasser­dichten Klickbox und stecke den kalten Arm im Schlafsack in die Achselhöhle. Mit der anderen ziehe ich den Reißverschluss des Mumienschlafsacks bis oben hin zu, so dass kaum noch meine Nasenspitze herausguckt. Morgen werde ich vielleicht…aber diesen Plan kann ich schon nicht mehr zu Ende denken, weil ich vorher mal wieder fest eingeschlafen bin...

weiter zu Tag 2

zurück nach oben

Wenn ihr Lust habt, mir einen Kommentar zu schreiben, dann könnt ihr das über den +1 Button machen, oder wie gewohnt in meinem Blog Svenja-and-the-City. Ich freu mich auf euer Feedback...









Topliste Offroad Motorrad

Svenja Svendura EndurowandernMade by Svenja Svendura on Apple iMac with Panic Coda and Photoshop Elements.