Reise in die Bretagne
Tag 1: Kiel - Lörrach
Tag 2: Lörrach - Langres
Tag 3: Langres - Gien
Tag 4: Gien - Saumur
Tag 5: Saumur - Pontorson
Tag 6: Mont Saint Michel
Tag 7: Cancale - Trébeurden
Tag 8: Lannion - Brest - Chateaulin
Tag 9: Chateaulin - Concarneau
Tag 10: Pont Aven - Südbretagne
Tag 11: Salzgärten von Guérande
Tag 12: Saint-Nazaire - Surgères
Tag 13: Cognac - Jumilhac-le-Grand
Tag 14: Jumilhac-le-Grand
Tag 15: Jumilhac-le-Grand - Murol
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Martell, Hennessy und Co.

Jeder Tag einer Reise sollte eine Besonderheit haben. Etwas, an das man sich später erinnert. Eine Eigenheit, eine Begegnung, eine besondere Sehenswürdigkeit, oder eine Geschichte, die sich zu schreiben lohnt. Mehr, als bloß ein weiteres Schloss, dessen Namen man vergisst, bevor die Seite zugeschlagen, oder weggeklickt ist.

Motorrad auf der Landstraße

Es ist noch angenehm kühl, als ich auf die Landstraße einbiege. Ich bin auf dem Weg zur Besonderheit dieses Reisetages, in die Stadt Cognac. Ich möchte mir die Stadt ansehen, aus der die besten Weinbrände und einige der legendärsten Kopfschmerzen stammen, an die ich mich erinnern kann.

In Brizambourg halte ich an einer Bäckerei. Pieps und ich müssen frühstücken, ehe wir bereit sind, es mit der Welt aufzunehmen. Es gibt Croissants und Schokobrötchen. Aus einem Automaten ziehe ich einen winzigen Babyccino und einen Becher Grand Café.

Croissant und Kaffee

Wenn man durch Frankreich fährt, erscheinen viele Häuser wie verlassen. Die hölzernen Fensterläden fest geschlossen. Jedesmal frage ich mich, ob dahinter jemand wohnt? Sitzen die im Dunkeln und spielen Play-Station? Oder was hat es mit den ewig geschlossenen Fenster­läden auf sich? Eines Tages werde ich jemanden danach fragen.

Motorrad fährt durch ein Dorf

Auf dem Weg nach Cognac fahre ich an unzähligen Weizenfeldern vorbei. Hier wächst der Rohstoff für die 34.000 Bäckereien, die in Frankreich täglich Baguette backen, das knusprige Stangenbrot, das hier fast eine Art Nationalheiligtum ist.

Je näher ich der Stadt Cognac komme, desto mehr Weingärten mischen sich zwischen die Kornfelder, bis schließlich überhaupt nichts anderes mehr wächst als Weintrauben und ein schmaler Streifen Schmutzgras am Straßenrand.

Kornfelder und Weinreben

Damit ein Weinbrand sich zu Recht Cognac nennen darf, müssen die Trauben, aus denen er gemacht wird, in den Weinbaugebieten um Cognac gewachsen sein. Jedes andere Getränk ist bloß schlichter Weinbrand. Daher bleibt diese Bezeichnung selbst einem Spitzengewächs wie Springer Urvater verwehrt.

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Mein "ExMann" war ein großer Cognac Fan und die Marke Hennessy hatte es ihm, und damit auch mir, besonders angetan. So kam es zu einer Sammlung schöner Dinge rund um die Marke Hennessy; der teure Cognac, die original Nosing Gläser und einige wunderschöne Aschenbecher, in denen ich heute meine Armreifen aufbewahre.

Bis wir eines Tages darauf gekommen sind, dass wir alles mögen, nur das Getränk selbst nicht. Selbst die höchste Klassifizierung XO war zwar edel und teuer, geschmeckt hat er uns trotzdem nicht. Und Raucher waren wir auch nicht.

Was uns damals getrieben hat? Es war die Sehnsucht nach schönen Dingen, die nichts mit Computern, Digital und Elektronik zu tun haben. Ich habe Füllhalter gesammelt, schöne Schreibpapiere, Petschaften und edle Tintenfässer. Schöne Dinge, die überdauern und den Wert in sich tragen.

Cognacbrennerei Hennessy Frankreich

Trotzdem möchte ich einen Blick auf die Fabriken der edlen Brennereien werfen. Alle großen Häuser haben in Cognac ihren Sitz, darunter auch Martell und Rémy Martin. Als ich über die Pont Neuf fahre, habe ich einen wunderbar freien Blick auf das Stadtviertel am Fluss, wo die berühmten Destillen liegen.

Ich steuere Greeny den Bordstein hoch und bleibe am Brückengeländer stehen. Während auf der Straße die Autos vorbeibrausen, friemel ich die Kamera aus dem Tankrucksack und mache ein Foto. Die rote Firmenflagge auf dem Dach von Hennessy baumelt schlaff im Wind: "Merkt ihr schon, dass ich nie 'ne zweite Flasche gekauft habe, oder?"

Fabrik Martell in Cognac

Ich biege ab ins Brennereiviertel und sehe mich neugierig um. Bei Hennessy kann man eine Besichtigung buchen. Man muss sich vorab übers Internet anmelden. Es gibt verschiedene Touren. Die längste dauert einen ganzen Tag und kostet 120 €.

Nein, für sowas fehlt mir die Geduld und außerdem muss ich noch fahren und dazu mag ich gar keinen Cognac. Vielleicht nicht in dieser Reihenfolge, aber ich verzichte und tuckere weiter zwischen den Fabriken umher.

Gleich nebenan betreiben Martell, Rémy Martin und eine Handvoll kleinerer Häuser ihre Schnapsbrennereien, bloß von Dujardin und Mariacron ist weit und breit nichts zu sehen.

Cognac Innenstadt

Ich lasse das Motorrad am Beginn der Fußgängerzone stehen und schlendere die Einkaufs­straße entlang. Manche Geschäfte stehen leer und dem Staub nach zu urteilen, der auf den à vendre Schildern in den Fenstern liegt, tun sie das schon eine ganze Weile.

Mir wird allmählich warm in der Motorradjacke und sie ist zu schwer, um sie längere Zeit über dem Arm zu tragen. Fußgängerzonen langweilen mich, wenn ich nicht gerade etwas kaufen will. Aber was? Ich liebe es, Schuhe zu kaufen, aber in Motorradsachen macht das keinen Spaß. Das Outfit stimmt nicht und außerdem wüsste ich nicht, wo ich meine Beute lassen sollte. Stattdessen steige ich wieder aufs Motorrad und fahre weiter.

Brotautomat für Baguette

In Les Gauthiers steht ein einzelner Automat am Straßenrand und leuchtet fröhlich in der Sonne. Zigaretten? Nein, die sehen anders aus. Kondome? Auch nicht. Zu groß und zu sauber. Ich bremse, schalte runter und fahre zurück.

Es ist ein Baguetteautomat. Das gibts nicht, denke ich, ein Automat aus dem frisches Brot kommt. Der Kasten steht vor einem schattigen Park mit Picknickplätzen. Der perfekte Ort und Gelegenheit für eine Pause. Ich nestele ein paar Münzen aus der Hosentasche und stecke sie in den Automaten. Eine Sekunde später plumpsen 250 g Baguette klappernd in den Ausgabeschacht. Es ist das vorletzte. Jetzt liegt nur noch eines hinter der Scheibe.

Baguette aus dem Automaten

Ich nehme mein Tischtuch, eine Flasche Wasser und einen winzigen, bösartig aussehenden Ziegenkäse aus dem Tankrucksack und setze mich mit Pieps an einen der Picknicktische. Mit unserer hübsch karierten Decke darauf wirkt sogar der verwitterte Tisch ganz hübsch.

Das Baguette ist tatsächlich ganz frisch. Die Kruste knusprig, das Innere weich und aromatisch. Allein der Ziegenkäse, der exorbitant teuer war, ist eine Enttäuschung. Er ist unglaublich scharf, wie reine Chili Schoten, und dabei so hart, dass er unter dem Messer zerbröckelt. Allein Pieps scheint nichts zu bemerken und mümmelt den kleinen Stinker gleichmütig in sich hinein.

Picknick

Manchmal denke ich, es wäre hilfreich, wenn ich etwas Französisch sprechen könnte. Ich würde weniger häufig saure Nieren bestellen und keinen überteuerten und ungenießbar scharfen Ziegenkäse in meinen Einkaufskorb legen.

Während ich noch grübele, ob ich mich bei der Volkshochschule anmelden soll, kommt ein weißer Peugeot Lieferwagen angerauscht und hält vor dem Automaten. Boulangerie Soundso steht auf der Seitenwand. Ein Bäckerbursche in weißer Kleidung steigt aus und füttert den Automaten mit frischen Baguettes. Minuten später flitzt er in der Gegenrichtung davon.

Die Distripain Automaten sind online angebunden und der Bäcker sieht genau, wann es Zeit für einen Refill ist. Als ich das vorletzte Baguette gezogen hab, schlug es in der Backstube Alarm und sie haben gleich ihren Peugeot mit Nachschub beladen.

In La Couronne halte ich bei Super-U zum Einkaufen. Es gibt Entrecôte und eine fette, grüne Salatgurke, meine Art unterwegs Wasser zu trinken und außerdem hat der Magen was zu tun, während ich die restlichen Kilometer auf dem Motorrad absitze.

Inzwischen tut sich ein echtes Problem mit den Mülltüten auf. Bisher habe ich im Supermarkt immer eine Tüte gekauft, die Abends im Zelt zum Müllbeutel wurde, aber seit irgendeiner blöden EU-Baumstreichler-Verordnung gibt es die in vielen Lädennicht mehr. Ich behelfe mir, indem ich in der Obstabteilung ein paar von den hauchdünnen Beuteln abreiße und mitnehme.

Ein paar Kilometer weiter fahre ich an einer großen Tafel vorbei: "Willkommen in der Dordogne, Parc Perigord Limousin". Die Straße wird kurvig, führt über Hügel und kleine Berge. So gut mir die Küste der Bretagne auch gefallen hat, die Strecken im Hinterland sind öde. Da gefällt mir die Dordogne besser, denke ich, während ich durch eine besonders schöne S-Kurve schwinge.

Campingschild Am Nachmittag, ungefähr zu der Zeit, als es am heißesten ist, erreiche ich das Camp. Ein liebevoll gemaltes Schild zeigt den Weg. Jemand hat zwei Sterne daraufgemalt. Durch den zweiten ist eine Schraube gedreht. Die Camping­plätze in Frankreich sind genau klassifiziert.

Zwei Sterne bedeutet, die Duschen müssen Warmwasser haben, die Klos gefließt sein, es muss eine Zeltwiese geben und einen Platz zum Geschirr­spülen. Für Warmwasser, Fliesen, Zeltwiese und Spülbecken hat sich Camping La Chatonnière den zweiten Stern redlich verdient. Den mit der Schraube.

Hoffentlich gibt es noch einen freien Platz für uns, denke ich sorgenvoll. Gestern in Surgères waren sie beinahe ausgebucht. Ich stelle das Motorrad vor der Rezeption auf den Seitenständer und gehe an die Glastür. Geschlossen bis 17 Uhr. Es ist heiß. Ich ziehe die Motorradjacke aus, lege sie über den Lenker und wandere zu Fuß über den Platz.

Camp La Chatonnière

Schön ist es hier. Das Camp liegt an einem Fluss, der sich im Schatten der Bäume träge dahinwälzt. Keine einzige der hübsch angelegten Parzellen am Flussufer ist belegt. Unglaublich, solch ein schöner Platz und alles frei.

Ein Mann ist in der Hitze damit beschäftigt ganz alleine ein großes Zelt aufzustellen. Gerade zieht er die Plane über das stählerne Gestänge. Das wird ein großes Hauszelt für eine ganze Familie. Ich spreche ihn auf Englisch an. Wir unterhalten uns kurz und er meint, ich solle mir einen Platz aussuchen, das Zelt aufstellen und später zur Rezeption kommen.

"You're sure?"
"Yes. Because I'm the Boss", sagt er und lächelt mich freundlich an.

Das hier ist sein Campingplatz. Er ist der Chef und baut gerade eines der Mietzelte für die beginnende Saison auf. Irgendwas macht er falsch, denke ich, wenn er hier der Chef ist und die Arbeit selber macht. Bei mir im Dienst läuft das zum Glück anders.

Camp La Chatonnière

Camp La Chatonnière liegt wunderhübsch am Ufer der Ille. Ich brauche lange, bis ich den schönsten aller Plätze für uns ausgesucht habe. Er liegt im Schatten unter Bäumen mit Blick auf den Fluss und nicht zu weit vom Waschhaus entfernt. Pieps' Kriterien für den optimalen Stellplatz sind andere:: "Nah an' Spielplatz und an die Eisbude, näh?!"

Camp La Chatonnière

Als das Lager fertig eingerichtet ist, hat auch die Rezeption geöffnet. Die Dame am Empfang, eine Frau in meinem Alter, ist sehr freundlich. Ich bezahle für zwei Nächte und bestelle uns Croissants für Morgen früh. Im Regal hinter der Kasse entdecke ich die blauen Kartuschen für meinen Kocher und kaufe eine. Sie ist billiger, als die in Kiel aus dem Outdoor Laden.

Inzwischen hat Pieps die Eistruhe entdeckt und ich den Kühlschrank mit dem Bier. Es gibt ein quietschbuntes Wassereis für die Maus und zwei eisgekühlte Flaschen Kronenbourg für mich. Mit unserer Beute ziehen wir uns an einen Tisch im Schatten zurück.

Wir sitzen auf einer Bank, schlecken Eis und trinken Bier. Die Sonne brennt, es ist heiß und staubig. Insekten schwirren durch die Luft, Grillen zirpen. Und wir? Wir sind glücklich...

zum nächsten Tag...

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Wenn man sich die Miniskizze oben anschaut, dann schließt sich der Kreis allmählich. Aber zuerst einmal sehen wir uns die Dordogne an...

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