INHALTSVERZEICHNIS
Tag 1: Kiel - Esbjerg
Tag 2: Harwich - Wisbech
Tag 3: Wisbech - Pocklington
Tag 4: York - Hardknott Pass
Tag 5: Eskdale - Carsphairn
Tag 6: Carsphairne - Dunoon
Tag 7: Dunoon - N.Ballachulish
Tag 8: Ballachulish - Isle of Skye
Tag 9: Uig - Applecross - Gairloch
Tag 10: Gairloch - Scourie
Tag 11: Scourie - Durness
Tag 12: Durness - Fort Augustus
Tag 13: Fort Augustus
Tag 14: Ft.Augustus - Ballater
Tag 15: Ballater
Tag 16: Ballater - Peebles
Tag 17: Peebles - Osmotherley
Tag 18: Osmotherley - Pocklington
Tag 19: Kilburn, White Horse
Tag 20: Pocklington - Gt. Carlton
Tag 21: Gt. Carlton - Gt. Yarmouth
Tag 22: Gt. Yarmouth - Harwich
Tag 23: Heimkehr und Fazit
Platzhalter
Skizze Reiseroute Tag 11

Ullapoo Filling Station


Tag 11 - Scourie - Durness

Scourie Camping ParkDrei Frauen stehen dicht neben­einander an einer langen Reihe von Waschbecken. Sie putzen ihre Zähne, waschen und schminken sich oder zupfen an ihrer Frisur herum. Ich bin die Große mit den dunklen Haaren, die sich gerade die Wimpern tuscht.

Einzel­wasch­kabinen sind in England und Schottland noch weit­gehend unbekannt und so stehe ich, wie jeden Morgen, neben den anderen Frauen gleichmütig vor meinem Wasch­becken und tue so, als ob ich ganz alleine wäre.

Gesprochen wird dabei kaum. Alle sehen starr geradeaus in den Spiegel und sind bemüht, ihre Nachbarinnen so gut es geht zu ignorieren. Unauffällig werfe ich einen Blick zur Seite. Die Blonde neben mir ist mindestens zehn Jahre jünger und fünf Kilo schlanker als ich, aber dafür könnte man ihre Krähenfüße sogar in Google Street View erkennen. Welch ein schöner Tag.

North West Highland Tourist Route
North and West Highlands Tourist Route zwischen Scourie und Durness

Im strahlenden Sonnenschein fahre ich auf der North and West Highlands Tourist Route nach Norden. Mein heutiges Tagesziel heißt Durness und liegt nur 25 Meilen nördlich von Scourie. Ich will herausfinden, weshalb manche Leute spöttisch gucken, wenn ich die Worte "Durness" und "Zelten" im selben Satz sage.

Motorbike on open Road
Auf dem Weg nach Durness. Die Schafe ignorieren mich weitgehend

Landkarte Motorrad Tankrucksack

An einer besonders schönen Stelle halte ich an und werfe einen Blick auf mein Navi. Klar und präzise zeigt es die Route nach Durness. Für einen kurzen Moment schalte ich mein Handy ein und bekomme eine SMS von Claudia aus Kiel. Sie hat einen tollen Strecken­tipp für mich: Von Rhiconich führt eine schmale Küstenstraße westlich bis nach Kinlochbervie. Das ist zwar eine Sackgasse, aber die Verlän­gerung kommt mir gerade recht, denn sonst bin ich gleich in Durness und es ist doch erst kurz nach neun.

Firth
Auf der B801 nach Kinlochbervie

Badcall Inchard
Badcall an der B801

Die ersten Meilen der Küstenstraße am Loch Inchard entlang sind noch prima ausgebaut, aber trotzdem begegnet mir auf der ganzen Strecke kein einziges Fahrzeug.

Deserted Road in Scotland Nach einer Weile wird es noch einsamer, denn jetzt sind sogar die Schafe am Weges­rand verschwunden.

Die Straße wird enger und der Asphalt rauher. Ich bin aufs Neue überwältigt von der wilden Schönheit dieser Landschaft.

Gerade als ich mich frage, ob man auf dieser Straße bis an den Rand der Welt gelangt, komme ich durch ein winziges Dorf.

"Post Office" verkündet ein leuchtend rotes Schild an einer Baracke. Davor steht blitz­blank eine Zapfsäule mit Diesel und Bleifrei.

Tankstellen gibt es in den Highlands zur Genüge. Allerdings sind ihre Öffnungs­zeiten an das zugehörige Geschäft gebunden. Das kann ein Tante Emma Laden sein, ein Hotel, ein Outdoor Shop, oder wie in diesem Fall, ein Postamt.

In Kinlochbervie endet mein Weg am Hafen vor einer großen Halle, in der Fisch verladen wird. Ich wende und fahre zurück nach Rhiconich, wo ich wieder auf die A838 nach Durness einbiege.

Lonely Filling Station

Durness ist der größte Ort in den nordwestlichen Highlands. Das 400 Seelen Dorf scheint fest in der Hand der MacKays zu sein, eines alten schottischen Clans, der in dieser Gegend schon im 14. Jahr­hundert sehr einflussreich war.

Beschreibung

Der Mittelpunkt von Durness ist der SPAR-Markt der MacKays, zu dem auch zwei Zapfsäulen, ein kleines Postamt und ein funkel­nagel­neuer Geldautomat gehören. Ich stelle die Kawasaki vor der Zapfsäule ab, nehme den Tankrucksack herunter und fülle zwei Liter Benzin nach.

Ein junger Mann kommt aus dem SPAR-Markt zu mir herüber gelaufen. Er hat seinen Platz an der Supermarktkasse verlassen, um sich zwischendurch kurz als Tankwart zu betätigen. Sowie ich die Münzen zu 3,24 £ in seine Hand gezählt habe, rennt er im Lauf­schritt zurück in seinen Laden, wo die Kunden an der Kasse geduldig auf ihn warten.

Beschreibung

Ich schiebe das Motorrad auf die andere Straßenseite und stelle es vorm Eingang ab. Ich brauche Fleisch, Bier und Bohnen. Das Gas zum Kochen wird noch zwei, drei Tage reichen, aber schon bald werde ich mich nach einer neuen Gaskartusche umsehen müssen.

BeschreibungDer Laden verblüfft mich. So ungefähr stelle ich mir eine Handels­station für Trapper am Yukon vor. Von Baked Beans über Fleisch, Haushaltswaren, frisches Brot, ein Postamt, Benzin, bis zu einer kleinen Camping­abteilung mit Schlaf­säcken, Iso­matten und Brennstoffen gibt es hier alles, was das Trapperherz begehrt.

Sogar eine Ersatz­kartusche für meinen Kocher finde ich hier und bin einiger­maßen erstaunt, dass sie nicht teurer ist als im Outdoor-Shop zuhause in Kiel.

Der Laden ist überraschend voll und es sind sogar zwei Kassen geöffnet. In einer langen Schlange stehe ich zum Bezahlen an.

Kein Wunder, dass soviel los ist: Entweder man kauft hier ein, oder man fährt 100 km über Single Track Roads bis nach Ullapool oder Lairg zum Einkaufen, wo die Geschäfte auch nicht wesentlich größer sind. Gerade deshalb bin ich so erstaunt, dass die Preise im Laden ganz normal und nicht überhöht sind.

Ich kaufe mir zwei Croissants zu 1,35 £, die groß­zügig mit Speckwürfeln und Käse über­backen sind. Das Brot ist noch warm und im Nu ist die Papier­tüte durchge­fettet. Ich mampfe sie draußen genüsslich aus der Tüte in mich hinein und schlendere langsam die Straße hinunter zum Camping­platz, der nur 100 m entfernt liegt.

Durness Beach

Durness Cliff
Der Blick von der Klippe auf dem Campingplatz in Durness

Wow! Das ist sicher der am schönsten gelegene Campingplatz, den ich je gesehen habe und plötzlich verstehe ich auch, weshalb das Zelten hier tricky sein könnte. Der Platz liegt auf einer gewaltigen Klippe, die steil in den Atlantik abfällt. Wenn ein Sturm von See kommt, dann wird selbst ein schweres Motorrad umgeworfen, von einem Zelt ganz zu schweigen.

Durness Camping ReceptionHeute aber ist es sonnig und nur leicht windig. Hier will ich bleiben. Hastig wolfe ich das letzte Croissant herunter und hole mein Motorrad.

Die Rezeption ist verlassen, aber ein Schild fordert mich dazu auf, mir selbst einen Stell­platz zu suchen und abends zum Bezahlen noch einmal wieder­zukommen. Ich bin entzückt, wie unkompliziert und sympathisch das ist. Wenn ich mich an der Ostsee einfach auf einen freien Platz mit Seeblick stelle, dann ist die Story am nächsten Tag auf CNN zu sehen, wo ein Reporter hektisch in sein Mikrofon schreit, während im Hintergrund Blaulicht und Absperrband zu sehen sind.

Zu Fuß erkunde ich den Platz, der auf einem weitläufigen Gelände um die Klippe herum liegt. Wie eine Wand stehen die Wohnmobile in der ersten Reihe und versperren den Blick auf die See.

Allerdings gibt es da einen Platz, wo niemand steht. Eine kleine Wiese ganz oben auf der Klippe. Ich bin unschlüssig, wieso steht dort keiner? Das ist doch mit Abstand der schönste Platz? Oder fliegt man, falls Wind aufkommt, wie ein Kitesurfer mit seinem ganzen Gerödel von der Klippe herunter ins Meer?

Beschreibung

Egal, no risk, no fun! Keine zehn Minuten später steht mein Zelt ganz oben auf dem aller­schönsten Platz nur einen Stein­wurf vom Rand der Klippe entfernt. Aus meiner Wäscheleine schneide ich zwei zusätzliche Sturmleinen und spanne das Zelt sorgfältig mit allen Leinen und sämtlichen Heringen sicher ab.

Durness Camping Motorrad

Zelten in Schottland

Die Einrichtungen auf dem Campingplatz sind einfach, aber zweckmäßig. Es gibt eine Küche, die auch als Aufenthaltsraum bei Schlechtwetter dient. Das Kochen auf den alten Gas­brennern kostet nichts und in einer Kiste stehen sogar einige Lebensmittel herum, die man sich nehmen darf.

Beschreibung

Wie auf allen Campsites zuvor gibt es auch hier eine Stelle, wo man Bücher tauschen kann, aber nur ein zerlesenes "Illuminati" von Dan Brown wartet hier in holländischer Sprache auf einen neuen Leser.

BeschreibungHeute ist Waschtag. Ich hole die Dose mit den zer­krümelten Wasch­mittel­tabs und weiche die Schmutz­wäsche gründlich im Waschbecken ein.

Selbst etwas so Doofes wie Wäschewaschen macht im Urlaub Spaß. Der Raum wird von der Sonne durchflutet und in aller Ruhe knete ich die Wäsche im heißen Wasser langsam durch.

Kurz darauf wehen Socken und Unter­wäsche rund um mein Zelt fröhlich im Wind. So wie es aussieht, wird alles in Rekordzeit wieder trocken sein.

Wäsche trocknen beim Camping Zelten

Der Blick aus meinem Zelt ist schier unglaublich: 35 m unter mir liegt türkisblau der Atlantik und eine mächtige Brandung rauscht mit gewaltigem Getöse auf den wunderschönen Strand.

Zelten in Schottland

Nur eine knappe Meile vom Campingplatz entfernt liegt Smoo Cave, eine große Höhle in den Felsen am Meer, in der schon vor 6.000 Jahren Menschen gelebt haben. Das Besondere an Smoo Cave ist ein Wasserfall, wo durch ein Loch in der Höhlendecke ein Bach in einen unter­irdischen See sprudelt. Ich bin gespannt, ob das wirklich so schön aussieht, wie John es mir auf der Fähre erzählt hat.

Beschreibung

Auf dem Weg zur Höhle biege ich auf einen steinigen Pfad ab, der mich bis unmittelbar an die Klippen heranführt und einen tollen Blick aufs Meer bietet. Direkt gegenüber liegt die Sango Sands Campsite und wenn ich die Augen ein wenig zusammen­kneife, dann kann ich sogar mein Zelt erkennen.

Beschreibung

Ohne Gepäck fährt sich die Kawa bretthart, denn ich habe die Feder für den Urlaub stärker vorgespannt. Das Endurowandern macht aber trotzdem Spaß und ich lasse mich sogar etwas zum Herum­crossen verleiten, bis ich Angst um die Reifen bekomme und lieber im ersten Gang in den Rasten stehend die Steilküste entlang wandere.

Beschreibung
Smoo Cave, Durness

Schließlich bin ich zurück auf der Straße und erreiche kurz darauf den Parkplatz oberhalb der Smoo Cave. Eine elendig lange Treppe führt hinunter zur Höhle. Ich könnte mit der KLX im Trialstil die Treppe herunterfahren, aber das ist gefährlich, weil ich sie nicht komplett einsehen kann. Falls mehrere besonders hohe Absätze hinter­ein­ander stehen, bin ich angeschmiert, weil ich die nicht wieder hochfahren kann.

Beschreibung
Eine steile Treppe führt vom Parkplatz hinunter zur Smoo Cave

Ich beiße in den sauren Apfel und lasse das Motorrad auf dem Parkplatz stehen. Helm und Handschuhe hänge ich an den Lenker. Etwas missmutig stapfe ich die steile Treppe hinunter. Grmpf... wozu hat man denn eine Enduro, wenn man doch zu Fuß gehen muss? Trotzdem war die Entscheidung richtig, denn hinter der zweiten Biegung sind einige Stufen not­dürftig mit Brettern verkleidet und da wäre ich never wieder hochgekommen. Zu Fuß wird der Rückweg schon anstrengend genug sein.

Beschreibung
Blick auf den Atlantik mit dem Rücken zur Smoo Cave

Die Treppe führt hinab auf einen steinigen Strand. Durch eine schmale Bucht sieht man den Atlantik, der friedlich in der Sonne liegt. Bei Sturm aber rollen bis zu 5 m hohe Brecher gegen die Felsen. Dann möchte ich hier nicht stehen.

Beschreibung
Der Eingang zur Smoo Cave, Durness

Der Eingang zur Höhle ist 15 m hoch und erinnert mich mit seinen von Flechten und Moosen bewachs­enen Wänden an eine Kulisse aus Jurassic Park.

Beschreibung
Smoo Cave, der Eingang zum See mit dem Wasserfall

In der großen Höhle befindet sich der Eingang zu einer weiteren Höhle. Über einen hölzernen Laufgang geht es hinein in die Dunkelheit. In der Ferne sieht man Licht. Plötzlich endet der Gang und führt auf eine hölzerne Plattform hinaus. Durch ein Loch in der Decke stürzt ein Bach rauschend in den Höhlensee. Hell scheint die Sonne durch das Loch auf das Wasser des kleinen unterirdischen Sees. Ein toller Anblick, der Weg zur Smoo Cave lohnt sich tatsächlich.

Beschreibung
"Allt Smoo" heißt der Bach, der als Wasserfall in eine Kammer der Smoo Cave stürzt

Als ich schließlich wieder oben auf dem Parkplatz stehe und mich auf die Green Cow setze, fühlen sich meine Beine an wie Pudding. Puh, blöde Latscherei. Jetzt geht es zurück zum Zelt, denn ich bekomme allmählich Appetit auf die leckeren Koteletts, die mir die MacKays in ihrem SPAR-Laden verkauft haben.

Beschreibung
Bruce und Svenja in Durness

Auf dem Weg zum Campingplatz treffe ich Bruce wieder, den Radfahrer, der sein Land von der Nordspitze bis zur Südspitze durchqueren will. Wir unterhalten uns eine Stunde lang prächtig und ich bin ein wenig traurig, dass Bruce nicht in Durness zeltet, sondern noch 20 Meilen in die Highlands hineinfahren und wildcampen wird.

BeschreibungZurück im Camp ernte ich empörte Blicke von Pieps, die seit Stunden auf der kleinen Dose Heinz Baked Beanz sitzt und darauf wartet, dass es endlich Essen gibt.

In Windeseile mache ich den Kocher scharf und haue uns die Koteletts in die Pfanne. Dazu gibt es Cheddar Cheese, Baked Beans und eine Dose John Smith's Extra Smooth.

Langsam senkt sich die Nacht aufs Camp und die Abendstimmung vorm Zelt mit dem wunder­schönen Blick aufs Meer beeindruckt mich tief.

Nachdem die Sonne verschwunden ist, mache ich schon früh das Zelt von innen zu, denn jetzt wird es rasch kalt und feucht. Auch heute habe ich wieder keine Midges erlebt und allmählich glaube ich, es ist wie mit diesem Loch Ness Ungeheuer. Ein Märchen für kleine Kinder.

Beschreibung
Abendstimmung in Durness



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Svenja Svendura Panic Coda iMacMade by Svenja Svendura on Apple iMac with Panic Coda and Photoshop Elements.