Reise mit Hurtigruten
Tag 1: Kiel - Oslo
Tag 2: Ein Tag in Oslo
Tag 3: Oslo - Bergen - Florø
Tag 4: Maløy - Kristiansund
Tag 5: Trondheim - Nesna
Tag 6: Brønnøysund - Svolvaer
Tag 7: Stokmarknes - Tromsø
Tag 8: Hammerfest - Vardø
Tag 9: Kirkenes - Honningsvåg
Tag 10: Havøysund - Finnsnes
Tag 11: Lofoten - Bodø
Tag 12: Ørnes - Trondheim
Tag 13: Trondheim - Oslo - Kiel
Platzhalter Hurtigruten
Platzhalter Polarmuseum Tromsø Eintritt
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Die letzte Fahrt der Nordstjernen

PolarmeerDer Eisbären­salon der MS Lofoten hat sich über Nacht in ein Feld­lager verwandelt. Die Kids haben Sessel und Bänke zusammen­ge­schoben und liegen darauf einge­mum­melt in ihren Schlaf­säcken.

Auch das ist Hurtigruten. Die Pas­sagiere, die nur eine Nacht an Bord bleiben, richten sich in den Lounges für die Nacht ein. Kabi­nen­­zwang gibt es nicht und es wird toleriert, dass die Salons zumin­dest kurzfristig zu Schlaf­sälen umgestaltet werden. Für Pas­sa­giere wie uns, die die volle Reise gebucht haben, ist das mal mehr, mal weniger angenehm, aber die Studenten sind ok und hinter­lassen alles wieder sehr ordentlich.

Am Mittag erreichen wir Tromsø, das Tor zur Arktis. Wir haben vier Stunden Aufenthalt und alle Pas­sa­giere verlassen das Schiff, um sich die Stadt anzusehen.

Tromsø ist nicht nur berühmt für die nördlichste Universität der Welt, sondern auch für die Eismeerkathedrale, ebenfalls eine nördlichste der Welt, aber so weit oberhalb des Polar­kreises ist irgendwann alles "Nördlichstes der Welt".

Tromsø

Hurtigruten Tromsø

Es werden einige sagenhafte Landausflüge angeboten, darunter eine Husky Safari. Claudia, Pieps und ich machen uns auf eigene Faust zu Fuß auf den Weg, die Stadt zu erkunden. Auch in Tromsø ist Claudia der perfekte Guide und führt uns auf direktem Weg zum Polar­museum der Universität.

Tromsø

Es ist ein kleines Museum in einem hübschen, roten Holzhaus direkt am Hafen. Ich bin auf Anhieb begeistert von der dichten, authentischen Atmosphäre des Museums. Viele Exponate der berühmten Polarexpeditionen sind hier zu sehen und spannende Geschichten zu bestaunen. Sofort ist meine Abenteuerlust geweckt.

Polarmuseum Tromsø

Gleich im ersten Saal findet sich der Nachbau einer Trapperhütte. Die Stimmung wirkt so echt, dass ich ganz fasziniert bin. Unter Glas ist das original Reisetagebuch des Trappers Wilhelm Nilsen ausgestellt, der 1910 in dieser Hütte überwintert hat.

Polarmuseum Er hat mit Bleistift in feiner Schreibschrift in ein Moleskine geschrieben. Ich halte mein eigenes Tagebuch daneben und sie sehen sich zum Verwechseln ähnlich. "Ja," erläutert Claudia, "Bleistift ist der einzige Schreibstift, der immer funktioniert und das sogar in der Arktis bei -40°." Das Polarmuseum in Tromsø begeistert mich und ist ganz sicher einen Besuch wert.

Vom Museum aus gehen wir über Neben­straßen zur Storgata, der Ein­kaufs­straße. Auf den ersten Blick erscheint sie fremd­artig und exotisch. Ganz anders und viel interessanter als die Holsten­straße in Kiel. Es sind überwiegend Holzhäuser mit kleinen Schaufenstern.

Überall liegen Schnee und Eis. Die Autos und sogar die Fahrräder haben Spikes in den Reifen und ich bin erstaunt, wie schnell eine Mutter auf dem vereisten Radweg mit Fahrrad und Kinder­anhänger unterwegs ist.

Dann im Zentrum die Ernüchterung. Dicht nebeneinander finden sich Vero Moda, H&M, Cubus, Intersport und ein Burger King. Ich bin richtig sauer und enttäuscht. Entkommt man diesen Ketten denn wirklich nirgends mehr auf der Welt, nicht einmal in der Arktis? Sehen alle Einkaufsstraßen dieses Planeten inzwischen gleich aus?

Tromsø Hurtigruten

Vor dem Fenster eines Spielwarengeschäfts bleibt Pieps stehen und ist fasziniert von den wirklich wunderschönen Spielsachen. Sie ist kaum noch zu beruhigen und hätte so gerne eine Puppe, aber heute ist Sonntag und der Laden ist geschlossen. Ich kann sie ja verstehen und nur mit dem Versprechen auf einen Besuch bei Schönfelder in Kiel bekomme ich die Kleine ohne Geschrei vom Schaufenster weg.

Pieps in Tromsø

Unterwegs posiere ich noch kurz vor dem Appleshop in Tromsø und informiere mich über neue Hardware. Eigentlich totaler Jungskram, aber vielleicht kann ich meinem Chef dafür zwei Überstunden aus dem Kreuz leiern. Immerhin gehört es zu meinem Job zu wissen, was in der Applewelt vorgeht. Lustig, wie die hier Apple schreiben...

Applestore Tromsø

Wir kehren zurück zum Schiff ohne etwas gekauft zu haben. Es ist durchgängig unter 0°, aber es ist windstill und eine trockene Kälte, in der man nicht so leicht friert. Mit den dicken Strick­stulpen über der Strumpfhose, dem Minikleid und meinen fake UGG-Boots bin ich warm genug angezogen.

Eismeerkathedrale Tromsø

An diesem Abend wird im Speisesaal ein großes Meeresfrüchtebuffet statt des üblichen 3-Gänge Menüs serviert. Ich liebe Fisch und sämtliche Meeresfrüchte und dieses Buffet übertrifft alles, was ich bisher zuvor an Meeresfrüchten gegessen habe

Trotzdem wird es ein richtig doofer Abend. Mehr als zwei Seiten habe ich darüber mit wütender Hand in mein Reisetagebuch geschrieben, aber ich will den Ärger nicht noch einmal durchleben und gebe nur die Kurzfassung:

Der Speisesaal ist überfüllt, so dass wir uns zu einem älteren englischen Ehepaar an den Tisch setzen. Wie immer beginne ich einen netten Small Talk, erzähle, scherze, lobe, frage und merke erst viel zu spät, dass ihr Husband sich vor Abscheu über unsere Anwesenheit fast übergeben muss.

Mein erster Gang zum Buffet bleibt auch mein letzter. Ich bin so gekränkt, dass mir der Appetit vergangen ist und Claudia empfielt ebenfalls, die Beiden zu erlösen und zu verschwinden. Heute abend habe ich mich zum ersten Mal dafür geschämt, Transgender zu sein.

Später am Abend steht uns ein ganz besonderes Ereignis bevor. Wir werden der MS Nordstjernen begegnen, dem einzigen aktiven Schiff der Hurtigruten, das noch älter ist als unsere MS Lofoten.

Die Nordstjernen befindet sich heute auf ihrer letzten Fahrt. Nach ihrer Rückkehr wird sie in Bergen außer Dienst gestellt. 1.552 mal ist das in die Jahre gekommene Schiff von Bergen nach Kirkenes und zurück gefahren und hat dabei 7,4 Millionen Kilometer zurückgelegt.

Die Mannschaft der Lofoten hat für diesen kurzen Moment, in dem die beiden alten Schiffe sich in der völligen Dunkelheit des nördlichen Polarmeers begegnen, eine kleine Party vorbereitet. Gammle Damer er best, Alte Damen sind die Besten, steht auf einem großen weißen Bettlaken, das an der Reling hängt. Die Offiziere stehen mit roten Nebelkerzen bereit und die Küchenmannschaft hat Topfdeckel und Kochlöffel zum Lärmen an Deck geschleppt.

Abschied Nordstjernen

Gespannt stehe ich an Deck und schaue voraus in die schwarze Nacht. Dann ganz allmählich erscheinen aus völliger Dunkelheit die Positionslichter der MS Nordstjernen. Nebelkerzen werden gezündet und mit großen Suchscheinwerfern tasten die beiden Schiffe sich im Dunkel der Nacht gegenseitig ab. Die Typhoons dröhnen dazu dumpf und ohrenbetäubend laut. Für einen Moment sind wir uns ganz nahe in der Einsamkeit des Polarmeers und ich empfinde zum ersten Mal, auf welcher winzigen Nussschale wir unterwegs sind.

Hurtigruten MS Nordstjernen Abschied letzte Fahrt

Genau vier Minuten nach dem ersten Auftauchen der Positionslichter ist die Nordstjernen wieder in der Dunkelheit verschwunden. Die Party ist vorbei. Diese beiden Schiffe werden sich nie wieder auf hoher See begegnen, wie sie es soviele Jahre alle paar Tage getan haben.

Jetzt ist die MS Lofoten das dienstälteste Postschiff der Hurtigruten und auch sie soll in wenigen Jahren außer Dienst gestellt werden. Dann bleiben nur die großen, modernen Casinodampfer mit Showprogramm und Black Jack Tischen. Wer noch einmal auf einem der alten Postschiffe fahren möchte, sollte das nicht mehr auf die lange Bank schieben.

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