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Motorradreisen mit Zelt und Schlafsack

Über das Alleinreisen

Meine Güte, habe ich früher verzweifelt nach Mitreisenden gesucht: „Zwei Wochen Anfang Juni Enduro­wandern in Schweden. Übernachtung im Zelt oder Hütte. Wer ist dabei?“ Auf die Idee, einfach allein loszufahren bin ich nicht einmal gekommen.

Motorradtour Frankreich

Solche Reisekontaktanzeigen funktionieren durchaus, aber es gibt tausend Probleme und Kompromisse: Der Eine darf nur fünf Tage von zuhause weg und muss am Wochenende zurück sein, weil da Schulzes zum Doppelkopf kommen, sonst gibts Ärger mit seiner Frau, ein Anderer mag nicht zelten, der Dritte fährt eine fette Reiseenduro, bei der ich mit Greeny nicht folgen kann, und Nummer Vier hat nur im Juli Zeit – eine Woche.
Absatzhalter Dabei kann man all dem mühelos aus dem Weg gehen: Man fährt einfach alleine los. Meine Freundin Claudia, die früher mit Rucksack, Bärenzaun und Pumpgun allein über Spitzbergen gewandert ist, sagte eines Tages: „Warum fährst du nicht allein?“
Absatzhalter Das war vor fast 20 Jahren und erst gestern haben wir wieder darüber gelacht, dass es von ihrer Seite keinerlei Argumente und Überredung brauchte, um mich zu überzeugen. Ich wusste sofort: Das ist es!
Absatzhalter Warum ich selbst nicht auf die Idee gekommen bin, kann ich nicht sagen. Seitdem reise ich allein, ob Baltikum oder Bretagne, Irland oder Island, Pieps 🐭 und ich reisen allein. Ich habe es nie bereut.
Absatzhalter Der persönliche Reiserhythmus
Absatzhalter Was es so kompliziert macht, mit anderen zu reisen, ist der persönliche Reiserhytmus jedes Einzelnen, der wohlwollend miteinander besprochen und abgestimmt werden muss, sonst ist Ärger vorprogrammiert.
Absatzhalter Auf einer Tagestour erträgt man vieles noch: Karl-Heinz fährt wieder wie ein Irrer, Ingeborg ständig zu dicht auf, und Dieter erscheint mal wieder mit leerem Tank am Treffpunkt – doch vier Wochen in Norwegen bieten ganz anderen Stoff für Konflikte, spätestens "when the Going gets tough", das Wetter eklig wird und die Stimmung auf dem Tiefpunkt angelangt ist.
Absatzhalter Wenn Dieter im strömenden Regen auf der Hardangervidda signalisiert: „Ich muss tanken!“, und wir gerade erst aus Geilo raus sind, wo die letzte Tanke vor dem Hochland war, dann knallt es vermutlich.
Absatzhalter „Warum hast du nicht in Geilo getankt?“
„Da musste ich noch nicht.“ Der Rest steht morgen in der BILD.
Absatzhalter Einige Punkte sind für mich persönlich von besonderer Wichtigkeit und müssen unbedingt vorher geklärt werden. Daneben gibt es viele weitere Kleinigkeiten, über die man sprechen kann: Fahren wir seitlich versetzt? Nebeneinander an der Ampel? Abstände? Überholen wir? Was ist, wenn einer fehlt – warten oder zurückfahren? Tanken wir aus einer Zapfpistole und zahlen eine gemeinsame Rechnung, was mächtig Zeit spart? Starten alle mit frischen Reifen und Kettensatz? Besitzt jeder eine Kreditkarte?
Absatzhalter Es gibt sicher viele weitere Punkte, über die man sprechen kann, oder: Man reist allein, bestimmt alles selbst und ist fein raus.
Absatzhalter Alleinreisen als bewusste Entscheidung
Absatzhalter Das zentrale Motiv für das Alleinreisen ist die Freiheit, tun und lassen zu können, was man will. Für mich bedeutet das: Kurze Tagesetappen, früh das Zelt aufschlagen, stundenlang lesen, fotografieren, Reisetagebuch schreiben, Steaks braten, Bier trinken und früh schlafen gehen.
Absatzhalter Im Alleinreisen liegt auch ein großes Stück Egoismus, ich weiß das, ich bin so, aber es ist die eigene Reise, der eigene Urlaub. Da darf man das.
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Absatzhalter Langeweile und Einsamkeit?
Absatzhalter „Oh nein, das wäre mir aber zu langweilig“, sagte neulich eine Frau, als ich von meinen Reisen erzählte. Ob jemand, der sich sogar selbst langweilt, ein interessanter Reisepartner für andere sein kann?
Absatzhalter Für mich war das bisher nie ein Problem, denn es ist immer etwas zu tun: Motorradfahren, fotografieren, lesen, Kette fetten, Camp erkunden, lesen, Köpper üben mit Pieps, Zeltleinen nachspannen, anderem Camper ein Gespräch aufzwingen, Reisetagebuch schreiben, wieder lesen, Fotos von Pieps machen, Sonnenuntergang bewundern, einkaufen, Kaffee kochen, Steaks braten, Bier trinken, schlafen.
Absatzhalter Ist man einsam, wenn man allein ist? Vielleicht eine Typfrage, aber mir geht es nicht so. Wenn ich mich wirklich allein fühle, dann reichen schon ein paar Sätze mit Fremden und mein Sozialakku ist wieder voll.
Absatzhalter Wobei Gespräche mit Fremden mitunter unglaublich intensiv sind. Es sind Begegnungen ohne Verpflichtung, Kontakte auf Zeit, die bewusst enden. Am nächsten Tag reist man weiter und sieht sich nie wieder. Vielleicht vertraut man sich deshalb mitunter erstaunliche Dinge an.
Absatzhalter Als Einzelreisende kommt man leichter ins Gespräch und wird auch eher angesprochen als eine Gruppe von Motorradfahrern, die geschlossen wirkt und leicht einschüchternd. Allein ist man zugänglicher und kommt eher in Kontakt mit Einheimischen und anderen Reisenden.
Absatzhalter Angst und Gefahr
Absatzhalter „Ist das nicht gefährlich? Sie sind aber mutig!“, höre ich öfter. Meistens entgegne ich, wir seien schließlich in Europa, wo es sicher ist. Was soll einem hier geschehen? Wovor kann man Angst haben?

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  1. Opfer von Kriminalität zu werden: Diebstahl, Körperverletzung, Raub, Mord, Vergewaltigung
    Absatzhalter Ist in Europa so wenig wahrscheinlich, dass es sich fast nicht lohnt, darüber nachzudenken Wenn man sich die Fakten anschaut, ist das Risiko, als Tourist ernsthaft Opfer von Gewaltkriminalität zu werden, statistisch sehr gering. Europäische Länder gehören zu den sichersten Reise­gebieten der Welt. Wir, als Reisebiker drohen höchstens Opfer von Gelegenheitsdieben zu werden, aber nicht von schwerer Gewalt. In Großstädten wie Paris oder Barcelona sollte man einfach wachsam sein und auf seine Sachen aufpassen. Absatzhalter Das ist auch der Grund, neben meinem verheerenden Orientierungs­sinn, warum ich Großstädte meide: Es fühlt sich falsch an, Greeny mit vollem Reisegepäck im Zentrum stehenzulassen und für längere Zeit wegzugehen, auch wenn mir noch nie etwas geklaut worden ist. Nicht einmal mein Helm, den ich standardmäßig über den Rückspiegel stülpe, bevor ich davonstiefele.

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  3. Eine Panne mit dem Motorrad
    Dabei kann ein Mitreisender tatsächlich hilfreich sein, aber nur wenn er Mechaniker ist und die passenden Ersatzteile an Bord sind. Falls es nur darum geht, verzweifelt auf die rote Lampe im Cockpit zu starren und ergebnislos den Startknopf zu drücken: Das kann ich auch allein.
    Absatzhalter Im richtigen Leben rufe ich den ADAC und warte. Ein einziges Mal auf all meinen Reisen musste ich das tun, bei Greeny war ein Kontakt im Zündschloss gebrochen, aber mit Hilfe des ADAC und der Kawasaki Vertretung in Angers, Frankreich, waren wir noch am selben Tag wieder auf Achse.

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  5. Ein Unfall oder medizinischer Notfall
    Da hat Reisen in Gesellschaft wirklich einen Punkt. Auch wenn keiner der Mitreisenden Arzt oder Sanitäter ist, kann er ohne Verzögerung sofort die Rettung rufen. Das kann tatsächlich einen Unterschied machen. Ich will es nicht kleinreden, aber beides ist mir bisher nicht passiert, und wenn, dann hoffe ich, noch selbst anrufen zu können, oder dass Passanten es tun. Ein Risiko besteht immer.

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  7. Wenn das Motorrad umfällt
    Dann hebe ich es wieder auf. Auch deshalb fahre ich nur ein leichtes Motorrad mit 250cc. Notfalls muss man eben um Hilfe bitten. Selbst im Hochland von Island kommt alle paar Stunden einer vorbei.
    Absatzhalter Die Furcht vor Kriminalität, technischen Pannen und dass einem die Maschine umkippt, sollten keine Gründe sein, nicht allein auf Reisen zu gehen. Die Angst vor Unfällen und medizinischen Notfällen muss jeder für sich selbst einschätzen.

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Woran scheitert Mitreisen?
Absatzhalter Meine Reisen mit Buddys waren alle keine Desaster, aber wir waren doch sehr verschieden: Ein Motorradkumpel war viel fitter als ich und wollte am liebsten bis in die Dunkelheit hineinfahren, während ich am Nachmittag schon zelten und mein Steak braten wollte. Eine Endurokollegin wurde jedesmal sauer, wenn ich falsch navigiert habe und wir deshalb umdrehen mussten. Ein anderer Kumpel fuhr in Schweden ständig zu schnell, was mir nur die Wahl ließ zwischen Dranbleiben und Ziehenlassen.
Absatzhalter Eines aber wurde fast jedesmal deutlich: Außer unserem gemeinsamen Hobby Motorradfahren hatten wir im Grunde wenig Berührungspunkte. Tagsüber im Sattel spielt das keine Rolle, aber abends im Camp ist es doof, wenn man sich sonst nichts zu erzählen hat.
Absatzhalter Meine allerbeste Buddy-Tour war mit Markus und Werner in Norwegen. Wir hatten eine Menge Spaß. Ich bin die orange KTM 640 Adventure!

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Reisen mit Biker Buddy

  • Im Notfall ist Hilfe direkt da.
  • Kosten für eine Hütte lassen sich teilen.
  • Pausen und Abende können sehr gesellig sein.
  • Nachteil: Erfordern viele Kompromisse.
  • Nachteil: Konflikte können die ganze Reise kippen.

Alleinreisen

  • Ich bestimme Ziel, Reisedauer, Tagesetappen und Tempo allein.
  • Planänderungen sind jederzeit möglich.
  • Pausen und ständiges fotografieren stören niemanden.
  • Übernachtungen entscheide ich allein, Zelt oder Hütte?
  • Ich komme leichter mit Fremden ins Gespräch.
  • Nachteil: Im Ernstfall bin ich auf mich allein gestellt.

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Fazit
Absatzhalter Für mich ist das Alleinreisen Der Weg – wie der Mandalorianer sagt. Weder fahre ich gerne vorweg noch hinterher. Was ich mag, sind Treffpunkte mit Freunden unterwegs, einen gemeinsamen Abend im Camp mit Wein und guten Gesprächen, und am nächsten Tag allein weiterzureisen. Das ist immer richtig klasse.
Absatzhalter Etwas anderes ist es, wenn Paare miteinander reisen, die das Glück haben, ihr Reisehobby zu teilen. Die sind hier nicht gemeint.
Absatzhalter Wie sind eure Erfahrungen zum Thema Alleinreisen vs Buddy-Tour? Was war richtig gut, und woran ist es einmal gescheitert?
Absatzhalter Kurzum: Welches ist euer Weg?


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Svenja Svendura EndurowandernMade by Svenja Svendura on Apple iMac with Panic Coda and Photoshop Elements.