Ausflug nach Ribe
Wie gut, dass ich meine Wäsche über Nacht ins Kopfkissen gestopft habe, denn die Schnappatmung, die man sonst kriegt, wenn man sich einen eisgekühlten BH auf die warmen Brüste schnallt, ist echt unvergesslich.
Während ich mein Shirt anziehe und dann in die Motorradhose schlüpfe, bin ich froh, ein Dreimannzelt zu haben. Die erste Person bin ich, die zweite sind das Gepäck und die Motorradsachen und die dritte Person ist ein reiner Marketinggag des Herstellers.Pünktlich um neun stoße ich die Tür zum Mandø Café auf, wo nur ein älteres Pärchen allein beim Frühstück sitzt. Mit einem fröhlichen "Guten Morgen" setze ich mich an einen freien Platz und warte. Ein anderer Tisch ist mit einem leckeren Frühstück hübsch eingedeckt, aber da sitzt gerade niemand.
Nach wenigen Augenblicken kommt John aus der Küche und zeigt mit einer charmanten Geste auf den eingedeckten Tisch. Das ist mein Frühstück? Wow, das sieht ja klasse aus.
Die Brötchen sind noch ganz warm, ebenso wie das dunkle Brot. Der Camembert so sahnig und der Frühstücksspeck extra dick geschnitten. Dazu gibt es ein Frühstücksei, eine Wurst- und Käseplatte und eine große Kanne Kaffee für mich alleine.
John kommt an den Tisch und berichtet, dass er Ellen inzwischen erreicht hat. Sie weiß jetzt, dass ich auf ihrem Campingplatz stehe und ich soll heute oder morgen zum Bezahlen vorbeikommen.
Als ich davon erzähle, dass ich nach Ribe fahren will und nur noch auf die Ebbe warte, erklärt John, dass ich heute den ganzen Tag über fahren kann, weil die Flut erst gegen Mitternacht kommt. Irgendwas mit dem Wind und dem Mond, was ich nicht ganz verstehe, aber sofort glaube, denn was sind die Theoretiker vom Hydrographischen Institut gegen das Praxiswissen meines Bäckers? Und außerdem folge ich ohnehin meiner eigenen Logik. Fakten bedeuten mir nichts.
Heute werde ich ein neues Ausrüstungsteil ausprobieren, das Claudia für mich konstruiert hat. Ein Brustgeschirr für meine Kamera, damit ich während der Fahrt Videos drehen kann. Ich will testen, ob der Aufnahmewinkel stimmt, so dass Motorrad und Horizont gleichzeitig zu sehen sind, denn noch ist Zeit für Korrekturen, bevor ich damit nach Norwegen fahre.
Ich klipse den oberen Gurt im Nacken zusammen und schließe den zweiten Riemen im Rücken. Kurz darauf sitzt die Lumix in der Halterung vor meiner Brust und ich starte die Aufnahme. Langsam fahre ich auf die Windmühle zu und und weiter in Richtung Deich.
Wenn der Untergrund weicher wird und die Maschine ins Schlingern kommt, dann ist hartes Beschleunigen die beste Taktik, sie wieder zu stabilisieren. Bloß nicht zögerlich fahren und Gas wegnehmen. Dann schaukelt sich die Fuhre auf und man liegt schnell auf der Nase.
Die KLX ist voll in ihrem Element und fliegt leichtfüßig über die Piste dahin. Solange wir ganz alleine sind, lasse ich Greeny gewähren und sich richtig austoben.
Achtung: Machen Sie das nur nach, wenn Ihr Motorrad dafür geeignet ist und Sie wenigstens ungefähr wissen, was Sie tun. Svendura übernimmt keine Haftung für spektakuläre Crashs. (Ist aber sehr an Videos davon interessiert). Bitte informieren Sie auch Ihre ausländischen Nachbarn.
Nach 2 km zweigt der alte Mandø Ebbevej ab, auf dem es früher zur Insel ging, und wo ich einmal fast abgesoffen wäre. Ich war nämlich schon einmal zum Zelten auf Mandø, das war 1981. Damals war ich auch auf einer 250er Kawasaki Enduro unterwegs, aber ohne mich im Geringsten um die Gezeiten zu kümmern. Der Weg sah frei aus, aber 7 km sind lang und ich wusste nicht, dass ich genau in die auflaufende Flut hineinfahre.Auf dem letzten Kilometer sind schon die ersten Wellen gegen meine Stiefel geklatscht und ich hatte so eine Angst, dass der Motor abstirbt. Nur mit den Stangen, die im Watt steckten, habe ich überhaupt den Weg zur Insel gefunden und bin schließlich mit Vollgas die Straße zum Deich hochgedüst. Welch eine verrückte Aktion. Ist das wirklich schon 32 Jahre her?
Aber selbst für den mächtigen Traktorbus ist der Weg nicht ungefährlich. Erst vor drei Jahren gab es einen Unfall mit drei Toten, als der Mandøbus in einem Priel umgestürzt ist.
Am Ende der Piste filme ich noch einmal die Vorbeifahrt vom Stativ aus. Das möchte ich in Norwegen öfter nutzen und deshalb will ich es üben. Ich halte an, stelle die Kamera etwas abseits auf mein Stativ und starte die Aufnahme. Schnell zurückdüsen, Vollbremsung, wenden und wieder durchs Bild fahren, nochmal umdrehen, zurück und anhalten. Die 250er ist wendig wie ein Fahrrad. (Nicht dass ich jemals eins gefahren wäre...)
Eine Viertelstunde später bin ich in Ribe. Heute will ich endlich meine neue Kreditkarte an einem Tankautomaten ausprobieren. Skandinavische Tankstellen sind mir noch immer ein wenig unheimlich. Bargeld und EC-Karte nützen oft gar nichts, die wollen eine Kreditkarte sehen und zwar mit PIN, nicht mit Unterschrift. Selbst viele Tankstellen mit Shop akzeptieren Bargeld nur für Artikel aus dem Laden, das Benzin muss mit der Kreditkarte bezahlt werden. Deshalb muss ich mich 100%ig auf die Karte verlassen können.
Ich fahre zu Føtex, dem großen Einkaufszentrum in Ribe, wo es eine Automatentanke gibt. Mit gemischten Gefühlen stecke ich die VISA-Karte in den Leseschlitz und gebe die PIN ein. XXXX ok. Jetzt soll ich noch die Säulennummer eingeben. Ich tippe die 2 und dann ENTER.
Im selben Moment höre ich das Summen der Pumpe und lasse den Tank der Kawa volllaufen. Jetzt bin ich beruhigt, denn meine größte Angst sind nicht Regen, Mücken, oder Panne, sondern dass die Kreditkarte versagt und ich mitten in der Pampa ohne Sprit liegen bleibe und nach Hause schieben muss. Wieder ein Vorteil, dass Greeny so leicht ist...
Nach langem Hin und Her und nachdem ich jede Packung sicher zweimal in der Hand hatte, entscheide ich mich für ein Päckchen argentinischer Rib Eye Steaks. Dazu eine Dose Bier und eine Flasche Wasser. Wieder kann ich problemlos mit der VISA-Karte bezahlen und ich fange an, das kleine Stück Plastik in mein Herz zu schließen.
Ribe ist die älteste Stadt Dänemarks mit einer hübschen Fußgängerzone. Auf einer Parkbank notiere ich das Einkaufserlebniss in mein Tagebuch und sitze danach faul in der Sonne. Irgendwie mag ich diese Art langer Weile, wenn man nicht weiß, was man tun soll und im Hinterkopf sofort ein schlechtes Gewissen kriegt, weil man die Zeit doch sinnvoll nutzen müsste. Ich ahne, dass in diesem Moment die Erholung einsetzt.
© visitribe.com
Gleich zu Beginn des Låningsvejen bereite ich die Aufnahme vor, allerdings laufen heute immer wieder Leute durchs Bild. Zwei Pärchen mit umgehängten Ferngläsern sind zu Fuß unterwegs zur Insel und natürlich ist das Auto, das sie am Deich abgestellt haben, ein Renault Kangoo. Diese Baumstreichler erfüllen wirklich auch jedes Klischee.
Auf halber Strecke überhole ich ein großes Wohnmobil, das kaum mehr als Schritttempo fährt. Sicher müssen die so vorsichtig fahren, damit die Gewürze hinten nicht aus dem Regal fallen.
Ob sich noch jemand an sie erinnert? Ob es überhaupt noch eine Bedeutung hat, wer sie einmal waren, wen sie geliebt haben und was sie in ihrem Wesen ausgemacht hat? Wenigstens werde ich am Ende sagen können, auch ich wurde einmal geliebt.
Diese morbide Traurigkeit überfällt mich fast immer, wenn ich einen Friedhof besuche, dabei ziehen sie mich zugleich magisch an. Ich kann nicht anders sein, aber heute möchte ich das nicht und verlasse den kleinen Friedhof mit eiligen Schritten.
Nachdenklich gehe ich zurück ins Camp, wo gerade das Wohnmobil festmacht, das ich vorhin im Watt überholt habe. Das Kennzeichen ist HOL und ein junger Mann rollt ein langes rotes Kabel von einer Trommel zum Stromkasten.
Mein Frühstück ist inzwischen acht Stunden her und ich habe seitdem nur etwas Wasser getrunken. Zeit fürs Abendessen. Außerdem möchte ich herausfinden, warum zwei so kleine Steaks angeblich 556 g wiegen. Mit dem Gürtelmesser schneide ich die Packung auf und entdecke ihr Geheimnis, die Entrecotes sind fast drei Finger dick geschnitten.
"Gut seht ihr aus, Jungs!", denke ich und gieße eine kleine Menge Biskin in die Titanpfanne, bevor ich den Gasbrenner zünde und auf zweimal wahnsinnige Fahrt voraus einstelle.
Ich mag das zischende Geräusch, wenn die frischen Steaks in das heiße Fett tauchen und mit großer Hitze munter spritzend vor sich hinbraten. Zu Hause muss ich danach den ganzen Herd und das Fliesenschild schrubben, aber hier braucht nur das Gras entfettet zu werden. Schon dafür liebe ich meine kleine Outdoorküche.
Gierig wolfe ich das erste Stück Entrecote herunter, das wirklich umwerfend gut schmeckt. Das Fleisch ist so mürbe und die Fettaugen gelb und prall. Inständig hoffe ich, dass ich dieses Gericht niemals überkriege, aber richtige Sorgen mache ich mir eigentlich nicht, denn Fischstäbchen esse ich schon fast 30 Jahre und mag sie noch immer so gerne wie eh und je.
Ich bin total durchgefroren und verschwinde schon früh im Zelt, um mich in den Schlafsack zu kuscheln. Morgen früh habe ich wieder ein Frühstück gebucht und danach werde ich die Insel erkunden. Gute Nacht, Welt.
weiter zu Tag 3
zurück nach oben
Wenn ihr Lust habt, mir einen Kommentar zu schreiben, dann könnt ihr das über den +1 Button machen, oder wie bisher in meinem Blog Svenja-and-the-City. Ich freu mich jedenfalls über euer Feedback...