Pfingsten im Camp Le Paroy
Sonntagmorgen und ich versuche mich zu erinnern, wann ich mir zuletzt im Zelt so den Dubs abgefroren habe – Italien Sept. 2017. Das Zelt war Eis verkrustet. Ich hab die Italiener auf die Palme gebracht mit meinem: „Samma, ich denk, das so warm hier bei euch im Spätsommer?“ Fanden sie nicht lustig.

Aber macht nichts, sowie die Rezeption auf hat, gehe ich mit Pieps zum Frühstücken zu Danjelle und Ray. Zum Pain au chocolate trinke ich Café au Lait, schon weil genug heiße Milch in dem Kännchen ist, um die Tasse nach der Hälfte wieder voll zu machen.
Auf dem Tresen steht ein Korb frischer Eier aus dem Hühnerstall hinterm Haus. Die Hennen legen wie verrückt und Danjelle ist froh über jedes Ei, das verkauft wird. Für ein paar Centime nehme ich vier Eier aus dem Korb und bekomme von Ray eine Flocke Butter dazu.

Später am selben Tag lerne ich noch etwas über das Angeben: Ich sitze im Schatten der Rezeption und lese, da kommt ein mächtiger Land Cruiser den Weg hoch. Eines der ganz neuen Modelle, ein 80.000 Euro Monster. Mächtig aufgerüscht, grobe Reifen Goodrich Mud Terrain, Sandbleche, Dachzelt, Suchscheinwerfer, das volle Programm. Dahinter ein winziger Offroad-Wohnanhänger, eine Überlebenskapsel, die wirkt, als könne man darin auf dem Mars abgeworfen werden und überleben.
Ich nicke anerkennend und bin zugleich froh, diesen Drang zum Posen schon vor Jahrzehnten überwunden zu haben, denn ich weiß, was das kostet. Wenn ich all das Geld noch hätte, das ich in Pickups, V8 Motoren, Lift Kits, Chromfelgen und TÜV-Gutachten gesteckt habe, dann wäre Pieps längst eine gemachte Maus und hätte zwei Kugeln Körsch-Eis im Becher. Mit doppelt Sahne!

Im Camp Le Paroy wird Sonntags gekocht. Heute haben Danjelle und Ray Bœuf bourguignon zubereitet. Pieps und ich sitzen an unserem Lieblingsplatz draußen vor der Rezeption und mampfen eine Riesenportion in uns hinein. Meine Güte, schmeckt das gut.
Der Tag nach Pfingsten
Am Dienstagmorgen brechen wir das Zelt ab und verabschieden uns von Danjelle und Ray. Die Beiden sind zuversichtlich, das Camp auch im nächsten Jahr weiterführen zu wollen.

„Tschüss, Camping Le Paroy, tschüss Danjella und Ray, wir kommen mal wieder wieder.“ Langsam tuckere ich den Sandweg hinunter zur Straße, winke ein letztes Mal in den Rückspiegel und biege ab nach La Tagniere.

Ruhig bollert der Einzylinder auf der Straße zwischen den Feldern entlang. Allmählich entdecke ich mein Herz für die neue Honda, meine erste Nicht-Enduro. Vielleicht werde ich sie behalten.

In Sombernon laufe ich einen Super-U an, einen der großen Supermärkte. Inzwischen weiß ich, dass nirgendwo so schnell kassiert wird, wie bei uns zuhause in Deutschland. Überall sonst dauert es länger, häufig viel länger. Besonders an Kasse 2 in Sombernon.
An der Kasse sind zwei Frauen vor mir und legen ihre Einkäufe aufs Band. Die Erste stellt schlicht zwei große, randvolle Taschen aufs Laufband, ohne sie auszuräumen. Ich bin verblüfft, die Kassiererin nicht. Sie nimmt jedes Teil einzeln heraus, scannt es und legt es wieder zurück. Toller Service! Wenn ich die Nummer zuhause in Kiel bei ALDI versuche, werde ich zur Legende – und zurechtgewiesen, vermute ich.

Bei der zweiten Dame geht es schneller ... bis es ans Bezahlen geht – ein Scheckbuch wird gezückt und aufgeblättert. Ich wusste nicht einmal, dass so etwas noch existiert und sehe interessiert zu.
Sorgfältig schreibt die Kundin einen Scheck aus, die Summe erst in Ziffern und anschließend noch einmal in Worten, reißt das Formular entlang der perforierten Linie ab und überreicht es der Kassiererin. Diese verlangt den Reisepass der Kundin und kontrolliert gewissenhaft die persönlichen Daten und Unterschrift. Damit wurde der Handel zur gegenseitigen Zufriedenheit abgeschlossen, „Bonne journée, Madame“, einen schönen Tag noch.
Die Lebensart in Frankreich mag ich sehr. Mitunter entspinnen sich an der Kasse Gespräche zwischen Kunde und Kassiererin erst nachdem bereits bezahlt worden ist. Das eigentlich Verblüffende ist die Geduld der Kunden in der Schlange dahinter, keiner meckert. Immer wieder gewinne ich solche kurzen Einblicke in den Alltag der Franzosen, die mich glauben lassen, dass manches hier recht angenehm und vielleicht etwas weniger kühl als zuhause gestaltet ist.
Allmählich neigt sich unsere wunderbare Sommerreise an der Dordogne, dem Lot und der Truyére entlang ihrem Ende entgegen. Nur einmal noch werden wir im Camp Hautoreille, wo wir vor drei Wochen aufgebrochen sind 12 Zeltheringe in den Boden drücken und die Isomatte ausrollen.
Kurz darauf rolle ich mit der Honda ins Camp Hautoreille. Ohne anzuhalten fahre ich die Wege bis zu unserem Platz – aber da steht schon einer! Kein Wohnwagen, kein Zelt, sondern ein schnöder Volkswagen. Das Auto ist das Zugfahrzeug des Fendt Diamant Wohnwagens gegenüber. Davor haben sie eine wahre Landschaft aus Gartenmöbeln, Solarleuchten und einem Grill errichtet, sodass für die Möhre, die das Gespann zieht, kein Platz mehr übrig ist.
Ich setze ein vorwurfsvolles Gesicht auf und mache mich bereit, eine Gefährderansprache durchzuführen, um den potenziellen Störer auf sein Fehlverhalten hinzuweisen, als sich die Tür des Wohnwagens öffnet und der Besitzer herauskommt. Ein junger Typ, Ende 50, der sogleich besorgt anbietet, sein Auto wegzufahren, falls ich den Platz gerne haben möchte.
„Äh, danke schön, das ist wirklich sehr nett“, stammele ich lahm, weil mir der Wind aus den Segeln genommen ist. Welch ein sympathischer junger Mann. „Toller Wohnwagen, übrigens.“ Er steigt in seinen coolen, neuen VW und parkt den Wagen um. „Tolles Auto!“

Als unser Zelt steht und alles wohnlich eingerichtet ist, bleibt gerade noch etwas Zeit, um mit der Kamera zum Eingangstor zu pirschen und auf den Express aus Wien zu warten, von dem ich mich erst vor drei Wochen hier verabschiedet habe. Kurze Zeit später höre ich das sonore Grummeln der beiden Honda Transalps, als Geli auch schon als erste ins Camp rollt. Die Transalp von Dietmar folgt kurz dahinter.

Unsere Freundschaft hat mittlerweile die Art Routine erreicht, in der jeder weiß, was zu tun ist, und so treffen wir uns später – wie auf ein geheimes Zeichen – alle im Restaurant des Camps.

Irgendwann schließt das Restaurant und wir gehen auf einen letzten Pastis zu Didi und Geli ins Zelt. Welch eine schöne Reise wir hatten, flüstern wir so laut miteinander, wie nur Angetrunkene es können. Der Mond steht hell über den Feldern, als ich vor Mitternacht aufbreche und zu meinem Zelt schwanke. Aus den umliegenden Wohnmobilen meine ich Seufzer der Erleichterung zu vernehmen.

Der Autozug
Ein letztes Mal auf dieser Reise breche ich das Lager ab und verstaue unser Gepäck sorgfältig auf dem Rücken der Honda. Nach einer letzten Tasse Kaffee mit den Wienern verabschiede ich mich und breche auf. Wir haben ein Ticket für den Autozug von Lörrach nach Hamburg.







Das einzig Schöne am Autozug sind die zwei Tage Zeitersparnis und der Imbiss am Verladebahnhof in Lörrach. Alles andere, die Verladung, der Service und der unverschämte Preis – gerade wenn man ihn mit den großen Fährschiffen nach Skandinavien vergleicht – sind zum Vergessen.
Fazit
Flussreisen mit dem Motorrad sind eine tolle Idee für einen Urlaub. Die Fahrt an der Dordogne und am Lot entlang war prächtig und hat Spaß gemacht, allein die Strecke an der Truyére gibt etwas weniger her, weil die Straße dem Fluss in seiner tiefen Schlucht seltener in Sichtweite folgen kann.
Meine persönliche Rangliste für Flussreisen mit Motorrad durch Frankreich lautet bis jetzt ...
1. Gorges du Tarn
2. Gorges de la Dordogne
3. Vallée du Lot
4. Gorges de la Truyére
5. Tal der Loire
Fazit zum Autozug
Ich war einmal der größte Fan des Autozugs, aber der Urlaubs-Express hat mich als Kundin verloren. Ich wünsche mir geschlossene Waggons, wie in Finnland und der Türkei, in die ich aufrecht einfahren und mein Gepäck auf dem Motorrad lassen kann, und einen am Kunden orientierten Service mit einem Mindestmaß von Freundlichkeit. Die sollen mir nicht gleich Zöpfe flechten, aber Höflichkeit und ein respektvoller Umgang bei der Verladung sollten selbstverständlich sein. Der hohe Preis wäre in Ordnung, den bezahle ich, aber die Leistung dafür muss deutlich steigen.
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