Am Kaschubischen Meer
Heute morgen blickt die Sonne gutmütig auf die Insel herunter und schon ist die Welt wieder mein Freund. Jetzt mache ich mich schnell fertig, breche das Lager ab und dann geht es endlich tiefer nach Polen hinein. Bis jetzt habe ich ja nur Wälder und Matsch gesehen.
Die ersten Kilometer geht es noch über Feldwege, aber schon bald komme ich auf die Straße nach Zlocieniec, ehemals Falkenburg. Aha, es gibt also auch eine Straße nach Schulzewerder, man muss sich gar nicht unbedingt durch den Dschungel kämpfen.
Auf einspurigen Alleen fahre ich zwischen brachen Felder hindurch nach Zlocieniec. Auf dem Hinterhof eines Busdepots, irgendwo im Gewerbegebiet, finde ich eine Tankstelle. Ich fülle die KLX bis zum Rand und fahre weiter. Kaffee gibt es leider nicht.
Der Weg ist grässlich zu fahren. Früher führte hier eine Kopfsteinstraße durch den Wald, sogar mit einem Kantstein, aber jetzt sind es nur noch Trümmer einer längst vergangenen Epoche. Wer mag diese Straße gebaut haben, vor allem wann und zu welchem Zweck? Hier ist doch nichts.
Viele Kilometer holpere ich so dahin bis die Steine verschwinden und die Wege sandig werden. Heidekraut wächst am Rand und ich sehe Libellen. So viele und so große Libellen, dass ich es kaum glauben kann. Aus meiner Kindheit kenne ich ein paar einzelne, aber so viele auf einmal?
Kurz darauf komme ich an einem Biedronka Supermarkt vorbei. Sein Logo sind Marienkäfer und der Laden erinnert an unsere Penny Märkte. Ich stelle das Motorrad ab und gehe einkaufen: Bier, eingelegte Tomaten, Käse, Brot und Entrecote. Antrykotu steht auf der Packung. Zufrieden verstaue ich meine Beute im Tankrucksack und fahre weiter in den Ort hinein.
Czarne sieht exakt so aus, wie man sich sozialistische Städte vorstellt: In der Mitte ein weit offener Platz für Aufmärsche und Paraden, viel Stein, viel Beton, und drumherum verschieden eingefärbte Plattenbauten. Alles sehr sauber, sehr aufgeräumt, sehr ordentlich, die Blumenbeete in Reih und Glied perfekt bepflanzt.
Langsam fahre ich um den Platz herum und sehe mich neugierig um, jedes Detail interessiert mich. Obwohl alles gepflegt und aufgeräumt ist, wirkt die Architektur auf mich abweisend. Ist es das, was sozialistische Bauart ausmacht? Ich weiß es nicht, davon habe ich keine Ahnung, ich kann es nur empfinden.
An einer Seite des Platzes steht ein altes, hübsch renoviertes Haus mit einem Café darin. Ciacho Café Pyszne Lody, steht auf dem Schild über der Tür. Ich lasse die Enduro auf der Straße stehen und trete durch die schmale Eingangstür in den winzigen Laden ein.
"Coffee, please, Kaffee bitte", sage ich, als ich an der Reihe bin. Die junge Frau in dem weißen Kittel erwidert in schnellem Staccato etwas, das ich nicht verstehe. Ich sehe mich hilflos um und eine ältere Dame kommt mir zur Hilfe: "Kein Wasser. Nix Kaffee. Vielleicht später." Oh, wie schade, aber dann brauche ich auch keinen Kuchen. Ich verabschiede mich freundlich und trete den Rückzug an.
Hinter Czarne verlasse ich die Hauptstraße und fahre auf Sandwegen zwischen Wiesen und Feldern hindurch. In einem kleinen Wäldchen komme ich an Bäumen voller roter Mirabellen vorbei. Ich halte kurz an und schieße ein Foto.
Schon seit ein paar Kilometern bin ich in der Kaschubei unterwegs, ein polnischer Landstrich, in dem noch heute kaschubisch gesprochen wird, doch vermutlich würde ich den Unterschied nicht bemerken, weil ich beides nicht verstehe.
Nach etwa 60 km erreiche ich Brusy, eine Kleinstadt von 5000 Einwohner in der Kaschubei.
Da vorne sehe ich einen Bäcker, vielleicht bekomme ich dort einen Kaffee. Ich parke vorm Schaufenster und gehe hinein, um zu fragen.
"Coffee? Kaffee?", wende ich mich mit fragendem Blick an die Bäckersfrau. Sie dreht sich um, nimmt ein Pfund Kaffeebohnen aus dem Regal und stellt es vor mich hin. Nein, ein Stehcafé beim Bäcker, so wie ich das aus den Dörfern zu Hause kenne, das gibt es hier nicht.
An der Kasse tippt eine junge Frau die einzelnen Positionen in eine winzige Registrierkasse ein und als die Endsumme aufleuchtet, kann ich kaum glauben, wie billig der Einkauf ist. Für die Pilze, eine gute Tüte voll frischer Champignons bezahle ich 34, für die Zwiebeln 2 und für das Schweinefleisch 17 Cent. Am teuersten ist der halbe Liter Bier, er kostet 47 Cent.
Hinter Brusy biege ich ab in einen Wald hoher Nadelbäume. Wie verlassen die Gegend auch ist und wie schmal die Sandwege, die vielleicht auf keiner Karte zu finden sind, so unbeirrbar zeigt das GPS den Weg.
Mehr als einmal stehe ich an einer Gabelung mitten im Wald und studiere das Display, bevor ich mich für eine Richtung entscheide. Das Garmin Oregon 450 entpuppt sich als wahrer Glückskauf und die kostenlosen OpenStreetMap Karten sind unglaublich genau.
Das funktioniert anfangs auch ganz gut, aber irgendwann ist die Enduro ausbeschleunigt und plötzlich wird es brenzlig. Ich nehme Gas weg, fange die Maschine wieder ein und fahre so gut es geht auf der Wegschulter entlang.
Dieses Stück macht mir mehr zu schaffen, als ich mir eingestehen mag, und ich merke, dass ich nicht mehr so fahren kann, wie in jungen Jahren, als ich im ADAC Ortsclub Kellinghusen Moto Cross und Trial gefahren bin.
Dafür fahre ich heute vorsichtiger und mache fehlenden Wahnsinn durch Erfahrung wett. Letztlich komme ich auch an, aber es ist nicht mehr dasselbe wie früher. Dabei ist das gerade erst 30 Jahre her.
Heute zelte ich auf der Halbinsel Lipa mitten in der Kaschubei. Camping Lipa liegt am Ostufer des Wdzydze Sees, der auch Das Kaschubische Meer genannt wird, weil er so groß ist. Ohne es zu wissen, habe ich schon einmal etwas gelesen, das genau hier spielt, in der Kaschubei und sogar am Ufer dieses Sees: Günter Grass' Roman Die Blechtrommel.
Zuerst finde ich den Platz nicht und fahre in der falschen Richtung am Seeufer entlang, aber ein Fischer weist mich auf den richtigen Weg. Kurz darauf komme ich an einem Paintball Gelände vorbei, das direkt an den Campingplatz angrenzt. Na bravo, Idioten in Tarnfleck, die Krieg spielen. Wo ist meine Wumme, wenn ich sie brauche?
Heute ist der zweite September und seit gestern sind die polnischen Sommerferien zu Ende. Jetzt sind die Campingplätze nicht mehr mit Partyvolk überfüllt, wie es einem in der Hauptsaison passieren kann.
Ich stelle das Motorrad vor der Rezeption ab und gehe hinein. Der junge Mann am Counter spricht perfekt Englisch und ist ausgesucht höflich und sehr professionell. Er besteht darauf, mir persönlich den Platz zu zeigen. Ich stiefele neben ihm her durch die Schranke und lasse mir das Restaurant, die Waschhäuser und die schönsten Stellen für mein Zelt zeigen. Meine Güte, sind die Menschen aufmerksam hier.
Camping Lipa ist eine große Ferienanlage. Von dem Paintballplatz merkt man nichts, der liegt abgeschlossen in einem Waldgelände. Langsam fahre ich auf den sandigen Wegen über den Platz. Der Junge sagte, am schönsten und einsamsten sei es oben auf dem Steilufer, dort würde ich ganz für mich allein stehen.
Ich breite das nasse Zelt im Gras aus und lasse es gründlich durchtrocknen, bevor ich mich daran mache, mein Lager aufzustellen. Das Wetter sieht ganz prima aus und es verspricht ein herrlicher Abend zu werden.
Ich bestelle ein Bier vom Fass und setze mich nach draußen. 4 Złoty, etwa 95 Cent, kostet das Bier und schmeckt wunderbar würzig und frisch. Oh ja, hier gefällt es mir.
26 Seiten Tagebuch habe ich auf dieser Reise erst geschrieben, das ist noch nicht viel, aber ich habe auch wenig Kaffeepausen eingelegt, in denen ich Gelegenheit zum Schreiben gehabt hätte. Am Boden des Bierglases schnappe ich mir Pieps und gehe zurück zum Zelt. Inzwischen habe ich wirklich Hunger bekommen. Habe ich überhaupt schon etwas gegessen heute?
Ich baue die Campingküche im Gras auf und decke das Geschirr auf meinem Tankrucksack mit einem Tempo Taschentuch als Tischdecke. Sowie das Entrecote im heißen Fett brutzelt, mache ich mich daran, die Zwiebeln und Champingnons zu schneiden.
Die Champignons duften so intensiv nach Wald, dass ich die ersten Beiden roh esse, bevor ich die Geduld aufbringe, welche in die Pfanne zu schneiden. Gewaschen habe ich die Pilze nicht extra, aber die paar Krümel Waldboden sind vermutlich sogar noch gesund.
Meine Güte, welch ein schönes Essen. Ich sitze allein vor meinem Zelt, den Tisch zwischen den Knien, darauf ein fettes Entrecote, ein Becher voll Bier und in der Pfanne braten bereits die Schweinerippen, während ich ab und zu von den Pilzen nasche. Viel besser kann so ein Abend nicht sein, oder?!
Später liegen Pieps und ich im offenen Zelt und bewundern den Sonnenuntergang über dem Kaschubischen Meer. Außer dem Wind in den Bäumen und ab und zu einem Vogel ist kein Geräusch zu hören.
zum nächsten Tag...
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Das war wirklich ein klasse Tag. Soviele neue Eindrücke, so schöne Endurostrecken.