Frankreich 2019
Tag 1 Kiel - Hamburg-Altona
Tag 2 Lörrach - Camp Hautoreille
Tag 3 Langres - Parc du Morvan
Tag 4 Morvan - Auvergne
Tag 5 Parc Volcans d'Auvergne
Tag 6 Auvergne - Perigord
Tag 7 Jokertag in Beynac
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Auf dem TET

Eine Amsel schmettert ihr Lied in dem Baum über unserem Zelt. Sie trompetet mit solch fröhlicher Inbrunst, dass ich davon wach werde. Ich mag Amseln. Tolle Vögel. Jeder mag Amseln. Aber nicht um 6 Uhr morgens und nicht an meinem freien Tag.

Ich öffne das Zelt und werfe einen mürrischen Blick nach oben. Die Amsel stört das nicht. Sie schmettert fröhlich weiter, aber jetzt ist auch das egal. Ich bin wach. Pieps schläft weiter. Ich höre einen Lieferwagen. Das könnte der Bäcker sein, der das Brot liefert. Ich schnappe mir etwas Kleingeld und mache mich im Nachthemd auf den Weg zur Rezeption.

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Wenn es eine Sache gibt, die ich an Jokertagen wirklich, wirklich liebe, dann ist es das Frühstück. In Frankreich ist das Frühstück eine eher kleine Mahlzeit, ein petit Dejeuner eben. Meist gibt es nur einen Milchkaffee und ein Schokobrötchen, ein Croissant, oder ein Stück Baguette und Gelee.

Pieps und ich bohren den Klassiker etwas auf. Wir haben ein ganzes Baguette für uns allein, eine luftgetrocknete Salami mit Nüssen und in der Restaurantküche habe ich etwas Butter für uns geschnorrt: "Je voudrai petit de beurre, s'il vous plaît." Ich hätte gerne etwas Butter. Den Satz hab ich zuhause auswendig gelernt und zur Sicherheit auf ein Pappkärtchen geschrieben. Nur mit der Aussprache hapert es noch. Ich muss ihn dreimal aufsagen, bis ich einmal Butter kriege.

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Ich gieße etwas Wasser in den Islandbecher und stelle ihn auf den Kocher. Das Wasser wird schnell heiß. Kurz bevor es brodelt, drehe ich das Gas ab und kippe ein Tütchen Espresso­pulver hinein.

Während die Tasse auf Handtemperatur abkühlt, schneide ich etwas von der Salami auf. Das Brot brechen wir mit der Hand, so macht man das in Frankreich und die Ameisen freuen sich über die Krümel im Zelt.

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Ich sitze im Nachtzeug im offenen Zelt, esse Baguette und schlürfe heißen Kaffee. Das Thermometer zeigt schon 25 °C. Wir sind völlig für uns, Pieps, ich und das Baguette. Auf diesem Teil des Camps ist niemand außer uns. Und der blöden Amsel.

Heute will ich ein Stück endurowandern. Der Transeurotrail führt mitten durch die Auvergne und führt nicht weit entfernt am Camp vorbei.

Der Transeurotrail, kurz TET, beschreibt 51.000 km legaler Offroad Strecken kreuz und quer durch Europa, die von Enthusiasten ehrenamtlich ausge­arbeitet wurden. Die Tracks kann man kostenfrei herunterladen. Allein durch Frankreich sind es 3.365 km überwiegend offroad mit kurzen Verbindungsetappen auf Asphalt.

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Für den Einstieg fahre ich nach Vernines. Der Track verläuft mitten durch das kleine Kuhdorf. Eine Bauersfrau füllt Eimer, die auf einer Schubkarre stehen mit Wasser. Sie sieht mir hinterher, als ich vorbeituckere.

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Von vorne staubt ein riesiger Fendt Traktor mit Güllefass den Weg hoch. Ich verkrümele mich in eine Hofeinfahrt und mache respektvoll Platz. Mit dem will man sich nicht anlegen. Der stinkt.

Ein paar hundert Meter weiter kreuzt der TET die Straße. Die Einfahrt liegt so versteckt, dass ich erst einmal daran vorbeifahre. Kein Verbotsschild. Klasse. Das macht den TET aus.

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Der Trail führt hinauf in die Hügel. Das GPS zeigt knapp über 1.000 m Höhe an. Am Wegrand blüht Ginster. Die Strecke ist nicht anspruchsvoll zu fahren. Ein Feld­weg, mal Erde, mal Schotter, dann ein Grasweg und ein paar Schlag­löcher. Diesen Abschnitt kann man auch mit einer Reiseenduro und sogar mit Sozius und Gepäck fahren.

Trotzdem fahre ich langsam und vorsichtig, damit das mit den fehlenden Verbotsschildern auch in Zukunt so bleibt.

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Der Trail führt über eine Verbindungsetappe auf Asphalt. Durch ein Heck­loch entdecke ich ein verwunschenes Dorf mit einer mächtigen Kirche. Auf dem Ortsschild steht Orcival.

Langsam fahre ich die Dorfstraße entlang zum Marktplatz. Ein Gruppe Biker kommt zu Fuß aus der Kirche und sattelt auf. Eine geführte Tour. Der Guide wartet geduldig auf seiner BMW GS bis der letzte startbereit ist.

Ich grüße lässig und halte vor dem L'Ajasserie d'Orcival, einem Hotel, Café, Souvenirladen und Delikatessengeschäft. Unter einer Markise stehen Tische Stühle. Mir ist nach einer Pause. Schon jetzt, am Vormittag, sind es 30 °C und mir ist warm vom Endurowandern auf dem TET.

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Nach dem grellen Sonnenlicht ist es im Laden so dunkel, dass ich mich erstmal umschauen muss. An der Kasse steht ein älterer Herr und lächelt mich an: "Bonjour Madame". Ich grüße elegant zurück und schlendere weiter in die Delikatessenabteilung. Es gibt Konserven mit Gerichten aus der Gegend und einen Tresen mit Käse und Wurst. Kein Käse gleicht dem anderen und jede Wurst ist auf ihre Weise knorrig und verwachsen.

Die ältere Dame hinterm Tresen blitzt mich aus wachen Augen freundlich an. Ich versuche auf französisch nach Entensalami zu fragen, aber auf halbem Weg versickert mein Französisch in ratlosem Stammeln. "Wir können auch gerne deutsch sprechen", strahlt die Frau mich an.

Ich erfahre, dass sie mit ihrem Mann vor Jahrzehnten aus dem Elsass nach Orcival gezogen ist und es manchmal vermisst, ihre Muttersprache zu sprechen. Sie erzählt mir von der Auvergne. Hier, so sagt sie, ist von Übertourismus nichts zu merken. Noch nicht einmal von Tourismus. Die Auvergne liegt außerhalb der großen Reiseströme. Clermont-Ferrand und der Puy de Dôme mit seiner Zahnradbahn sind die Anlaufpunkte der klimatisierten Reisebusse. Ansonsten meiden sie die dünn besiedelte Auvergne. Hier ist sonst nicht viel. Mit einer Ausnahme und die heißt ausgerechnet Orcival.

"Hier kommen Touristen her?", frage ich zweifelnd und blicke hinaus auf den verlassenen Marktplatz.

"Aber ja. Unsere Basilika ist weltberühmt und an Himmelfahrt und Karfreitag gibt es Prozessionszüge. Dann kommen Gläubige aus ganz Europa. Die Leute wollen die Prozession mit der Jungfrau und dem Christus­kind ansehen. Das sind berühmte Reliquien, die sonst drüben in der Kirche hängen. Die Basilika sollten Sie sich unbedingt noch ansehen. Aber sonst ist hier nicht viel los. Nicht einmal in der Hochsaison."

Die Auvergne war schon vorher meine Lieblingsgegend in Frankreich, aber eben ist sie in meiner Gunst noch einmal zwei Klicks hochgerutscht. Einen weiteren, als ich die Auswahl an Käse und Wurst aus der Gegend ansehe. Ich kaufe einen Ziegenkäse, der in schwarze Asche gehüllt ist, und eine Wurst so knorrig, dass man an ihrem Verzehr zweifeln kann. Sie schlägt beides in dickes Papier und überreicht mir das Paket feierlich.

Bevor ich gehe, bestelle ich einen Milchkaffee und ein Croissant. Leider gibt es keine Croissants. Der Bäcker im Dorf ist krank und der Laden geschlossen. Für die Hotelgäste holt ihr Mann jeden Morgen frisches Brot aus Rochefort-Montagne, aber weil sie nicht wussten, dass ich heute komme und weil die Hotelgäste alles aufgegessen haben, müssen Pieps und ich uns mit selbstgebackenen Keksen begnügen.

Die Frau ist so herzlich, dass wir uns zum Abschied drücken. Welch liebe Menschen, die hier in der Abgeschiedenheit der Auvergne ihren Laden aufgemacht haben. Beim nächsten Mal ist der Bäcker vielleicht wieder gesund. Auf jeden Fall möchte ich wieder herkommen.

"Und vergessen Sie nicht, die Basilika anzusehen. Sie dürfen ruhig hineingehen, die Tür ist offen."
"Danke für den Tipp. Die guck ich mir jetzt an. Auf Wiedersehen."

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Die Basilika Notre-Dame d'Orcival ist komplett aus Andesit gemauert, ein hellgrauer Vulkanstein aus der Gegend. Selbst nach fast tausend Jahren sehen die Wände aus, als wären sie erst letzten Donnerstag fertig geworden. Die Brücke über den Nord-Ostsee-Kanal bei Rendsburg ist 50 Jahren nach ihrer Eröffnung schon wieder erledigt.

An der Außenmauer hängen Gefangenenketten, Arm- und Fußeisen, die Gefangene als Zeichen der Dankbarkeit für ihre Befreiung niedergelegt haben.

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Auf dem Rückweg ins Camp fahre ich zum Einkaufen über Mont-Dore, aber selbst der größte Laden im Ort hat noch bis 15:30 Mittagspause. Supermärkte sind hier dünn gesäht, aber ich weiß, dass der SPAR-Markt in Murol schon um zwei öffnet. Da hab ich nämlich schon mal eine halbe Stunde vor der Tür gesessen und darauf gewartet, dass er endlich aus dem Mittagsschlaf erwacht.

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Unterwegs halte ich bei der Aussichtsplattform, die einen tollen Blick über den Parc Volcans d'Auvergne bietet. Das Fotomotiv der Felsformationen Tuiliére und Sanadoire darf in keinem Bericht über die Auvergne fehlen. Die hab ich schon zweimal fotografiert, aber ich kann nicht widerstehen und drücke erneut ab. Es ist einfach zu schön.

Ich packe die Kamera weg und fahre weiter nach Murol. Es ist kurz vor zwei und ich setze mich noch für 10 min. auf die Bank vorm Eingang bis der Laden öffnet. Die Auswahl ist nicht berauschend, es ist ein kleiner Supermarkt, aber sie haben Bratwürste. Englische Wurst ist ungenießbar, ich habs probiert, viel Getreide, wenig Fleisch. Deutsche Bratwurst ist in Ordnung, auch wenn es die immer gleiche Thüringer ist, aber die hohe Schule der Bratwurstkunst liegt in Frankreich: Saucisses a la Provence. Bessere hab ich nie gegessen.

Als ich kurz darauf in Camp Serrette den Motor abstelle, steht unser Zelt im Schatten. Es sind 26 °C, vier weniger als im Tal. Ich ziehe die Moto­sachen aus und ein Sommerkleid an, das ich für diese Reise gekauft habe. Mit Handtuch und einer Haarkur für 99 Cent gehe ich zum Waschhaus.

Nach einer Viertelstunde schlendere ich mit nassen Haaren zurück zum Zelt. Ich lasse mir Zeit und drehe eine Platzrunde über Camp Serrette. Wir haben den Platz noch immer fast für uns allein. Ich spüre den Wind an den Beinen und die feuchten Haare im Nacken.

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Ich kann nicht glauben, wie jung ich mich manchmal noch fühle. Es kommt mir vor wie gestern, als ich mit meiner Freundin Nicole hinten drauf zum ersten Mal mit Enduro, Zelt und Schlafsack nach Frankreich gefahren bin. Dabei war das 1983. Ich war 21, Nicole 17, ein riesiges Baumwollzelt und zwei ALDI-Schlafsäcke hinten auf unserer Suzuki DR500s.

Ich bin mir treu geblieben. Meine Reisen heute unterscheiden sich kaum von den früher. Eine bessere Ausrüstung, ein paar PS weniger, einige Falten mehr und Entrecôte statt Dosenravioli. Ich bin ein One-Trick-Pony, ich kann nur das.

Dazu passt ein Song meines Lieblingssängers Paul Simon.



"Komm Pieps. Ich mach die Pfanne klar. Es gibt Bratwurst und Baguette. Du kannst schon mal den Tisch decken."

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Das war heute einer der wunderbarsten Ferientage mit Zelt und Motorrad, an die ich mich aus all den Jahren erinnern kann. Ich bin nicht wehmütig, es soll bloß immer so weitergehen: Immer frei, immer jung. Nie erwachsen werden. Irgendwann, aber nicht heute!

Später im Schlafsack sehe ich mir auf dem winzigen Display der DJI Osmo Pocket die Aufnahmen an, die wir heute gefilmt haben. Zuhause werde ich einen kleinen Videoclip daraus zusammenschneiden:



Momentan bin ich mit Zelt und Motorad unterwegs in Schweden. Wenn ich zurück bin, erzähle ich die Frankreichgeschichte weiter, denn am nächsten Tag...
Aber das können wir ja noch gar nicht wissen. Bis bald...


zum nächsten Tag...

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Svenja Svendura EndurowandernMade by Svenja Svendura on Apple iMac with Panic Coda and Photoshop Elements.