Frankreich 2019 Tag 1 Kiel - Hamburg-Altona Tag 2 Lörrach - Camp Hautoreille Tag 3 Langres - Parc du Morvan Tag 4 Morvan - Auvergne Tag 5 Parc Volcans d'Auvergne Tag 6 Auvergne - Perigord Tag 7 Jokertag in Beynac Tag 8 Sarlat-la-Canéda Tag 9 Souillac, Okzitanien Tag 10 Le Rouget - Villefort Tag 11 Thines Tag 12 Villefort - Orgon, Provence Tag 13 Carrières de Lumières Tag 14 Gorges Verdon und Daluis Tag 15 Nizza - Menton - St. Martin Tag 16 Col de la Bonette - d’Izoard Tag 17 Col du Galibier - de l’Isèran Tag 18/19 Am Genfersee Tag 20 In der Schweiz Tag 21 Heimreise und Fazit
Der erste Ferientag
"Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Kinder. Trotz einstündiger Verspätung gestern kommen wir heute früher an. Bitte ziehen Sie die Vorhänge auf als Zeichen, dass Sie wach und bereit sind, das Frühstück zu empfangen." Mit einem Knacken im Lautsprecher ist die Stimme verschwunden. Ich war nie bereiter, ein Frühstück zu empfangen. Besonders nicht den Kaffee.
Ich liebe Lautsprecherdurchsagen. Sie strahlen diese ganz besondere Wichtigkeit aus. Wie auf dem Schiff nach Island: "Ladies and Gentlemen. This is your Captain speaking...", oder in Altona: "Auf Gleis sechs hat Einfahrt der ICE aus Basel", oder aus den Lautsprechern eines WaWe 10000, kurz bevor die Action beginnt.
Es herrscht Kaiserwetter, als unser Autozug in Lörrach einläuft. Schon jetzt am Morgen sind es über zwanzig Grad. Ich schnappe meine Sachen und gehe von Bord. Bis sie die Waggons mit den Motorrädern bereitstellen, wird mindestens eine halbe Stunde vergehen. Zeit genug, einen alten Bekannten zu besuchen.
Ich nehme Pieps an die Hand und wir gehen hinüber zum Imbiss. "Ach, die Polizistin aus Kiel", werde ich vom Chef mit freundlichem Grinsen begrüßt. "Der Banker, der lieber Koch sein wollte", gebe ich zurück.
Thomas ist aus dem Bankenwahnsinn ausgestiegen und hat sich mit dem Imbisswagen einen Lebenstraum erfüllt. Allerdings nicht mit irgendeiner Frittenbude am Bahnhof, sondern mit einem original handgekochten Feinschmeckerimbiss, der in Lörrach längst kein Geheimtipp mehr ist. Ganz nebenbei gibt es hier außerdem die besten Frikadellen, ever. Da sind Pieps und ich uns einig.
Im strahlenden Sonnenschein stehen wir bei Croissants und Kaffee am Güterbahnhof und genießen unseren ersten Ferientag. Im Kopf gehe ich noch einmal den Plan der Reise durch: Zuerst fahren wir in die Auvergne, verbringen dort zwei Nächte und fahren weiter ins Périgord, wo unser Kollege Bruno Courrèges, Chef de police zu Hause ist.
Wir zelten ein paar Tage an der Dordogne, sehen uns die schöne Gegend an, und düsen dann weiter in die Provence. Den Rückweg nach Norden klettern wir über die berühmte Route des Grandes Alpes, die seit Jahren auf meiner Reisewunschliste steht. Bis dahin aber sind es noch drei Wochen hin. Jetzt fahren wir erst einmal nach Frankreich hinein.
Die deutsch-französische Grenze auf der Rheinbrücke nach Saint-Louis bietet den immerselben tristen Anblick aus Beton und Industrie, aber bei diesem Wetter sieht selbst das beinahe hübsch aus.
Auf der anderen Seite der Brücke sind wir schon in Frankreich und da gibt es etwas Neues: Die Franzosen haben die Höchstgeschwindigkeit auf Landstraßen seit Juli 2018 auf 80 km/h gesenkt. Vorher waren es 90. Die Bevölkerung läuft Sturm dagegen und das Tempolimit gilt sogar als einer der Auslöser der Gelbwesten-Bewegung.
Der vermutlich einzige Mensch, der das Tempolimit gut findet, bin ich. Das Cruisen auf den ruhigen Departement-Straßen mit ihren charakteristischen gelbweißen Kilometersteinen wird dadurch noch angenehmer. Das behalte ich aber schön für mich und werde es im Reisebericht nicht erwähnen, weil ich schon ahne, wie die Reaktion darauf wäre.
In Belfort halte ich bei Intermarché. Schon zu Hause in Kiel gehe ich gerne Lebensmittel einkaufen, aber im Urlaub ist das einer der Höhepunkte jedes Reisetages. Eine Geschichte aus Frankreich ist auch immer eine Geschichte vom Essen.
Ich genieße jeden Augenblick, wenn ich mit dem Korb in der Hand die Gänge voller Köstlichkeiten entlangschlendere und dann am Fleischtresen mit dem Boucher über das beste Stück Entrecôte verhandele.
Von dort weiter zur Käsetheke, wo ich einen kleinen Ziegenkäse aussuche und schließlich weiter zur Weinabteilung, wo ich in in meditativer Versenkung vor dem Regal stehe und ratlos auf die Etiketten starre.
Die Reihenfolge ist immer dieselbe: Fleisch, Käse, Wein, Schokolade. Nur heute kommt Gemüse dazu. Ich brauche eine frische Knoblauchzwiebel. Der Einkauf von Lebensmitteln ist in Frankreich eine ernstzunehmende Angelegenheit. Nichts, das man nebenbei erledigt, oder bei ALDI, sondern eine Frage gewissenhafter Auswahl. Es wird verglichen, geprüft, befühlt und gedrückt bis letztlich das Beste feststeht. Für Pieps und mich, die wir Lebensmittel lieben, ist Frankreich der Vorhof zum Paradies.
Der Intermarche ist klimatisiert und draußen auf dem Parkplatz schlägt uns eine trockene, staubige Wärme entgegen. Es sind fast 30 ˚C. Den Einkauf verstaue ich im Tankrucksack und klemme die Weinflasche hinten unter die Gepäckgummis.
Diese trockene Wärme ist es, wonach ich gesucht habe. Sie geht durch und durch. Nach unserem Abenteuer auf Island wollten Pieps und ich einmal richtige Sommerferien erleben.
Kilometer um Kilometer ziehe ich meine Bahn über die menschenleeren Departement-Straßen und halte die Honda im sechsten Gang knapp unter 90 km/h. Nach Belfort kommen wir durch keine einzige nennenswerte Ortschaft mehr. Ich träume in der Mittagshitze vor mich hin und entdecke das Hinweisschild zum Campingplatz eine Sekunde zu spät.
Anstatt einer brutalen Vollbremsung mit Bremsdrift in den Schotterweg inklusive Sturzgefahr, entscheide ich mich für Gas weg, runterschalten, wenden und zurückfahren. Es lohnt sich nicht, einen Stunt zu versuchen, wenn sowieso keiner guckt. Dann darf man auch mal feige sein.
Es ist unser zweiter Besuch auf Camping Hautoreille, für mich eines der hübschesten Camps überhaupt. Der Zeltplatz ist angelegt wie ein Park und es gibt ein wundervolles Restaurant, das nicht nur ich in bester Erinnerung habe. Pieps schwärmt noch heute von der "Keeseplatte".
Ich checke rasch ein, starte den Motor, und tuckere zielsicher hinüber zu "unserem" Platz. Für diese Ferienreise habe ich unser schönes Sommerzelt eingepackt, das Salewa Denali III. Es ist geräumiger und luftiger als unser Sturmzelt, das ich für Island gekauft habe.
Wie zu Beginn jeder Saison, wenn ich das Zelt zum ersten Mal wieder aufstelle, bin ich so ungeschickt, als hätte ich noch nie im Leben ein Zelt aufgebaut. Manchmal muss ich mich über mich selbst wundern, aber dann kommt die Erinnerung und alles ist wie immer.
Zur Sicherheit, falls das Restaurant geschlossen hätte, habe ich für heute Abend sechs Saucisses aux herbes de Provence gekauft, Bratwürste mit Kräutern der Provence. Auch wenn ich kein Französisch spreche: Die wirklich wichtigen Dinge hab ich drauf.
Wir verdrücken die Bratwürste und legen uns danach im Schatten einer Platane ins Gras. Die Stunden auf dem Motorrad, die angenehme Wärme, der Schatten, das gute Essen. Im Nu sind wir beide fest eingeschlafen.
Es ist einer der Gründe, weshalb ich so kurze Tagesetappen plane: Ich will auch genug Zeit im Camp verbringen, will lesen, schlummern, spazieren, essen, fotografieren, die Kette der Enduro schmieren, all diese Dinge tun, die zum Campingleben dazugehören. Das wird mir nie langweilig. Wer bis Ultimo auf dem Motorrad sitzt, in der Dämmerung das Zelt aufschlägt und morgens früh weiterfährt, der lässt was aus, dem entgeht etwas.
Wie immer, wenn ich nachmittags geschlafen habe, bin ich nach dem Aufwachen zuerst etwas dizzy und brauche einen Moment, bis ich wieder voll an Deck bin. Die fettige Wurstpfanne sieht mich vorwurfsvoll an, aber die Ameisen, die emsig darin umherstiefeln, wirken ganz zufrieden.
Inzwischen hat das Restaurant geöffnet. Im Licht der tiefstehenden Sonne setze ich mich an einen Tisch. Die kleine Speisekarte kenne ich beinahe auswendig, aber ich vertiefe mich trotzdem noch einmal darin. Ich möchte zu gerne einmal Bœuf Bourguignon probieren.
Das Bœuf ist durch die dunkle, beinahe schwarze Rotweinsauce nicht sehr ansehnlich, aber schmecken tut es dafür ausgezeichnet. Dagegen ist der Salatteller, den ich für Pieps und mich zusammengestellt habe, geradezu ein Fotomodell.
Das nächste Drama erwartet uns beim Studium der Eiskarte: Köösch ist aus. Bevor eine gewisse Maus vollends die Fassung verliert, bestelle ich rasch Schokolade und Minzeis. Ich stehe nicht sonderlich auf Speiseeis, aber das Pfefferminzeis ist wirklich klasse.
Während sich Pieps selig über ihren Eisbecher hermacht, trinke ich einen Espresso und schreibe in unser Reisetagebuch. Welch ein wunderbarer erster Ferientag das ist. Das herrliche Wetter, der schöne Zeltplatz, die ruhige Atmosphäre auf der Terrasse des Restaurants, es ist der perfekte erste Reisetag in Frankreich.
Ich klopfe mir die Krümel von der Hose, bezahle die Rechnung und schlendere satt und zufrieden zurück zum Zelt.
Als ich den Reißverschluss aufziehe, ist es wie nach Hause zu kommen. Alles ist so, wie es immer ist, ob am Nordkap, in Italien, oder in Frankreich. Der Daunenschlafsack liegt fluffig auf der Isomatte und obendrauf die beiden pinken Snoopy-Nachthemden.
Ich schnappe mir die Zahnbürsten und das Handtuch und mache mich mit Pieps auf den Weg ins Waschhaus. Morgen fahren wir weiter bis in den Parc Régional du Morvan, unsere Zwischenstation auf dem Weg in die Auvergne.