Reise nach Island
Tag 1: Kiel - Silkeborg
Tag 2: Silkeborg - Hirtshals
Tag 3: Hirtshals - Norröna
Tag 4: Shetlands - Färöer
Tag 5: Seyðisfjörður - Möðrudalur
Tag 6: Vormittag: Zur Askja
Tag 6: Nachmittag: Zur Herdubreid
Tag 7: F88 - Dettifoss - Ásbyrgi
Tag 8: Ásbyrgi - Myvatn
Tag 9: F26 - Sprengisandur
Tag 10: F821 - Akureyri - Blönduos
Tag 11: 35 Kjölur - Kerlingarfjöll
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Sprengisandur

Wenn ich gefragt werde, weshalb ich überhaupt nach Island gefahren bin und was das eigentliche Ziel der Reise ist, dann lautet die Antwort mit einem Wort: Sprengisandur. Ich will die größte Wüste Europas durchqueren. Menschen setzen sich die unsinnigsten Ziele und meines heißt Sprengi.

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Sprengisandur wird auf unterschiedliche Weisen beschrieben, definiert und benannt, aber für mich geht es allein um die 243 km lange Hoch­landpiste F26. Das nämlich ist die Entfernung zwischen den beiden Tankstellen, der am Godafoss im Norden und der Tanksäule am Hotel Hrauneyja im Süden.

Die Strecke ist zu lang und zu anstrengend, um sie an einem Tag im Parforceritt abzureiten. Deshalb werde ich auf der Hälfte einmal Station machen. Mitten im Nirgendwo liegt die Hütte Nýidalur. Dort gibt es eine Rangerstation und genügend Gras, um ein Zelt darauf zu stellen.

Es gibt aber eine Schwierigkeit: Nýidalur liegt zwischen den drei tiefsten Furten auf der gesamten Strecke. Die siebzehn übrigen Bäche, die quer über die Piste fließen, nicht eingerechnet.

Das Motorrad steht reisefertig auf der Wiese. Ich fange Pieps ein und gehe mit ihr hinüber ins Guesthouse. Der Wirt erwartet uns an der Haustür. Er zeigt uns die Küche, wo ein einfaches Buffet aufgebaut ist: Brot, Butter, Marmelade, Nutella, Erdnussbutter, Wurst, Käse, Frühstücks­flocken und Obst. Gegessen wird nebenan im Wohnzimmer. Ein warmer Raum mit zwei derben Holztischen, einer Couch und vielen Büchern.

Ich nehme mir Kaffee mit zwei Scheiben Toast und setze mich. Die Heizung knistert, ein junges Paar unter­hält sich im Flüsterton. Ein ruhiger, harmonischer Morgen. Bis, ja bis zu dem Moment, als eine gewisse Maus hereinstürmt und mit vorwurfsvoller Stimme kräht: "Nur ham die einklich in echt schon keine Äädnussbotter mehr?"

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Der Wirt verschwindet eiligst in der Küche und auch ohne seine säuerliche Miene zu sehen, ahne ich, was passiert ist. Bloß ein brauner Schmierfleck erinnert noch an ein eben neu geöffnetes Glas Barney's Best Crunchy Peanut Butter.

Unter blumenreichen Entschuldigungen verabschiede ich mich und ziehe die Gummistiefel an. So starten wir drei Scheiben Toast eher, als gedacht in den Tag. Wir rumpeln über den Feldweg zurück nach Laugar und biegen im Dorf wieder auf die Ringstraße ein.

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Nach 15 km taucht Godafoss auf, der Götterwasserfall. Einer der großen in Island. Seine Gischtwolke ist schon einen Kilometer vorher zu sehen.

Hier am Besucherzentrum Fossholl gibt es das letzte Benzin vor Sprengi, eine einzelne freistehende Zapfsäule mit Diesel und Superbenzin. Im Grunde bin ich deshalb hier und nicht wegen des Wasserfalls.

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Für die nächsten beiden Tage brauche ich jeden Tropfen Benzin, der in den Tank der Rally passt. Ich lasse so lange laufen, bis nichts mehr hinein passt und die Zapfpistole klackernd abschaltet.

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Ich möchte am liebsten gleich starten, aber ich will mir noch kurz den Godafoss ansehen. Ich ziehe den Helm nur lose über und tuckere rüber zum Besucherparkplatz am Wasserfall.

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Es ist windig und kühl und dunkle Wolken versprechen baldigen Regen. Mit der Kamera in der Hand schlendere ich zur Aussichtsplattform. Auf den Felsen hoch überm Fluss stehen Leute an der Kante und fotografieren.

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Es ist niemand da, der sie daran hindern würde. Das wäre nicht The icelandic Way. Die werden erst sauer die Isländer, wenn man im Hochland quer durch die Pampa heizt, oder in einen der mächtigen Wasserfälle jumpt. Dann müssen sie einen nämlich tagelang suchen, bloß um irgendwo die Reste rauszufischen. Das jedoch tun sie mit Hingabe. Das Rettungs­wesen auf Island ist perfekt ausgerüstet und durchorganisiert. Es gibt sogar eine eigene App dafür.



Es beginnt zu regnen. Ich stecke die gute Kamera unter die Jacke und wandere zurück. Bevor ich nach Sprengi starte, ziehe ich mich komplett regen- und flusswasserdicht an, stecke die Hose in die Gummistiefel, ziehe die Regenhose drüber und dichte sie mit Klettbändern ab. Das Motorrad vollgetankt, die Kette gesprüht, Pieps im Tankrucksack, Svenja wasser­dicht ver­packt: Fertig für Sprengi.

Nach tausend Metern auf der Ringstraße geht es links zur F26. Die Zufahrt führt durch matschige Pfützen dicht am Fluss entlang. Ich halte die Honda im höchsten Gang bei 70. Das Benzin ist streng rationiert.

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Ich werfe einen Blick aufs Navi. Bis Nyidalur sind es noch 131 km. Der Höhenmesser zeigt 176 m. Wir sind in den Lowlands und gelegentlich liegt sogar noch ein vereinzelter Bauernhof am Weg.

Achtunddreißig Kilometer nachdem ich von der Ringstraße abgebogen bin, beginnt die F26. Es regnet und ständig ist Wasser auf der Linse, aber ich mache trotzdem ein paar Bilder, auch wenn sie aussehen, wie mit Weichzeichner gemacht.

Auf großen Tafeln stehen die wichtigsten Informationen und eine Karte verzeichnet Furten, Camps und Rangerstationen. Es wird noch einmal darauf hingewiesen, auf keinen Fall die markierte Piste zu verlassen und dass man ab hier nur mit Geländewagen weiterfahren darf. Eine Skizze zeigt, welcher Typ Allradler damit gemeint ist. Keine SUV, das sind Geländewagen in Strumpfhosen.

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Über Motorräder steht wie immer kein Wort. Wir tauchen nicht auf in der Wahrnehmung der Vegagerdin, der isländischen Straßenverwaltung. Das heißt aber auch: Keine Verbote, keine Einschränkungen. Solange wir strikt auf der markierten Piste bleiben, steht es uns frei, uns in jedem Sandloch und jeder Furt zu versenken, die uns attraktiv erscheint.

Mit gemischten Gefühlen steige ich aufs Motorrad und fahre los. Mir gibt der Gedanke Mut, dass ich jederzeit umkehren kann, falls es zu doll wird. Das Benzin wird selbst von der Furt vor Nyidalur noch zurück bis Godafoss reichen. Dann übernachte ich eben wieder im Camp Lifsmotun und Pieps massakriert ein weiteres Glas Barney's Best.

Der Weg geht fast sofort über in eine steinige Buckelpiste. Die Schlag­löcher sind bloß nervig, aber die scharfkantigen Lavabrocken, die aus dem Boden ragen sind gefährlich. Langsam und sorgfältig zirkele ich um jedes Hindernis herum. Trotzdem fühlt es sich an wie der Ritt auf einem Presslufthammer.

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Kurz darauf erreiche ich Aldeyjarfoss. Er ist weniger bekannt, als der mächtige Dettifoss und Godafoss, aber auf Bildern sah er so interessant aus, dass ich ihn anschauen möchte. Ich lasse das Motorrad stehen und wandere auf einem abenteuerlichen Trampelpfad hinunter zum Fluss.

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Durch eine Rinne stürzt der Fluss schäumend in ein Becken. Den Rand des tosenden Kessels bilden dunkle Basaltsäulen, wie sie auch am Giant's Causeway in Irland stehen, den ich um ein Haar mal besichtigt hätte.

Der Aldeyarfoss ist zusammen mit Dettifoss der bisher beeindruckendste Wasserfall, den ich gesehen habe. Eine Szenerie, wie aus einem Urzeitfilm und das garstige Wetter verstärkt die Stimmung noch.

Nach Aldeyarfoss steigt die Piste an. In einer Höhe von 500 Metern fahre ich in eine Nebelwand und als ich bei 700 Metern wieder an die klare Luft komme, liegt die Hochebene Sprengisandur vor mir, eine graue Wüste aus Asche und erodierter Lava.

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Höhen haben hier eine völlig andere Bedeutung als in Südeuropa. Ein Schweizer würde bei 700 Metern kaum von Höhe sprechen, aber hier in Island liegt die Baumgrenze schon bei 200 bis 300 Metern.

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Die Piste ist nicht schwierig zu fahren. Von Zeit zu Zeit gibt es kurze Aschefelder und manchmal wird es etwas rumpelig, aber nichts, was Angst machen könnte. Immer wieder fließen kleine Bäche über den Weg, aber keiner ist so tief, dass man ihn zu Fuß scouten, oder das Gepäck rüber tragen müsste. Ich fahre im 2. Gang auf der Krisselkante einfach durch.

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Von Zeit zu Zeit begegnet mir eine kleine Expedition aus Landrovern und Unimogs. Die großen Mercedes 4x4 stehen im Hochland an der Spitze der Nahrungskette, auf einer Stufe mit den Superjeeps. Ich bin mit der Honda am unteren Ende. Nach uns kommen bloß noch die Kia Picanto, die als Mietwagen ohnehin nicht ins Hochland dürfen. Nicht, dass das irgend jemanden abhalten würde.

Es ist gar nicht so selten, dass ein zerfetzter Reifen am Rand der Piste liegt. Manche der Lavabrocken sind wahre Reifenkiller und die Gelände­wagen fahren alle schneller als ich. Zweimal lasse ich eine Gruppe vorbei. Sie bedanken sich mit einem Hupen und heizen in einer Staubwolke davon. Mit den Zweispurfahrzeugen werden sie es bei dem Tempo schwer haben, sämtlichen Hindernissen auszuweichen, aber jeder ist hier seines eigenen Glückes Schmied.

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An einer besonders garstigen Steigung mit groben Felsbrocken steht ein nobler Range Rover und wechselt gerade einen Reifen. Der Range wiegt leer schon fette 2,5 Tonnen. Die Reifen lieben es nicht, unter diesem Gewicht auf eine scharfe Lavakante gepresst zu werden.

Die meiste Zeit fahre ich nicht schneller als 40 km/h. Das 'Sandur' in Sprengisandur klingt nach Sand und das bedeutet es wohl auch, denn von Zeit zu Zeit gibt es kurze Sandfelder, die mit Power gut zu bewältigen sind. Noch bevor es richtig brenzlig wird, sind sie schon vorbei. Kein Vergleich zu den Deep Sand Fields auf der F910 zur Askja.

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Inzwischen hat sich das Wetter geändert und ich fahre im strahlenden Sonnenschein über die einsame Hochebene. In der Ferne liegt der Vatnajökull, der acht Prozent der Landmasse Islands bedeckt, aber aus dieser Entfernung wirkt er bloß wie ein gut gebauter Rodelberg.

Von Zeit zu Zeit greife ich hinter mich und taste das Gepäck ab. Alles noch da? Nein. Die Wasserflasche fehlt: "Mann über Bord!"

Ich drehe um, wobei ich sorgsam darauf achte, den Rand der Piste nicht zu verletzen, und heize zurück. Nach zwei Kilometern liegt die Flasche harmlos im Sand und tut so, als sei nichts gewesen.

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Nie zuvor hat mich eine Landschaft so begeistert, wie das isländische Hochland und die Wüste Sprengisandur ist die Königin der Einsamkeit, der Kargheit und der Schönheit Islands, auch wenn ich noch gar nicht alles gesehen habe, um das mit Gewissheit sagen zu dürfen.

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Jetzt sind es bloß noch wenige Kilometer bis nach Nyidalur. Da werde ich mein Zelt aufschlagen und Feierabend machen für heute. Dann habe ich Sprengi zur Hälfte geschafft. Das Dumme ist nur, dass vorher noch zwei Flüsse zu überqueren sind, der dritte morgen.

Von vorne kommt ein Superjeep, ein Toyota Landcruiser auf Kortison, mit mächtigen Reifen. Wenn der die Furt geschafft hat ... dann sagt das noch gar nichts. Lieber wäre mir ein Suzuki Jimny mit kaum feuchten Reifen.

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Ich fahre über eine Kuppe und als sich der Blick ins Tal öffnet, liegt vor mir die Hagakvislar. Erstaunlich, dass der Fluss überhaupt einen Namen trägt, denn es ist bloß das Schmelzwasser, das aus dem Tungnafellsjökull rinnt, einem der kleineren Gletscher Islands. Wieviel Wasser kann das sein? Wenn ich meinen Kühlschrank abtaue, reicht die blaue Plastikschüssel und es dauert eine Ewigkeit, bis die überhaupt vollgetropft ist.

Schon aus der Ferne sehe ich Autos am Ufer stehen, einen Mazda CX3, einen BMW X1 und drüben einen kleineren SUV, den ich nicht erkennen kann. Selbst wenn es keine Miet­wagen wären, die hier nicht fahren dürfen, entspricht die Sprengisandur ganz sicher nicht dem Beuteschema solcher SUV in Strumpfhosen. Die haben hier alle Drei nichts zu suchen.

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Der Fahrer des BMW hat das vermutlich gerade selbst festgestellt. Der weiße X1 steht auf dem Spülsaum am Fluss, Motorhaube, Türen und Heckklappe weit geöffnet, die Fußmatten liegen draußen. Daneben im Kiesbett drei Rollkoffer. Eine Frau und zwei Teenager ziehen sich gerade trockene Sachen an.

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Was ist passiert? Kann ich helfen? Der Mann steht sichtlich unter Schock und ist kaum ansprechbar, aber seine Frau kommt auf mich zu und will erzählen: Das Auto hat sich im Fluss festgefahren und dann ist der Motor abgestorben. Sie ist ausgestiegen: "The river just washed me away. I couldn't stand up again until I crawled up the river bank down there", und zeigt auf eine Stelle ein Stück flussabwärts. Die Kinder haben sich auf ähnliche Weise ans Ufer gerettet. Herausgezogen wurde der BMW von dem Superjeep, der mir entgegengekommen ist.

Niemand ist verletzt, sie sind bloß nass und haben einen riesen Schrecken bekommen. Die Familie aus Holland hatte Glück. In derselben Situation wird fünf Wochen später eine junge Amerikanerin auf Hochzeits­reise ertrinken, nachdem ihr Mann den Wagen im Fluss versenkt.

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Manchmal denke ich, es ist das unglückliche Zusammentreffen sehr gut gemachter Werbung und schlecht informierter Menschen. In Werbespots sieht man Hipster und junge Paare, die in einem SUV der Großstadt entfliehen und einen Kilometer hinter Karstadt die unglaublichsten Offroad Abenteuer erleben. Es wird gelacht und wir, die Frauen, sitzen auf dem Beifahrersitz, wo wir nach Meinung der Werbeindustrie wohl hingehören, und himmeln den Helden am Lenkrad selig lächelnd an.

Dabei stelle ich mir ernsthaft die Frage, ob eine Mutter auf die Idee käme, ein Auto in diesen reißenden Fluss zu steuern und Mann und Kinder in solche Gefahr zu bringen: "Ach was, Liebling. Das schaffen wir. Kein Problem. Pass mal gut auf, du kleiner Angsthase!"

Den anderen Mietwagen, einen Mazda CX3, hat inzwischen jeder Mut verlassen. Er dreht um und macht sich aus dem Staub. Eine clevere Entscheidung, denn von der anderen Seite des Flusses nähert sich ein Toyota Hilux der Park Ranger. Der Pickup saugt die Luft über einen Schnorchel in Dachhöhe an und auch sonst wirkt er ziemlich fähig.

Ich selbst ziehe gerade die Klettbänder um die Watstiefel nach. Sicher, der Fluss ist reißend, aber seine einzelnen Arme sind eher schmal und ich muss mich bloß von Sandbank zu Sandbank retten. Mit genügend Power könnte ich es vielleicht schaffen.

In einem Anflug von Wahnsinn will ich gerade in den Fluss steigen, als der Toyota an die Wasserkante rollt und in den Fluss fährt. Die Vorderachse knallt sofort einen halben Meter runter. Die steile Kante habe ich unter dem dreckigen Wasser gar nicht gesehen. Mit Kraft quert der mächtige Pickup den reißenden Fluss und wie um mir jeden Mut zu nehmen, dreht er noch eine weitere Runde und zeigt, wie trügerisch das Flussbett ist.



Selbst auf den fetten Ballonreifen hat er Schwierigkeiten, sich gegen die reißende Strömung das steile Ufer hochzuwühlen. An einer Stelle beginne ich kurz zu zweifeln und glaube, das ich es vielleicht doch schaffen könnte, aber dann siegt die Vernunft: No Way! Nicht einmal zu Fuß wäre ich heil auf die andere Seite gekommen.

Inzwischen hat der Park Ranger den Hilux abgestellt. Es ist eine Rangerin! Eine toughe junge Frau mit raspelkurzen Haaren, stämmiger Figur und einer 'Leg-dich-nicht-mit-mir-an' Miene. Ihre ganze Körpersprache sagt, dass sie nicht in Partylaune ist.

Sie fragt, ob jemand verletzt sei, oder sonst Hilfe braucht, und kümmert sich danach um den BMW. Von der Ladefläche des Pickups holt sie eine Tasche mit Werkzeug. Nicht das glänzend polierte Zeug von Hazet und Gedore, das unbenutzt zuhause in meinem Werkzeugkasten schlummert, sondern richtiges Werkzeug, dem man ansieht, dass es in Gebrauch ist.

Sie öffnet den Luftfilterkasten und nimmt den Einsatz heraus. Ein Schwall Wasser ergießt sich daraus. Ich bewundere ihre Zurückhaltung, was Kommentare über unbedarfte Touristen angeht, die sie vermutlich jeden Tag aus dem Fluss ziehen muss. Ihre Miene aber spricht Bände.

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Da sei nichts zu machen. Der Motor sei vermutlich hinüber. Sie nimmt ihr Handy und macht zwei Anrufe. Durch den Funkmast in Nyidalur haben wir mitten in der Wüste 5-Balken Handyempfang. Sie verständigt die Leih­wagen­firma und ruft danach die Polizei an.

Der Holländer steht mit betretener Miene daneben. Er tut mir leid. Das ist kein übermütiger Rowdy, sondern einfach ein Familienvater, der seinen Leuten im Urlaub einmal etwas Besonderes bieten wollte und jetzt ist das so sehr schief gegangen.

Genau für diesen Fall, dass ich die Furt nicht schaffe, haben Claudia und ich einen perfekten Plan-B ausgearbeitet. Der gesamte Reiseverlauf ändert sich, wenn ich Island auf Sprengi nicht von Nord nach Süd durch­queren kann. Dabei war ich zuhause bis zuletzt der Ansicht: "Ach was, lass mal, das schaffe ich schon irgendwie", und habe den aufwendigen zweiten Plan nur Claudia zu Liebe gemacht, damit sie ruhig schlafen kann, aber sie hat solange auf mich eingeredet, bis wir uns die doppelte Arbeit gemacht haben und jetzt bin ich dankbar dafür.

Ich werde ein Stück zurückfahren und dann abbiegen nach Laugafell, einer weiteren Hütte im Hochland. Es gibt zwei Wege dorthin, einen direkten mit drei Furten und einen längeren ohne Furten. Ich frage die Rangerin nach dem direkten Weg und ob ich die Furten mit dem Motorrad schaffen kann. "I wouldn't recommend it. Take the northern Track", antwortet sie mit einem leicht ironischen Lächeln.

Es wird Zeit, dass ich starte, denn der Tag ist noch lange nicht zu Ende. Ich öffne das Garmin und tausche die MicroSD-Karte gegen die mit dem fetten B darauf.

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Als das Navi wieder hochgefahren ist, wähle ich '9b-Laugafell' aus, starte die Honda und heize auf der Piste zurück, auf der ich gekommen bin. Bis Laugafell sind es etwa zwei bis drei Stunden.

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Ich fahre schneller, als auf dem Hinweg und mache von kleineren Furten nur noch ein Video aus der Hand, weil ich nicht extra anhalten und das Stativ aufstellen will. Ich habe das unselige Gefühl, dass mir die Zeit davonrennt, obwohl das Quatsch ist.



Mit Bedauern fahre ich an der ersten Abfahrt nach Laugafell vorbei und düse auf der sandigen Piste weiter, bis ich den nördlichen Abzweiger auf die F881 erwische.

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Die F881 ist deutlich weniger befahren als Sprengi und sie ist auch rauher. Tatsächlich gibt es auf dem nördlichen Track keine Furten, aber ein paar kleine Bäche fließen trotzdem über den Weg, doch die halten uns heute nicht mehr auf.

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Die Bratwürste, die ich im Gepäck habe, brennen mir allmählich ein Loch in die Tasche und ich fahre ohne anzuhalten einfach durch. Die Landschaft entlang der F881 ist von derselben Schönheit und doch wieder anders als Sprengisandur. Wie in der Eintönigkeit solche Vielfalt liegen kann, ist mir unbegreiflich.

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Jedesmal, wenn ich über eine Kuppe fahre, rechne ich damit, auf der anderen Seite Laugafell vor mir zu sehen, aber dann geht es doch bloß wieder weiter bis zum nächsten Horizont.

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Der Eindruck, allein durch diese Mondlandschaft zu fahren, ist erstaunlich: Ich fühle mich stark, glücklich und zugleich verletzlich. Man darf nicht übermütig werden. 'From Hero to Zero' ist hier bloß ein Sandfeld, einen übersehenen Felsen, oder ein unterschätztes Bächlein weit entfernt.

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Als ich schon gar nicht mehr daran glaube, taucht Laugafell vor mir auf. Drei kleine Hütten und eine struppige Wiese in 770 Meter Höhe.

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Direkt vorher eine letzte Furt durch ein steiniges Bachbett, aber für sowas habe ich jetzt keine Zeit mehr. Ich fahre im ersten Gang in den Rasten stehend einfach durch. Nicht mal mehr die Zeit für ein Foto nehme ich mir. Inwischen bin ich seit acht Stunden im Sattel und habe 190 km Piste zurückgelegt. Für heute bin ich mit meiner Kraft am Ende.

Etwa ein Dutzend Geländewagen steht auf dem Platz vor der Rangerhütte. Einige haben ihr Dachzelt aufgestellt. Das pochende Rauschen einer Standheizung ist zu hören.

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Inzwischen zieht Wetter auf und ein schneidend kalter Wind fegt über die Hochebene. Es sieht nach Sturm aus. Der bärtige Ranger im Office spricht Deutsch und Englisch, die Sprache der Touristen und Saisonarbeiter auf Island. Isländisch ist deutlich seltener zu hören.

Ich zahle 2.000 Kronen für den Zeltplatz und beeile mich, das Lager aufzu­stellen. Inwischen hat der Wind zugelegt und sich zu einem handfesten Sturm ausgewachsen. Es ist ein Fehler, bei diesem Wetter das Zelt aufzu­bauen, aber ich habe solch einen Tunnelblick hin zu meinem Schlafsack, dass ich gar nicht auf die Idee komme, nach einem der zwanzig Schlaf­plätze im Matratzenlager zu fragen.

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Das Motorrad parke ich mit der Front gegen den Wind, lasse den Gang drin und fixiere den Handbremshebel mit einem Klettband. Hoffentlich kippt sie nicht um. Ich trage das Gepäck auf die Wiese und sichere jedes Teil, das ich auspacke sofort mit einem Stein. Zum Glück liegen genügend davon herum. Ich habe bloß noch den einen Gedanken: Ich muss dieses Zelt aufstellen.

Ich nagele das Zelt rundherum am Boden fest, setze sämtliche Sturm­leinen und sichere sie mit doppelten Heringen. Auf der Luvseite lege ich Felsbrocken auf die Unterkante, obwohl das gefährlich für den zarten Stoff ist, aber der Wind darf auf keinen Fall unters Zelt fassen.

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Endlich steht das Zelt, auch wenn es krumm und schief ist, aber besser bekomme ich es heute nicht hin. Ich werfe das Gepäck ins Zelt, klettere hinterher und mache den Reißverschluss hinter uns zu.

Pieps nimmt die Situation, wie Kinder sowas nehmen: Als aufregendes Abenteuer. Die Gefahr erkennt sie nicht, aber mir ist ziemlich mulmig, ob das Zelt diesem Sturm gewachsen ist. Andererseits hat das Exped Orion Extreme im Outdoor Test nur Bestnoten erhalten, ist absolut wasserdicht und gilt als perfektes Sturmzelt.

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Wir können es kaum erwarten, unser Abendessen zu braten. Ich heize die Pfanne an und und lege die Würste ins Fett. Dazu gibt es heute Butter­brote. Auf Island gibt es die immer selben fünf Sorten Bratwürste. Sie unter­scheiden sich nur leicht in der Farbe und schmecken allesamt ziemlich mies, aber heute sind sie eine Delikatesse und könnten sich mit den Besten messen. Selbst das billige Tütenbrot ist ein Genuss. Island macht demütig. Nicht nur was das Essen angeht.

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Später, als wir schon bettfertig sind, koche ich mir einen Espresso und schneide für Pieps und mich das letzte Marzipanbrot auf. Der Wind rüttelt am Zelt und manchmal habe ich Angst, dass wir gleich abheben, aber das tun wir nicht und der Kaffee und das Marzipan sind wie Balsam für die Seele, während ich im warmen Schlafsack liege und Tagebuch schreibe.





zum nächsten Tag...

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Mein Ziel, die größte Wüste Europas allein auf der Enduro zu durchqueren, habe ich leider verfehlt, gewogen und für zu leicht befunden. Trotzdem war es ein unvergessliches Abenteuer. Von 206 Kilometern bloß sechzehn auf der Straße. Asphalt ist auf Island ein seltener Vogel.



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Svenja Svendura EndurowandernMade by Svenja Svendura on Apple iMac with Panic Coda and Photoshop Elements.