Reise nach Island
Tag 1: Kiel - Silkeborg
Tag 2: Silkeborg - Hirtshals
Tag 3: Hirtshals - Norröna
Tag 4: Shetlands - Färöer
Tag 5: Seyðisfjörður - Möðrudalur
Tag 6: Vormittag: Zur Askja
Tag 6: Nachmittag: Zur Herdubreid
Platzhalter Motorradreise Island
Platzhalter Motorradtour Island
Platzhalter Islandreise
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Tag 6 - Zur Askja

Mitten in der Nacht. Stockfinster. Ich werde wach, weil eine gewisse Maus sich kräftig mit dem Hintern an mich kuschelt und dabei immer wieder wohlig seufzt. Ein erstaunlich breiter Hintern für eine Maus ihres Formats. Ich fahre hoch: Das ist nicht Pieps!

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Neben mir in der Apsis liegt eine Ziege, eine echte warme, weiche Ziege, komplett mit Hörnern und Hufen, die sich durch das Fliegengitter dicht an mich ankuschelt. Sie schrickt hoch, weil ich hochschrecke. Wir blicken uns an. Die Ziege sieht empört aus.

Nun gut, denke ich, lass sie. Es ist eine kalte Nacht, bloß knapp über Null, und das Biest ist halbwegs sauber und stinkt nicht. Vermutlich hatte sie denselben Gedanken. Wir legen uns wieder hin und schlafen weiter.

Gegen Morgen steht die Wärmeziege auf, ködelt verächtlich ins Vorzelt und verschwindet grußlos ins Hochland. Erst jetzt sehe ich, dass sie auf meinen mit Neopren gefütterten Gummi­stiefeln geschlafen hat. Isomatte Zicken-Style.

Der Himmel ist nahezu wolkenlos blau. Ein perfekter Tag für mein erstes Hochland­abenteuer. In diesem Licht wirkt alles gleich freundlicher. Ich baue das Zelt ab und verstaue das Gepäck doppelt sorgfältig, damit ich unterwegs keinen Ballast abwerfe.

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Erst als die Honda vollgetankt, mit gesprühter Kette und geprüftem Ölstand startbereit auf der Wiese steht, gehe ich ins Fjallakaffi zum Frühstück. Etwa 15 € wurden dafür aufgerufen und ich bin gespannt, was das in Island bedeutet. Champagner-Brunch oder Graubrot und Selters?

Das Frühstückszimmer ist sehr rustikal komplett aus Holz. Ich mag das. Hinter den dicken Torfwänden muss es hier im Winter urgemütlich sein. Sofern man die Anfahrt überlebt…

Auf dem Tresen an der Wand steht ein karges Buffet. Eine Sorte Käse, etwas Wurst, Marmelade, Cornflakes und ein Topf mit heißem Porridge. Pieps und ich sehen uns an.

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Es gibt Kaffee aus der Pumpkanne und unter einem Handtuch liegt ein frisch gebackenes Brot. Ich säbele ein paar Scheiben ab, aber es ist noch zu heiß, um es schon zu essen.

Wenn wir auf Dienstreise solch ein Frühstück vorgesetzt bekämen, würden wir dort nie wieder buchen und obendrein eine vernichtende Bewertung abgeben, aber hier ist es anders. Nachdem ich die erste Enttäuschung verwunden habe, bin ich auf einmal ganz zufrieden: Dieses Frühstück gehört hierher. Es passt. So, wie in der Wüste Wasser angemessener erscheint, als ein Cosmopolitan.

In der Zwischenzeit hat Pieps ein Glas mit Erdnuss­butter entdeckt. Die lieben wir beide sehr, obwohl man sein Herz ja angeblich nicht an Brotaufstriche hängen soll.

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Warmes Brot, Butter, Kaffee. Selten war ich zufriedener. Vorm Fenster ist super Wetter zum Endurofahren und ich sitze hier noch immer beim Frühstück. Dabei bin ich längst satt. Kann es sein, dass ich das Frühstück in die Länge ziehe, weil ich insgeheim ein bisschen Angst habe vor dem, was mich erwartet?

Nun gut, vielleicht ein bisschen. Die Angst zu versagen: Sandfelder, Flüsse, Pieps und ich allein. Was, wenn ich die Honda im Fluss versenke und mich gleich mit? Was, wenn der Luftfilter vollläuft? Wie lange braucht der ADAC zur Askja und wer ruft da überhaupt an und von wo?

So voller Zweifel. Manchmal ist es kein Leichtes, ich zu sein. Ich stürze den letzten Schluck Kaffee herunter, sammele Pieps ein und schiebe mit Elan den Stuhl zurück: "Komm Pieps, Showtime!"

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Draußen vor der Tür steht ein gewisser Jemand und grinst mich heraus­fordernd an. Ich gehe grußlos vorüber: Die Nacht bei mir pennen, sich in aller Frühe aus dem Staub machen und sich dann nicht mehr melden, kein Anruf, keine Karte, nichts. "Ziege!", denke ich.

Es wird Zeit, mich startklar zu machen. Heute wird sich zeigen, ob meine selbst konstruierten Watstiefel etwas taugen. Manche Islandfahrer kaufen sich extra Wathosen aus dem Angelshop, aber zusammengerollt wird das ein Riesenpaket. Andere laufen in ihren Motorradstiefeln durch den Fluss, mit dem Ergebnis nasser Füße und wieder andere setzen keinen Fuß ins Wasser und heizen einfach durch. Ich liebe die Clips dazu bei Youtube.

Nein, ich habe eine andere Idee: Ich fahre in Gummistiefeln. Nicht in den Billiggurken aus dem Baumarkt, sondern in premium Wandergummi­stiefeln aus Schweden. Die Motorradhose steck ich rein und die Regenhose trag ich über den Stiefeln und dichte sie mit Klettriemen ab, damit kein Wasser eindringen kann. Soweit die Theorie.

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Sorgfältig binde ich jedes Hosenbein mit vier Relags Strap-its ab. Wenn ich nicht zu lange im tiefen Wasser stehen bleibe, sollte es dich halten.

Heute geht es zur Askja, dem großen Vulkan im Vatnajökull-Nationalpark. Dort hat die NASA ihre Astronauten für die Mondlandung trainiert, darunter Neil Armstrong, den ersten Menschen auf dem Mond. Momentan arbeiten Wissenschaftler im Rahmen des Mars Exploration Program an einem Trainingsprogramm für die erste Reise zum Mars. Und durch diesen Training Ground hoppeln Pieps und ich heute auf unserem Ackermofa.

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Drei Kilometer hinter Möðrudalur beginnt die F905 zur Askja. Das "F" vor der Nummer steht für Fjallvegur. Das sind Hochlandpisten, die nur für Jeeps geeignet sind, nicht für SUV, und damit perfekt für Enduros.

Ein Schild am Beginn jeder F-Road weist auf die Fahrzeuge hin, mit denen man die Strecke bewältigen kann und mit welchen eher nicht.

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Es ist ein besonderer Moment, als ich vor den Schildern am Beginn der Piste kurz stehenbleibe. Theoretisch weiß ich alles, was zu tun und zu lassen ist, um die Strecke zu meistern. Ich habe jede verfügbare Quelle studiert, habe Karten und Luftbilder angeschaut und viele Erfahrungsbe­richte gelesen. Ich brauche bloß alles so zu machen, wie es da stand und alles zu unterlassen, was auf Youtube unter Iceland River Fail zu sehen ist.

Ich lege den Gang ein, lasse die Kupplung kommen und düse in bester Entdeckerlaune los. Das letzte Mal so voller Vorfreude auf eine Piste war ich am Aursjøvegen in Norwegen.

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Ich schalte in den zweiten, dritten, vierten Gang und halte das Motorrad knapp unter 60 km/h. Die Piste ist gut zu fahren, etwas holperig, aber hier könnte man auch mit einer Harley fahren.

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Auf dem Weg zur Askja soll es zwei Furten geben. Soweit ich in Erfahrung bringen konnte, sind beide gut zu bewältigen. Nach ein paar Kilometern komme ich an ein mickeriges Rinnsal. Ich halte kurz an und fahre dann ohne weiteres Zögern in einem Rutsch durch. Das war ja gar nichts.

Nicht lange danach erreiche ich die zweite Furt. Sie ist deutlich breiter, aber auch nur ein paar Zentimeter tief. Jetzt will ich wenigstens einmal meine neuen Watstiefel ausprobieren, bevor ich da einfach durchfahre.

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Ich lasse das Motorrad mit laufendem Motor stehen und stiefele in den Bach. Sofort habe ich das Gefühl, die Stiefel sind undicht. Die teuren Superstiefel undicht? Nein, es ist die Kälte. Das Wasser hat nur 4 °C. Die Strümpfe sind knochentrocken.
Platzhalter Platzhalter Ich bin ein wenig enttäuscht. Das sind die sagenumwobenen Furten auf Island, um die solch ein Wirbel gemacht wird? "Das ist alles, was du zu bieten hast, Island?", denke ich großkotzig. Ein seichtes Rinnsal, in dem Babys planschen? Da könnte ich auf dem Hinterrad durchheizen.

Da ist bloß eine Information, die mir zu diesem Zeitpunkt noch fehlt: Bäche und Tümpel sind keine Furten. Das sind bloß Pfützen, über die hier keiner spricht. Aber das werde ich schon noch herausfinden.

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Nach einer Stunde habe ich etwa 20 km geschafft. Das läuft ja besser als gedacht. Ich bin in absoluter Hochstimmung. Die Piste ist zwar etwas holperig, aber einfach zu fahren. Dafür braucht man keine Enduro.

Manche Ziele sind im Reiseführer überzeugender als in der Realität. Die Wirklichkeit kann manchmal nicht Schritt halten mit der eigenen Erwartung. Das ist mir auf Reisen schon oft passiert.

Diesmal ist es umgekehrt. Der Eindruck, den die steinige Wüste auf mich macht, ist überwältigend. Natürlich hatte ich Fotos und Videos gesehen, wusste ungefähr, was mich erwarten würde, aber diese Landschaft haut mich fast aus dem Sattel. Die Farben, eine Million Abstufungen von braun, grau und beige, die Weite, die völlige Abwesenheit von Vegetation und Zivilisation. Überwältigend!

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Dennoch täuscht das Gefühl von Einsamkeit. Von Zeit zu Zeit begegnet mir ein Geländewagen, der in einer Staubwolke die Piste entlang heizt und bald darauf in der Ferne verschwunden ist.

Der Untergrund wird rauher. Viele Querrillen dicht aufeinander, die das gesamte Motorrad in Resonanz versetzen, die typische Wellblechpiste, äußerst unangenehm zu fahren. Das Wilbers-Fahrwerk steckt vieles weg, ist aber zu straff gedämpft. Ich halte an, stelle den hinteren Dämpfer fünf Klicks weicher und fahre wieder los. Jetzt ist es besser, aber trotzdem werden wir noch ganz schön durchgeschüttelt.

Plötzlich taucht vor mir ein Verkehrsschild mit einem stilisierten 4x4 auf, der durch einen Fluss fährt. Eine Furt? Aber ich hab doch schon beide Furten gemeistert, denke ich weinerlich. Was soll das denn jetzt noch?

Wenigstens gibt es für diese Furt eine gedruckte Bedienungsanleitung:

Crossing requires caution
  • Where to cross the river? Rivers and crossings change constantly
  • Old wheel tracks don't tell the whole story. Show caution.
  • Cross gently in lowest gear
  • Usually it is preferable to cross at a slight angle downstream

  • Das klingt einfach. Außerdem hat Claudia mir hundertmal erklärt, wo ich den Fluss überqueren soll: "Direkt an der Kante, wo das Wasser grisselig wird", hatte sie gesagt und mich dabei über ihre Brille mahnend angeblickt. Ich habe geduldig genickt, obwohl ich es längst auswendig mitsprechen könnte. "Auf keinen Fall in der Mitte, wo das Wasser ruhig ist und die Furt am schmalsten, hörst du?"

    "Ich bin ja nicht blöde", hab ich in der Sicherheit meines warmen Wohn­zimmers leicht patzig geantwortet, aber jetzt bin ich heilfroh über jedes bisschen Coaching, das ich mit auf den Weg bekommen habe.

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    Eine Sache hatten wir vereinbart: Wenn ein Fluss zu tief erscheint, zu unsicher, das Furten zu riskant, dann kehre ich um und fahre zurück. Das Benzin haben wir so berechnet, dass es immer auch wieder zurück reicht.

    Das Wasser fließt ruhig dahin, aber sowie ich den ersten Fuß in den Fluss setze, merke ich, wie stark die Strömung ist. Als erstes trage ich den Tankrucksack rüber. Darin wohnen Pieps, die gute Kamera und alles Elektrische, wie Akkus und Ladegeräte. Außerdem brauche ich den Platz, wenn ich im Stehen fahre.

    Ich wate am Rand der Stromschnelle im weiten Bogen auf die andere Seite. Der Untergrund ist grobes Felsgestein. Beshicen zu laufen und beshicen zu fahren.

    "Kurz vor der Ausfahrt kommt meist noch ein tiefer Topf, der entsteht, wenn die schweren Wagen Gas geben, um die Steigung aus dem Flussbett zu schaffen. Da musst du mit dem Motorrad gut aufpassen", hatte Claudia mir eingeimpft.

    Für einen Moment denke ich tatsächlich darüber nach, zurück nach Möðrudalur zu fahren und mich neu zu orientieren, aber ich will nicht schon vor der ersten Schwierigkeit kneifen und das bombig gute Wetter flößt mir Vertrauen ein.

    Ich stelle das Stativ auf und richte die Kamera ein. Falls ich tatsächlich baden gehe, soll es wenigstens ein gutes Video davon geben, denke ich in einem Anflug von Fatalismus.

    Ich wate zurück, lasse den Motor an und starte gleich in den Rasten stehend, so wie ich es vor Jahrzehnten beim Jugendtrial gelernt habe. Ich halte mich dicht an der Stromschnelle, da wo das Wasser sich kräuselt. Bloß nicht zu langsam werden. Wer die Kiste abwürgt, liegt eine Sekunde später im Bach.
    Platzhalter Platzhalter Wie alle Enduros, die auch für die die Straße gedacht sind, ist auch die Honda für Gelände zu lang übersetzt. Ich bin immer etwas zu schnell. Die lange Gabel federt einige Male tief ein, Wasser spritzt, aber das große Vorderrad überquert jedes Loch und jeden Brocken, die unter Wasser verborgen liegen. Am Ende wird es noch einmal tief, aber dann lenke ich die Enduro auch schon ans Ufer. Mir fällt ein Stein vom Herzen, das war viel einfacher, als es vorher aussah.

    Einen Fehler mache ich aber doch, obwohl der mir erst hinterher auffällt und diesmal keine Folgen hat: Ich stelle den Motor ab. Wenn man aus dem Fluss kommt, soll man die Maschine laufen lassen, für den Fall, dass irgendwo Wasser eingedrungen ist. Hab ich gewusst, hab ich vergessen.

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    Ich sammele die Kamera wieder ein und schnalle das Stativ und den Tankrucksack auf, als hinter mir ein Toyota Landcruiser den Fluss überquert. Der große Geländewagen hat keine Schwierigkeiten in der Furt. Das ist der Vorteil der Autos: Sie kippen nicht so schnell um.

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    Eine Viertelstunde später die nächste Furt. Es ist ein Seitenarm desselben Flusses. Diese ist schmaler und auch nicht so tief. Ich scoute trotzdem erst zu Fuß und trage dabei auch den Tankrucksack rüber. Die selbstge­baute Wathose hält prima dicht, meine Füße sind trocken.
    Platzhalter Platzhalter Die Terraformer von Style your local Planet haben auf Island Unglaubliches geleistet. Die haben damals auch Tatooine gestaltet, den Wüsten­planeten im Äußeren Rand der Star Wars Galaxy.

    Entfernungen im Hochland lassen sich genauer in Stunden als in Kilometern angeben. Ich hatte mich völlig verschätzt, was die Fahrtstrecke zur Askja angeht. Wie lang können 90 Kilometer schon dauern? Von Kiel nach Flensburg hab ich 90 Minuten gebraucht. Auf der Landstraße.

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    Für die F-Roads muss ich das passende Zeitgefühl erst noch entwickeln. Inzwischen fahre ich nur noch 40 km/h. Alles darüber hinaus geht sehr aufs Material, vor allem auf meinen Rücken. Immer wieder ragen große, scharfkantige Brocken Lava aus dem Boden: Gemeine Reifenkiller. Hellwach scoute ich jeden Meter, über den ich die Honda lenke. Eine Panne ist das Letzte, was ich hier draußen brauche.

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    Das Thermometer zeigt fürs Hochland sagenhafte 20 °C. Die Sonne brennt mir auf den Helm. Ich bekomme Durst und lasse die Honda auf dem Weg ausrollen. Da ist eine Sache, die man über das Hochland unbedingt wissen muss: Man darf niemals, never ever, auch nur einen Meter offroad fahren, keinen Meter die markierte Piste verlassen. Darauf stehen drako­nische Strafen. Jedes Jahr zahlen Touristen 5-stellige Eurobeträge, weil sie in die unberührte Landschaft gefahren sind.

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    Ich käme nicht auf die Idee, wild durch die Pampa in Richtung Horizont zu heizen und Spuren zu hinter­lassen, die noch in zehn Jahren sichtbar sind. Für meine kleine Seele sind diese Piste und ihre Furten offroad genug. Mehr braucht es so fern der Heimat nicht. Dieses Motorrad und dieser Körper sollen mich schließlich noch heil zurück bis nach Kiel bringen.

    Weil man die Piste nicht verlassen darf, ist es aber schwierig, einen geeigneten Platz für eine Pause zu finden. Meine deutsche Beamtenseele tut sich schwer damit, das Motorrad einfach auf dem Weg stehen zu lassen: "Und wenn da jetzt einer vorbei will?"

    Es will aber niemand vorbei und so stehe ich am Rand eines großen Lavafelds und trinke Wasser aus der Plastikflasche. Die muss ich nachher an der Asjka unbedingt nachfüllen. Es war sowieso blöd, mit nur einer Flasche Wasser hier raus zu fahren. Dafür haben wir genug Nüsse und Schokolade mit. Und Travellunch.

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    Gegen Mittag erreiche ich die Bimssteinwüste. Das Land ist kilometerweit mit hellem Bims bedeckt. Damit könnte man tausend Fußpfleger für eine Million Jahre mit Bimsstein versorgen. Der Bims knirscht unter den Reifen, aber ansonsten ist er gut zu fahren und ich nehme ihn kaum wahr.

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    Schließlich erreiche ich einen Fluss, der unmöglich zu furten wäre. Nicht einmal mit einem Bergepanzer würde ich dort reinfahren. Erst seit einigen Jahren gibt es hier eine Brücke. Vor Jahrzehnten, als Claudia hier mit dem Landrover unterwegs war, sind vier Japaner dort ertrunken, die mit ihrem Mietwagen den Fluss überqueren wollten.

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    Heute besteht die größte Unbill darin, das Tor zu öffnen und hinter sich wieder zu schließen. Ich bleibe einen Moment auf der Brücke stehen und schaue mit Gruseln hinunter in den Fluss. Das ist Schmelzwasser vom Gletscher Vatnajökull, der fast ein Zehntel der Fläche Islands bedeckt.

    Als die Bimswüste endet, führt die Piste über flache Lavaplatten. Es fährt sich ganz angenehm, etwa wie auf schlecht verlegten Gehwegplatten.

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    Die Furten liegen hinter mir, aber was ist mit den gefürchteten Sandfeldern, von denen ich gelesen habe? Die nagen beständig in meinem Hinterkopf. Wann kommen die und wie schlimm sind sie?

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    Ich habe den Gedanken kaum zu Ende gedacht, als die Piste weicher wird. Schwarzer Sand, der in der Mittagsonne glänzt. Ich stehe auf, schalte runter in den Dritten und halte die Maschine auf Drehzahl, dass ich mich jederzeit mit einem beherzten Gasstoß retten kann, falls es brenzlig wird.

    Die Honda fräst sich durch den Sand wie nix. Das Hinterrad tänzelt ein wenig, bricht aus, aber fängt sich wieder. Das macht richtig Spaß. Was soll daran schwierig oder gefährlich sein? Auf einem Racer wäre es schwierig, aber mit jeder normalen Reisemaschine ist das total easy.

    Wenn das alles ist, was die hier an "gefährlichen Tiefsandfeldern" zu bieten haben, dann ist das Babykram. Manchmal glaube ich, die Isländer übertreiben absichtlich, um Eindruck zu schinden.

    Eine halbe Stunde später bekomme ich eine wunderbar Gelegenheit, über die Bedeutung der ersten Todsünde nachzudenken: Hochmut!

    Am Rand der Piste steht ein nagelneues Schild mit dem Hinweis:

    WARNING
    Deep sand

    Use 4WD! Do not stop
    or meet traffic in sand
    wait for your turn

    Fehlt nur noch der Hinweis "Good luck!"

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    Ich bliebe einem Moment stehen und sammele noch einmal alles, was ich über das Fahren im tiefen, weichen Sand weiß: Die Idee ist dieselbe wie beim Wasserskifahren: Das Vorderrad muss auf dem Sand schwimmen. Dazu muss man es entlasten und braucht genug Beschleunigungspower, damit der Vorderreifen aus dem Sand kommt. Man steht in den Rasten, streckt den Hintern weit nach hinten und hält den Lenker mit langen Armen fest. Und dann heißt es Gas, Gas, Gas!

    Dann mal los, denke ich und lasse die Kupplung kommen. Stehend, im zweiten Gang mit wenig Gas rolle ich an das erste Sandfeld heran. Eine tief ausgefahrene Spur aus Sand und Asche, weich wie schwarzes Mehl. Ich gebe Gas, aber nicht zu sehr. Die Beschleunigung muss bis zum Ende des Sandfelds reichen. Das Vorderrad schwimmt auf, ich bestimme bloß noch grob die Richtung. Jetzt hänge ich in der LKW-Spur, oh, oh, böse, ich komme ins Schleudern, gleich liegen wir auf der Seite. Ich drehe voll auf und die leichte Enduro schießt mit brüllendem Motor nach vorn, fängt sich, schlenkert, stabilisiert sich und dann sind wir durch. Der Boden wird für hundert Meter wieder fest. Ich bin nassgeschwitzt bis auf die Haut.

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    Auf diese Weise geht es über viele Kilometer durch immer wieder neue Sandfelder von zehn Metern bis über mehrere hundert Meter Länge. An einer Stelle entdecke ich Spuren eines verunglückten Motorrads. Man kann genau erkennen, wo es sich zerlegt hat und auch einen Abdruck vom Seitenkoffer. Die Spur ist ganz frisch, er kann nicht weit voraus sein. Hoffentlich geht es ihm gut. Es sind zwei Tracks, er ist also nicht allein.

    Der sicherste Weg im weichen Sand zu stürzen ist Gas weg zu nehmen. Der Vorderreifen gräbt sich ein, verzögert, der Lenker verkantet und man liegt fast zwangsläufig auf der Seite. Man muss gegen seine Instinkte handeln und Gas geben, wenn es brenzlig wird. Das fühlt sich total falsch an und man kriegt eine Heidenangst, aber es funktioniert.

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    Irgendwann erreiche ich die zweite Brücke. Der Fluss ist reißend, die Ufer wären mit keinem Fahrzeug zu erklimmen. Erst seit es die beiden Brücken gibt, ist dieser Weg bis zur Askja befahrbar.

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    Es sind 90 strapaziöse Kilometer vom Campingplatz in Möðrudalur bis zur Askja, aber es ist auch die wunderbarste, herrlichste, sensatio­nellste und verrückteste Strecke, die ich je gefahren bin. Schon jetzt ist es der beste Enduro-Fahrtag, den ich jemals erlebt habe und der Tag ist erst halb um. Ich bin rundherum glücklich.

    Nach viereinhalb Stunden ist die Askja fast zum Greifen nah. An ihrem Fuß eine Handvoll winziger Hütten, die auf schwarzem Sand hell in der Sonne leuchten. Das ist Camp Dreki. Man kann dort zelten und es gibt Schlaf­sack­plätze im Matratzenlager, aber vor allem gibt es Wasser und sie haben einen Lokus.

    Hundert Meter vor dem Camp ist noch einmal eine Furt, aber die ist von hier noch nicht zu sehen. Dafür steht ein Toyota Hilux des Vatnajökull Ranger Service vor mir auf der Piste.

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    Daneben eine junge Frau in schmucker Uniform. Sie hat die Krempe ihres Ranger­huts an einer Seite hochgeknöpft, wie früher in den Daktari-Filmen. Das sieht so cool aus, besonders mit ihren blonden Haaren, die keck darunter hervorblitzen.

    Sie hält ein Papier oder Schriftstück in der Hand und macht eine Handbe­wegung, dass ich anhalten soll. Ich nehme Gas weg und lasse die Honda vor ihr ausrollen: "It wasn't me. I didn't do it. It was not on purpose. I didn't know and I want to speak to a lawyer", gehe ich die Standardsätze meiner Patienten durch, damit ich den passenden parat habe, je nachdem, was mir gleich vorgeworfen wird...

    zum nächsten Tag...

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    Diesen Tag musste ich teilen in einen Vor- und einen Nachmittag. Sonst wäre ich niemals rechtzeitig fertig geworden. Am nächsten Sonntag erzähle ich euch, wie es weitergeht und was der Ranger Service wollte...



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    Svenja Svendura EndurowandernMade by Svenja Svendura on Apple iMac with Panic Coda and Photoshop Elements.